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Oliver Reinhard: Über Anna Kasten

Eröffnungrede der Ausstellung "Color Film Stills" von Anna Kasten in der Galerie Raskolnikow:

Als mich Anna Kasten vor ein paar Monaten gefragt hat, ob ich ein paar Worte anlässlich ihrer Ausstellungs-Eröffnung sagen könnte, war ich geschmeichelt, aber noch mehr irritiert. Ich habe ihr gesagt: „Anna, ich arbeite als Filmjournalist, nicht als Kunstredakteur. Ich liebe Kunst, aber ich fürchte, ich kann keine allzu schlauen Dinge darüber von mir geben.“

„Na eben deswegen frag‘ ich Dich ja“, war die Antwort. „Weil Du Filmredakteur bist.“ Zur Beruhigung hat Anna mir auch den Titel ihrer Ausstellung verraten: Color Film Stills.

Das hat mich zunächst nicht wirklich beruhigt. Aber als ich bei ihr im Atelier war und ihre Arbeiten sah, ging es mir sofort besser. Was vielleicht auch daran gelegen hat, dass Anna Kasten ein Mensch ist, in dessen Gegenwart man sich sehr schnell wohlfühlt. Sie ist ein ungewöhnlicher Mensch, und entsprechend ungewöhnlich finde ich ihre Kunst.

Anna Kasten hat Fotografin gelernt und es studiert, ebenso Bildhauerei und Medien, sie war Meisterschülerin bei Lutz Dammbeck, hat für Sekt geworben und Luftballons verkauft, Radio und Theater gemacht, natürlich Filme - und immer wieder Musik, an der Orgel, am Mikrofon. Ich denke, diese wenigen biografischen Informationen beantworten schon die meisten Fragen, die sich einem angesichts ihrer Arbeiten stellen.

Was mich an ihrem kunsttechnischen und medialen Irrwischtum besonders begeistert, ist das Experimentalcineastische Ihrer Arbeiten, ist die liebevolle Dreistigkeit, mit der sie Ihre Motive arrangiert und inszeniert, deren gewohnten Kontexte infrage stellt, ihnen aber auch ein neues Zuhause gibt und im günstigsten Fall, wie der Venus im See, eine schönere Aussicht. Ich hätte auch niemals gedacht, wie dynamisch, viril und beinahe sexy eine Basketballspieler-Figur aus einem Überraschungs-Ei wirken kann, sobald sie Anna Kasten in die Hände und vor das Kamera-Objektiv fällt. Und wie männlich Anna selbst wirken kann, wenn sie auf einem ihrer Bilder mit einem Gefährten in bester CDF-Anmutung statt wie bei diesem „in Betrachtung des Mondes“ in Betrachtung einer rätselhaften bunten Kugel verfällt. Die sieht aus, als sei sie gefüllt mit bewusstseinserweiternden Pillen. Aber ich will da nichts unterstellen.

Obwohl ich sagen darf, dass Anna Kastens Arbeiten zumindest mein Bewusstsein durchaus erweitern. Zumindest kann ich ihre Farben hören, wie sie murmeln, singen, lachen und schreien. „Es gefällt mir eben, wenn die Farben schreien“, hat Anna mir gesagt. „Da muss ich wenigstens nicht selber schreien. Das ist eh nicht so meine Art.“

Seit mehreren Jahren ergeht Anna Kasten sich in einer famosen Verfremdung von Fotografien, die sie mit Hilfe von Filtern, knackigen Farben und diversen optisch-strukturellen Manipulationen zurückführt in jene Gefilde, aus denen die Fotografie ja entstanden ist, in die Malerei. „Licium-Malerei“ nennt Anna eine ihrer Techniken und die Ergebnisse „Plaste-Malerei“, und man kann längst nicht mehr sagen, ob man nun ein Gemälde betrachtet oder eine Fotografie.

Natürlich stellt Anna Kasten auf diese ihre sehr eigene Weise unsere Wahrnehmungsgewohnheiten infrage, und keineswegs nur in Bezug auf das Technische und Materielle. Ebenso natürlich blitzt in den Gedanken manch bewanderteren Kunstfreunds bestimmt sofort ein ganzes Bündel bildungsgeölter Assoziationsschnüre auf: Ah, der blaue Hirsch – da muss ich doch gleich an Chagall denken. Oh, die exotischen Pflanzen von den Planfilm-Negativen – Karl Blossfeld, ick hör dir trapsen. Und Gerhard Richter, na klar, Richter hier, Richter dort …

Vor ein paar Jahren hat ein Foto-Auftrag Anna ins tschechische Lidice geführt. Dort hat sie Aufnahmen gemacht, sie sehr streng gerastert, entkonturiert, verwaschen … erst danach fiel ihr auf, dass ihre Bilder sie selbst ein wenig an Gerhard Richter erinnern. Als sie es überprüfen wollte, stieß sie auf einen tatsächlich sehr ähnliche Richter-Serie aus den Sechzigern. Sie hieß „Hommage an Lidice“. Anna war total erschrocken – das hatte sie weder geahnt noch beabsichtigt.

„Ich bin halt auch nur ein postmoderner Mensch“, hat sie mir gesagt. „Wir stecken doch alle voller Zitate, das ist eben so, und die meisten stecken nun mal irgendwo im Unbewussten, dagegen kann man sich doch gar nicht wehren.“ Ich bin froh, dass Anna Kasten sich nicht dagegen wehrt. Und ich finde es wunderbar, wie antikunstbildungshuberisch sie als Mensch und Künstlerin ist. Am meisten aber schätze ich an ihr, mit welcher Leichtigkeit sie sich in ihrer Arbeit keineswegs verfängt im Gewirr der Kunsttraditionen samt all deren eventueller verweiskräftiger Referenzobjekte, sondern darunter hinwegtaucht oder sie noch lieber überspringt. Insofern, zumindest kommt es mir so vor, haben ihre Bilder außer dem Grafischen, Fotografischen, Malerischen und Filmerischen auch etwas sehr Tänzerisches an sich.

Und jetzt, da ich es hinter mir habe, ist es für mich endlich nur noch eine ganz und gar große Freude, den Tanz von Anna Kastens Ausstellung „Color Film Stills“ eröffnen zu dürfen.

Vielen Dank und noch mehr Vergnügen dabei!

Autor

Oliver Reinhard

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Arnoldstraße 29, 01307 Dresden