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Einführung in die Ausstellung "Verbindungen" mit Arbeiten von Andreas Seeliger, Karin Peyker, Otto Hainzl und Susan Donath (leicht veränderte Fassung)

Dr. Andreas Krase, 13. April 2012 im KUNSTFOYER des Kulturrathauses

Es ist eine sehr dankenswerte Bemühung des Kulturamtes der Stadt Dresden und der Stadtverwaltung der Partnerstadt Salzburg, in den Künstleraustausch zu investieren und damit Perspektiven von außen in die jeweilige Stadt zu holen.
Kontinuität in dieser Richtung lohnt sich: In den Technischen Sammlungen Dresden wurden 2007/2008 Arbeiten des in Salzburg ansässigen Fotografen Hanns Otte gezeigt, „Dresden, Linz, New York und die Berge" - mit Hauptaugenmerk bei den Arbeiten aus Dresden, die Otte, auf Einladung des Kulturamtes in der Stadt weilend, gefertigt hatte. Der nächste in einer möglichen Reihe war der Amerikaner Fredrik Marsh, der 2002 zunächst auf Basis eines Stipendiums der Partnerstadt Columbus - des Greater Columbus Arts Council - nach Dresden gekommen war. Danach hielt er sich mehrfach - bis 2006 regelmäßig im Sommer - in der Stadt auf, um hier fotografisch zu arbeiten. 2009 haben die Technischen Sammlungen Dresden eine Werkausstellung und eine umfangreiche Publikation mit den Arbeiten von Fredrik Marsh präsentiert.
2008 wurde durch die Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und mit eigener Initiative auch durch das Kulturamt gefördert, das Dresdner Stipendium für Fotografie eingerichtet, das seitdem in Kooperation mit den Technischen Sammlungen Dresden betrieben und betreut wird.
Es ermöglicht alle zwei Jahre einem Stipendiaten - bisher waren es männliche Stadtfotografen - einen Aufenthalt für drei Monate in der Stadt. Und eine Ausstellung, wenn nach Einschätzung aller Beteiligten entsprechende Ergebnisse vorliegen und das Interesse vorhanden ist. Inzwischen zeichnet sich ab, es ist eine Art Dresden-Ikonografie fotografischer Art am Entstehen.
Die Arbeiten des Salzburgers Hanns Otte, von Fredrik Marsh, von Ralf Meyer und des Stipendiaten des Jahres 2012, Kai-Olaf Hesse, weisen Gemeinsamkeiten auf: Diese Fotografen, die sich mit dem Stadtbild auseinandersetzten, haben zu einem kleinen, aber signifikanten Teil ähnliche Situationen, die gleichen Plätze, fotografiert: In der Sichtweise sind die Ergebnisse jedoch sehr unterschiedlich: Es gibt einen ansteigenden Effekt im Laufe der Zeit.

Zur Ausstellung „Verbindungen":
Otto Hainzl lebt in Linz, hat aber enge Verbindungen zum eine Stunde Fahrzeit entfernten Salzburg und der dort ansässigen, auch international bedeutenden Galerie Fotohof Salzburg. Hainzl ist Fotograf. Seine Arbeit ist stark konzeptionell orientiert - was ihn als fotografierenden Künstler der Gegenwart ausweist: Fotografie wird bei ihm, für ihn zum Akt des Zeigens. Seine Arbeit „Wir - Dramaturgie des sozialen Lebens" ist streng genommen kaum als Serie wahrzunehmen, denn sie besteht aus einer losen Folge von Fotografien, Szenerien, die an unterschiedlichen Orten - immer aber innerhalb Europas - aufgenommenen wurden. Sie entstanden vornehmlich aus der Situation heraus, also nicht nach vorgegebenem Plan. Hainzl diskutiert mit seinen Aufnahmen sein Verständnis des fotografischen Übertragungsprozesses - und dies macht es nicht ganz einfach, Fotografien, die mit einem quasi dokumentarischen Gestus aufwarten, angemessen zu verstehen. Die im Eingangsbereich platzierte Aufnahme - 2007 an einem Ausflugsziel in der griechischen Inselwelt entstanden - ist hierfür typisch: Zunächst ist zu konstatieren, dass die grafischen Gewichte der schwer oder leichter wirkenden Zonen ungewöhnlich verteilt sind: Der Betrachter erblickt die Abbildung einer Bucht mit Badestrand, die Rückwand derselben lastet steil und massiv von oben, davor befindet sich die Ruine eines gestrandeten Schiffes und nochmals davor, auf hellgelbem Strand, werden die touristischen Besucher ansichtig, bis unten im Bild das leuchtende Blau des Wassers aufsteigt - hell und aktiv im Vergleich zum gelbgrauen Hintergrund. Hainzl hat hier lange gewartet, um seine Aufnahme zu machen: Wer näher an den Print herantritt, gewahrt viele verschiedene, parabelhafte Formen menschlicher Aktivität, förmlich Mikrogeschichten. So verhalten sich - dies wäre ein mögliches Resümee, Erholung suchende Menschen. Die Kulisse wirkt absurd, die possierlichen Figuren führen merkwürdige Gebärdenspiele auf. Der Fotograf interessiert sich hauptsächlich für eine nochmals dahinter liegende Ebene: Für das soziale Leben selbst, das ja nicht in einzelnen Bildern gerinnt und aufzufangen wäre, sondern als ein Allgemeines, als Verhalten einer Gattung vorhanden ist - und als Gemeinsames der Serie wird dieses leitende Interesse erkennbar.
Auch die beiden weiteren in der Ausstellung befindlichen Fotografien sind so gewichtet: Sie offerieren Spuren, Indices sozialen Lebens - und dies beileibe nicht nur über die eigentlich handelnden Figuren selbst, sondern auch in bestimmten Abdrücken ihrer Aktivität im Bildbestand - seien es Miniaturfiguren in einem Blumenkasten, seien es wohl Filmwerbung darstellende Poster, die wiederum fotografiert worden sind - und deren Realitätsbezug, deren Realitätsebene, schwer zu bestimmen ist.

Karin Peyker ist mit ihren Arbeiten die zweite hier präsente Künstlerin aus Österreich. Salzburg ist ein biografisch wichtiger Ort auch für sie, sie hat dort studiert und arbeitet im Umfeld der Galerie Fotohof. Aber auch Leipzig ist ein Lebensort - sie schloss dort 2009 ein Studium der Fotografie ab, u. a. mit einer Arbeit über Porträtfotografien - Fotokeramiken an und auf Grabmälern. Diesem Thema war auch ihre theoretische Diplomarbeit gewidmet. Karin Peyker befasst sich mit bereits vorhandenen Bildern, die Vergangenheit tragen, Erinnerung stiften sollen. Sie sucht auf Oberflächen, in Situationen nach Spuren des Gewesenen. Insofern dient ihr die Fotografie als Behältnis der und Kontaktstelle zur Vergangenheit.
In der Ausstellung sind stellvertretend für eine ganze Serie zwei Fotografien aus der Arbeit „in zwischen" zu sehen. „In zwischen" zeigt Wohnräume, aus denen das Leben entwichen ist, in denen die Spuren der vorherigen Bewohner aber quasi noch „warm" zu spüren sind. Die Fotografin hat zunächst Räume von Familienmitgliedern aufgenommen, die durch Krankheit oder andere Umstände ihre angestammte Umgebung hatten verlassen müssen: Räume, die nicht mehr der einstigen und noch nicht einer neuen Benutzung dienen, fragmentierte Zusammenhänge aufweisend, denen immer noch etwas Persönliches, Individuelles anhaftet. Leider nur mit zwei Bildern vertreten, steht die Serie für die dichte Berührung von Leben und Tod, die die Künstlerin in verschiedenen anderen Arbeiten bereits thematisiert hat. Ganz anders, aber doch nicht ohne Bezug, ist die Fototapete mit exotischen Landschaftsmotiven zu verstehen - auch hier wird über Vergeblichkeit verhandelt. Karin Peyker hat eine Idealmontage touristischer Landschaftsformationen hergestellt, sich allerdings nicht beim romantischen Repertoire bedient, sondern bei dem, was die Tourismuswerbung bereitstellt, oder auch der Baumarkt an Motiven für die Wohnungsverschönerung. Wer genau hinschaut, kann bemerken, dass es sich nicht um eine Collage mittels Computer, sondern um eine Montage mit Schere und Kleister handelt. Dazu kommt noch die schrundige Oberfläche der Arbeit - hier wird mit Signalen jenseits haltbarer Kunst gearbeitet. Dass diese Art der Ausfertigung auf das Gemachtsein, die Brüchigkeit von Idealvorstellungen irdischer Landschaften verweisen soll, ist eine Hypothese, die dem Betrachter immerhin nahe gelegt wird.

Die in Dresden ansässige Künstlerin Susan Donath - sie arbeitet vornehmlich bildhauerisch und installativ - ist mit einer einzigen Arbeit vertreten, einem Plakat im von der Werbung geschaffenen Format „City-Light-Poster". Was hat dieses mit Salzburg oder Dresden zu tun?  Nun, hier setzt eine Erzählung ein, die als Ableitung dienen mag, aber nur ein Zugewußtes wird bleiben müssen: Susan Donath, Absolventin der Dresdner Kunsthochschule, in Salzburg 2011 als Stipendiatin tätig, sich mit einem Konzept zur Sepulkralkultur in Österreich und speziell Salzburg beworben habend, befasste sich mit Andachtsbildern, speziell dem ikonografischen Klassiker „Madonna mit Kind" - und vor Ort, dem Gnadenbild der Maria in der Wallfahrtskirche Maria Plain. Selbst eine junge Mutter mit Kind, zurück in Deutschland, durchläuft sie die Wohlfahrtstaatsregularien zwecks Existenzsicherung und entschließt sich, nachdem sie festgestellt hat, dass es in ihrem persönlichen Umfeld nicht wenige vergleichbare Problemfälle gibt - die aber in der Regel mit Verschwiegenheit behandelt werden - entschließt sie sich, sich quasi zu outen: Es entsteht eine Frontalaufnahme, ein Porträt, professionell ausgeleuchtet von der beauftragten Fotografin, der Blick der Protagonistin ist bannend auf ein mögliches Gegenüber gerichtet. Hier begegnet kein stählern tüchtiges Lächeln wie bei den Moderatorinnen der staatlichen Fernsehsender ARD und ZDF in den Nachrichtensendungen, der Gesichtsausdruck dieser jungen Frau kann auch als fordernd empfunden werden. Man liest: „Künstlerin, Selbständig, Bezieht ALG II (diese Abkürzung zum Einkommen - Arbeitslosengeld - ist in Deutschland weithin verständlich), Alleinerziehend". Diese Selbstdarstellung ist provokant auch insofern, dass sie in der fast monumentalen Ausfertigung in Form eines „City-Light-Posters" präsentiert wird, Eine höher gebildete Person - und noch dazu Frau und noch dazu alleinerziehend das heißt nach üblichem Sprachgebrauch mit mindestens einem Kind und ohne Partner - bekennt ihren problematischen sozialen Status in einer Bewerbung, einer Annonce - wofür?

Der Dresdner Fotograf Andreas Seeliger hat sich 2009 für knapp drei Wochen als Stipendiat in Salzburg aufgehalten - und zeigt zwei sehr sorgsam gestaltete und gehängte Serien. Seine topografischen Fotografien zeigen nichts von dem, was das Klischee „Salzburg" an möglichen Vorstellungen aufruft. Seeliger hat sich in den Außenbezirken der Stadt aufgehalten, dort, wo das eigentliche Leben spielt, dort, wo dem touristischen Zentrum zugearbeitet und zugelebt wird. Es gibt hier sehr nahe liegende Vergleichsmöglichkeiten zur Arbeit des Salzburgers Hanns Otte, der sich in seiner Arbeit vor allem für die Funktionslandschaften, für die Peripherien urbaner Räume in verschiedenen Städten und Ländern interessiert. Andreas Seeliger hat vergleichbar ebenfalls ein Gegenbild entworfen zum historischen und tourismuskompatiblen Selbstbild der Stadt Salzburg. Das Besondere seiner Herangehensweise war, dass er versucht hat, zugleich mit den Elementen austauschbar erscheinender Vorstadtarchitekturen die unverwechselbaren Elemente mit zu berücksichtigen. Der Eindruck einer eher rätselhaften baulichen Fremde überwiegt allerdings auch deshalb, weil keine Menschen in den Bildern erscheinen. Es dauert nicht lange, und der Betrachter gewahrt die gesuchte Pointierung der Farbelemente Rot-Weiß in den Bildern - die Farben der österreichischen Nationalflagge. Dieser Effekt ergab sich zunächst zufällig, wurde anschließend aber vom Fotografen bewusst integriert. Prägnant ist vor allem die Berücksichtigung räumlicher Konstellationen innerhalb der Fotografien - hier unterscheidet sich die Herangehensweise von Seeliger sehr deutlich von der Hanns Ottes. Häufig verläuft der Tiefenzug ins Bild im schrägen Winkel zur Ebene, die von der Bildoberfläche bestimmt wird - entgegen der Zentralperspektive. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit einer sehr eigenen, skulpturalen Lesart der Fotografien - sie könnten auch als abstrakte Kompositionen gesehen werden und werden so als visuelle Formationen eigenen Rechts wahrnehmbar. Was wiederum für die Serie mit Aufnahmen vom feierlichen Zeremoniell Salzburger Feuerwerkleute am St. Florianstag nicht zutrifft - hier überwiegt das fotografische Interesse an der öffentlichen Inszenierung einer Zunft, dem spezifischen Gepränge eines städtischen Ereignisses in Salzburg.

Bleibt zu konstatieren, dass es bei den beteiligten Künstlern sehr wohl einen verbindenden Bezug zu Salzburg als Ort gibt - allerdings hinsichtlich der Fotografie sehr unterschiedliche Umgangsweisen: Fotografie als Mittel zur künstlerisch intendierten Dokumentation, als Durchgangsstation auf dem Weg zu allgemeineren, konzeptuell bestimmten Fragestellungen, Fotografie als Bildmedium, dessen Wirkungsmechanismen in der öffentlichen Wahrnehmung befragt werden, Fotografie als Beleg von Interventionen im sozialen Raum und auch das, als eine Möglichkeit von verschiedenen, parallelen vorhandenen, sich künstlerisch zu betätigen.
© Dr. Andreas Krase

Autor

Dr. Andreas Krase
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Kurator für Fotografie und Kinematografie

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