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EXAKTA in aller Welt!
Das Dresdner Kamerawerk IHAGEE

Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden (leicht redigiert) 

Dr. Andreas Krase, Technische Sammlungen Dresden, 13. April 2012

Im Folgenden soll es um das Konzept der Ausstellung und die damit verbundenen Intentionen gehen: Um den Entwurf einer Geschichte, um eine Erzählung, die entrollt wird. Die Ausstellung beginnt nicht mit ihrem Hauptthema – einem bedeutenden Teil der Geschichte der Dresdner Fotoindustrie, mit industrie- und technikgeschichtlichen Aspekten. Sie beginnt mit einer kleinen Auswahl von Fotografien unter dem Titel

„Fotografiert mit der EXAKTA Varex“. „Fotografiert mit der EXAKTA Varex“: Aufnahmen von Günther Mickwausch
Erst Anfang diesen Jahres hat das Dresdner Stadtmuseum eine Anzahl von Fotografien aus dem Nachlass von Käthe (1909 – 2011) und Günther Mickwausch (1908 – 1990) als Geschenk erhalten und für die Ausstellung als Leihgaben zur Verfügung gestellt: Das Künstlerpaar, das in Heidenau bei Dresden lebte, beides akademisch ausgebildete Maler und Grafiker, auch als Gebrauchsgrafiker mit Entwürfen für die in Dresden ansässige Industrie tätig, interessierte sich für die gestalterischen Aspekte der Fotografie. Günter Mickwausch hat seine Fotografien auf der Rückseite in der Regel sorgfältig beschriftet. Neben dem Titel findet sich häufig der Hinweis: „Fotografiert mit der EXAKTA Varex“. Die Aufnahmen stammen aus den 1950er und 1960er Jahren.
Mickwausch war ein ambitionierter Amateur: In seinen Landschaftsfotografien, in seinen Pflanzenstilleben finden sich die ästhetischen Merkmale einer eher konservativen Stimmungsästhetik, die für die anspruchsvolle Amateurfotografie in den Jahren nach 1945 bestimmend war. Diese Orientierung galt interessanterweise für beide Teile Deutschlands.
Mickwausch nutzte auch eine Technik der Montage, die vielfach von Edmund Kesting (1892 – 1970) angewandt worden war, einem in Dresden ansässigen Avantgardekünstler, der seit 1925 auch mit Fotografie arbeitete. Mit seiner unkonventionellen Gestaltungsweise, mit Porträts – Negativmontagen, auch Mehrfachbelichtungen – hatte Kesting auf dem Gebiet des Prominentenporträts Erfolg. Doch geriet er um 1953, auch im Zusammenhang des sogenannten „Formalismusstreits“ und der immer enger ausgelegten Doktrin des sozialistischen Realismus in der DDR, mehr und mehr unter Druck. Dresden, jahrzehntelang Mittelpunkt seines Lebens, hatte er schon 1948 eher unfreiwillig verlassen.
Die Aufnahmen von Günther Mickwausch weisen auf etwas Bemerkenswertes hin: Dass ästhetische Tendenzen der fotografischen Gegenwartskunst in vereinfachter Form in die ambitionierte Amateurfotografie eingehen und dort fortexistieren. Sie sinken in verminderter Form ein. Es ist nicht bekannt, warum Mickwausch Hinweise auf die Kamera gab, mit der er fotografierte. Sicherlich war er stolz auf die Technik, die ihm zur Verfügung stand. Möglicherweise bot er aber auch der IHAGEE, dem Dresdner Kamerawerk, seine Aufnahmen für Werbezwecke an.

„IHAGEE in aller Welt!. Das Dresdner Kamerawerk IHAHEE!“
Womit der Übergang eingeleitet und das Hauptthema der Ausstellung aufgerufen wird. Die Fotografien dienen als Hinweis auf die mit der Fototechnik verbundenen Bildwelten – dieser für ein allgemein interessiertes Publikum auch als Einladung verstanden, sich die Ausstellung „EXAKTA in aller Welt!. Das Dresdner Kamerawerk IHAGEE“ anzusehen. Der erste Teil des Ausstellungstitels ist ein Zitat: Es wiederholt das Motto, mit dem die IHAGEE auch 1957 auf der Leipziger Frühjahrsmesse antrat und großflächig warb – zu Zeiten ihres größten Erfolges. Die EXAKTA – und dies wiederholte man stolz in mehreren Sprachen „EXAKTA all over the world!“ „EXAKTA dans le monde entier!“ „EXAKTA en el mundo entero“ gab es tatsächlich in aller Welt! „

EXAKTA Varex – in jeder Hand erfolgreich“
Die Ausstellung beginnt mit den 1950er Jahren. Damit ist ein eher ungewöhnlicher zeitlicher Einstieg gewählt, kein chronologischer. Im Eingangsbereich wird, vermittelt über Gerätesets, die für die Anwendung der EXAKTA Varex im Bereich wissenschaftlicher und Spezialanwendungen entwickelt worden waren, die ungemein hohe Produktvielfalt der Systemkamera EXAKTA Varex thematisiert. Der nicht speziell vorgebildete Museumsbesucher soll sich damit einen Eindruck verschaffen können, wie differenziert eine mechanische Kamera, die EXAKTA Varex, ausentwickelt war, wie vielfältig die Zwecke waren, die mit ihr verfolgt werden konnten und auch, wie vielgestaltig und komplex die technische Anordnung in ihren jeweiligen Kombinationen ausfiel.
In einer mittelständischen Firma zählen Einzelpersonen und ihre Tätigkeiten stärker als in großen Unternehmensverbünden, zumindest aber: Sie werden besonders wahrgenommen. Was im Fall IGHAGEE zutraf. Viermal wird in der Ausstellung auf prägende Persönlichkeiten hingewiesen. Kurztext, Biografie und ein möglichst dem Alltag entnommenes Porträt sind verbunden worden. Besondere Aufmerksamkeit gilt Karl Nüchterlein (1904 – 1945), dem herausragenden Kamerakonstrukteur. Aufbauend auf Nüchterleins Vorleistungen, entstand die EXAKTA Varex in der Konstruktionsverantwortung von Willy Teubner (Lebensdaten bisher nicht genau bekannt). Auch er wird gesondert gewürdigt.
In der Erzählung der Ausstellung ist der Marketingaspekt anzusprechen: Der Erfolg der IHAGEE und ihres Leitprodukts, der EXAKTA Varex, verdankte sich auch einer effektiven, erfindungsreichen Werbung, einem System von Vertretern, mittels dessen die Kamera in ca. 120 Länder verkauft werden konnte. Werbung und Marketing lagen in den Händen eines Mannes, der den kuriosen und damit einprägsamen Namen Werner Wurst (1912 – 1986) trug. Ursprünglich Prokurist der IHAGEE in den 1930er Jahren, war er nach 1945 als freiberuflicher Werbefachmann für die IHAGEE tätig.
Die IHAGEE, als Aktiengesellschaft in Verwaltung in der weitgehend verstaatlichten Wirtschaft der DDR in einer Ausnahmestellung, bezog aus dieser Lage einige Vorteile: So den dadurch möglichen sehr frühen Neustart nach 1945, aber auch größere Freiheit bei der Gestaltung und Realisierung einer ideenreichen Werbung. Eine Vitrine ist den Werbegeschenken gewidmet, die von der IHAGEE an gute Kunden und Geschäftspartner vergeben wurden – eine andere zeigt auch Fachbücher, die von Werner Wurst zur EXAKTA Varex und ihren Anwendungen verfasst worden sind.
Womit neben den Inhalten auch der Aspekt der Ästhetik angesprochen ist: Die Ausstellung folgt in ihrem Grafikdesign, in der Gestaltung ihrer Farben dem frischen und zugleich zeittypischem Erscheinungsbild der IHAGEE-Werbung in den 1950er und 1960er Jahren, in der so genannten „Nierentischchenära“. Das prägende Vorbild wurde von einer Werbebroschüre aus dem Jahr 1956 bezogen. Dort findet sich das GELB als Signalfarbe des Unternehmens, dann ein Rot, mit dem bei Printprodukten häufig kombiniert wurde, schließlich ein helles Blau, auch dieses in Anlehnung an die IHAGEE-typische Gestaltung, die mit heutigen Worten als „corporate design“ zu bezeichnen ist. Fanfarenhaft, helle Schrift auf dunklem Grund, der Titel „EXAKTA Varex“ – zeittypisch gesetzt in ein Schild mit „runden“ Ecken – diese Schild findet sich unübersehbar groß auf den Ausstellungswänden wieder, jeweils ein passendes Zitat tragend.

„IHAGEE – Kameras“
Nach der Einführung wendet sich die Ausstellung ins Chronologische: Eine Abteilung ist der Entstehung der Firma, ihrem Gründer Johan Steenbergen (1886 – 1976) sowie den frühen Produkten der Firma gewidmet – und damit auch der Basis für den späteren Erfolg, die durch die Konzentration auf einen Kameramodelltyp – die Spiegelreflexkamera – geschaffen worden war. Der ersten, von Karl Nüchterlein konstruierten EXAKTA im Format 4 x 6,5 cm ist ein Ehrenplatz eingeräumt worden, ebenso der weltweit ersten, einäugigen Spiegelreflexkamera im Kleinbildformat, der „Kine-Exakta“. Und dem kongenialen Partner von Karl Steenbergen, dem konstruierenden Mechaniker Karl Nüchterlein selbst, der mit seinen technischen Erfindungen die Geschichte der IHAGEE über einen Zeitraum von etwa 35 Jahren hinweg prägte.

„Die Kamera, die alles kann“
Auf einer weiteren Ausstellungswand und in einer Vitrine wird versucht, dem heutigen Betrachter zu vermitteln, wie komplex in ihrer Mechanik, uhrwerkartig, das Innere einer EXAKTA Varex beschaffen war. Dazu dienen eine Explosivdarstellung einer EXAKTA Varex II A, mit den insgesamt 10 Baugruppen in ca. 428 Teilen, die eine EXAKTA Varex zählen konnte. In grafischer Darstellung werden der grundsätzliche Aufbau der Kamera verdeutlicht, und als Verweis auf die wirtschaftliche Dimension, die vergleichsweise enorm hohen Produktionszahlen aufgelistet.

„Wir IHAGEEr“
lautet die Überschrift einer weiteren Abteilung. Hier geht es um das innerbetriebliche Klima, das enge Miteinander beruflicher und privater Beziehungen in der Firma, das sich auch in privat erstellten Fotografiealben zum Leben in und mit der IHAGEE äußert. Hier versucht die Ausstellung zu erklären, worin das Erfolgsgeheimnis bestand, woher die intensive Fortschreibung der Geschichte der IHAGEE rührt, die Sorgfalt, mit der eine Vielzahl persönlicher Zeugnisse, Aufzeichnungen von Erinnerungen, Fotografien überliefert worden sind. Daraus haben wir, im Sinne des US-amerikanischen Anthropologen Clifford Geertz, eine im Ansatz „dichte Beschreibung“ zu entwickeln versucht, die den Vorgang des Verstehenwollens aus heutiger Sicht mitreflektiert. Dem Uneingeweihten wird kein einfacher Zugang gewährt: Verhandelt wird eine stehende Rede, ein substanzieller Mythos, die Überlieferung einer sozialen Gruppe, die sich selbst als eine Gemeinschaft von Könnern begriff. Wobei die versuchte, retrospektive Teilhabe an einem elitären Selbstbild wohl einen Reiz des Themas „IHAGEE“ ausmacht: In der erbenden Aneignung wird Bedeutsamkeit, zumindest der Attitüde nach, fortgeschrieben und internalisiert.

„Original EXAKTA EXA Dresden
Hier geht es, in einem industriehistorisch durchaus vergleichbaren Fall, um den Konflikt von Ost und West, West und Ost im geteilten Deutschland, um einen veritablen Wirtschaftskrieg. Es geht um einen verheerenden Rechtsstreit, geführt über einen Zeitraum von 12 Jahren hinweg. Johan Steenbergen, niederländischer Staatsbürger, Gründer der IHAGEE, nominell immer noch im Besitz von knapp 70 Prozent des – in der DDR staatlich verwalteten Aktienkapitals – beschloss 1959 die Verlegung des Firmensitzes von Dresden nach Frankfurt am Main – in den Westen Deutschlands. 1972 kam es endlich zu einer vertraglichen Einigung zwischen der IHAGEE West-Berlin und der IHAGEE Dresden. Doch hatte der ruinöse Kampf um Recht und Besitz nicht nur zur Verschleuderung von Ressourcen auf beiden Seiten geführt, begleitet vom grundsätzlichen Unverständnis für die jeweils andere Position, sondern auch zur Auslöschung der gegnerischen Parteien. Sie existierten zum Zeitpunkt der Einigung nur noch auf dem Papier!

Das Drama eines Wirtschaftskrieges und von äußerst verbissen geführten Rechtsstreitigkeiten ist schwer darstellbar. In der Ausstellung ist dieses dokumentiert durch die Zeugnisse der insgesamt untauglichen Absetzbewegungen und Ersatzbemühungen auf beiden Seiten. Die Entwicklung von Alternativprodukten, die nicht funktionierten oder nicht bis zur Herstellungsreife kamen: Ein Desaster für beide Seiten.

Auf den Märkten wurde ein Verdrängungswettkampf darum geführt, wem nun der eigentliche Vorrang gebühre. Auch werbegrafisch arbeiteten die verfeindeten Parteien mit denselben Signalen - den seit langem eingeführten IHAGEE-Farben Gelb und Rot.

„Warum sie zur EXAKTA griffen …“
Einen etwas versöhnlicherer Schluss und Ausgang aus der Erzählung bilden die Überführung des Themas IHAGEE und EXAKTA Varex in die Sphäre der Geschichtsschreibung und in die liebende Aufmerksamkeit von Experten, von Sammlern. Die EXAKTA Varex tauchte auch mehrfach in Kinofilmen auf, noch 2012 in dem Hollywood-Film „Extremely loud and incredibly close“. Der abschließende Ausstellungsteil benennt es so: Mediale Verwandlungen setzten ein. Verewigung wird erwirkt, aufsetzend auf die umwegslos gerichtete Aufmerksamkeit von Experten, befördert durch ein Jubiläum, das des einhundertsten Jahrestages der Gründung der Firma im Mai 1912.
Es gibt keinen einfachen Zugang zum Phänomen. Erinnerte Geschichte ist Bestandteil eines größer gefassten Zusammenhangs: Und, der Mythos, die Legende sind unangreifbar und unfassbar, wie jedermann weiß! Dies auch deshalb, weil hier ein Grundbedürfnis zum Ausdruck kommt: Sich doch zu erheben, dem „Menschenwerk überzeitliche Geltung“ zu verschaffen!
© Dr. Andreas Krase

Autor

Dr. Andreas Krase
Technische Sammlungen Dresden
Kurator für Fotografie und Kinematografie

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