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„Mal schauen!“

Laien wählen Kunstwerke aus dem Depot
Fotografie aus dem Kunstfonds

Ein Ausstellungsprojekt des Kunstfonds (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) und der Künstlerin Janet Grau in Zusammenarbeit mit Bürgern der Stadt Dresden und dem riesa efau/Motorenhalle. Projektzentrum für zeitgenössische Kunst Dresden


„Die Sammlung ist öffentlich, also gehört sie uns. Mal schauen, was wir haben!" - ausgehend von dieser Idee hat die Künstlerin Janet Grau verschiedene Menschen eingeladen, über deren Erwartungen an Kunst zu sprechen und mit ihrer Hilfe ein Experiment zu wagen: Als Laien sollten sie eine Ausstellung kuratieren. Zusammen mit insgesamt fünf unterschiedlichen Gruppen von Bürgern, die sonst nicht (beruflich) mit Kunst zu tun haben, entwickelte Janet Grau eine Fragestellung, die den konkreten Wünschen der Beteiligten an Kunst und an die Sammlung des Kunstfonds entsprach. Jede Teilnehmergruppe wählte daraufhin im Depot Kunstwerke aus und entwickelte eine eigene Ausstellungsidee, die nun einen Teil der Gesamtpräsentation bestimmt. Interessant sind dabei vor allem die Vorstellungen von Kunst, die an diese öffentliche Sammlung herangetragen werden und inwieweit die Erwartungshaltung des Publikums erfüllt werden kann. Anregungen für dieses Projekt bot vor allem auch die 2007 begründete "Schaudepot"-Reihe des Kunstfonds, die der Öffentlichkeit zeitweise eine Begegnung mit Ausschnitten aus der Sammlung im Depot und zugleich einen intensiven Austausch mit den Kuratoren ermöglicht. Janet Grau, für deren künstlerische Arbeit die Einbeziehung von Laien und Publikum charakteristisch ist, konzipierte nun dieses neue partizipative Format, das einen besonderen öffentlichen Zugang zur Sammlung schafft. In der Ausstellung werden fast 90 Werke aus dem Kunstfonds gezeigt, die zwischen 1949 und 2010 von 71 Künstlern und einer Künstlergruppe geschaffen wurden. Darunter befinden sich Grafiken, Gemälde, Plastiken, Objekte und Installationen, Videos und auch nicht wenige Fotografien.

Interessant sind dabei vor allem die Vorstellungen von Kunst, die an diese öffentliche Sammlung herangetragen werden und inwieweit die Erwartungshaltung des Publikums erfüllt werden kann. Anregungen für dieses Projekt bot vor allem auch die 2007 begründete "Schaudepot"-Reihe des Kunstfonds, die der Öffentlichkeit zeitweise eine Begegnung mit Ausschnitten aus der Sammlung im Depot und zugleich einen intensiven Austausch mit den Kuratoren ermöglicht. Janet Grau, für deren künstlerische Arbeit die Einbeziehung von Laien und Publikum charakteristisch ist, konzipierte nun dieses neue partizipative Format, das einen besonderen öffentlichen Zugang zur Sammlung schafft.


Die von den Laien getroffene Auswahl an Kunstwerken widerspiegelt sehr gut die Interessen und Kunstvorstellungen der fünf Teilnehmergruppen, unter denen sich eine Familie und vier Teams befinden, die sich aus verschiedenen Gründen überwiegend in ihrer Freizeit zusammenfinden. Jede Gruppe kuratierte einen eigenen Ausstellungsteil, wobei sich alle in ihrer Endauswahl auch für Fotografien entschieden.

Für die Damen vom Malwina e.V. waren vor allem Familienthemen und Mutter mit Kind Darstellungen interessant, worin sich ihre tägliche Arbeit widerspiegelt, bietet der Verein doch ein breites Programm im sozialen und pädagogischen Bereich und ist auch Beratungs- und Vermittlungsstelle z.B. für Angebote der Kinderbetreuung. In ihrer Auswahl entschieden sie sich deshalb u.a. für „Kind als Pinsel (Kooperatorka)", 2007, von Else Gabriel. Die Fotografie dokumentiert den gleichnamigen Super-8-Film, der eine Performance und Filmfragmente über eine fröhliche Kindheit in der DDR zeigt und in der Szene kulminiert, in der die Künstlerin ein Kind als Pinsel benutzt und damit ihre Rolle als Frau, Künstlerin und Mutter reflektiert. Weiterhin wählten sie die Fotografie nach Collage-Arbeit von Ruth Habermehl mit dem seltsamen „Waldstück", 2006/07, und „Pflegerische Handlung V (Wartung)" von Janet Grau aus der Serie „Pflege: Zwischen Zwangshandlung und kultureller Heldentat", 2004. Mit Hingabe reinigt dort ein Vater in einer mit Kleintier-Jagdtrophäen geschmückten Laube sein Gewehr während sich das Kind in ganz ähnlich pflegerische Absicht seinen Plüschtieren widmet.

Die Familie G. war sich einig, dass die Stärke der Kunst weniger in einer klaren Botschaft liegt, sondern vielmehr in ihrer Offenheit. Der Betrachter ist dadurch gefordert, das Werk in seiner Bedeutung für sich selbst zu vervollständigen, was bereits einen partizipativen Aspekt der Kunst darstellt. In ihrer Auswahl befindet sich die Aufnahme „Gerhard Richter: Lebensfreude, 1956, Wandbild, Deutsches Hygienemuseum Dresden", 2005/2007, aus der Serie „Verschwundene Bilder" von Margret Hoppe, in der die Leipziger Fotografin Stellvertreter für nicht mehr vorhandene Kunstwerke im öffentlichen Raum geschaffen hat und damit nach dem Umgang mit diesen Werken fragt. Ebenso stellen sie zwei Beispiele aus der Serie „Lichtung" von Göran Gnaudschun aus und die von ihren Bewohnern verlassene „Siedlung" von Rebecca Wilton, 2007.

Die Werbegemeinschaft war im Besonderen auf der Suche nach Kunstwerken, die Charakter, Atmosphäre und Erscheinungsbild der Dresdener Neustadt reflektieren. So fanden die „Marienbrücke, Dresden 1991" von Christian Borchert, der bezaubernde Hinterhof-„Engel" von Gundula Schulz Eldowy aus der Serie „Der große und der Kleine Schritt", 1987, und eine Auswahl von vier Beispielen aus der „Kulpoche"-Mappe (1983-1996) von Bertram Kober den Weg in die Ausstellung.

Der Gruppe der Laienschauspieler vom Club der mündigen Bürger von der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden inszenierten ihre Ausstellung. Themen der Selbstdarstellung, des Rollenspiel auf der Bühne des Lebens und Selbstbetrachtungen waren dabei ausschlaggebend. Im Ausstellungsteil des Clubs finden sich so die „Selbstinszenierung" von Evelyn Richter an der TU-Dresden von 1952 ebenso wieder wie die fragenden Selbstbetrachtungen in „IO-NOI", 2005, von Benjamin Rinner und in „Personne", 2006, von Manuel Reinartz. Auch diese Gruppe wurde von Rebecca Wiltons urbanem Stadtbild, das einer verlassenen Bühne gleicht, inspiriert. Weiterhin entschieden sich die Teilnehmer von Club auch für die drei Werke aus der Serie „Heads" (2007) von Albrecht Tübke, die sich allein auf die Ausstrahlungs- und Aussagekraft von individuellen Gesichtszügen konzentriert. Auch die rätselhafte, auf einem Foto basierende Arbeit „Sphinx", 2009, von Alexej Meschtschanow ist hervorzuheben.

Die Gruppe der „Blue Pearls" Cheerleader schließlich suchte vor allem nach Kunstwerken, in denen sie ihre dynamische, freundliche Weltansicht wieder erkennen wollten, aber auch die Freude und Begeisterung und positiven Energien, die sie ihrerseits mit ihren Auftritten auf das Publikum übertragen wollen. Das gestaltete sich anhand der Sammlung relativ schwierig. So geben die Fotografien ihres Ausstellungsteiles auch eher Situationen der Bewegung, wie in der Sequenz aus der Serie „balance" von Tina Bara (2000), inszenierte, bühnenhafte Porträts wie das aus der Serie der Künstlerbildnisse von Valentina Seidel (Wiebke Loeper, photographer, Alexanderplatz, Berlin (DE), 06/00, 2007) oder die situative Alltagserfahrung in „Einkauf" von Manuel Reinartz (2006) wider. Interessant ist vielleicht noch der Hinweis auf die Filmarbeit „Kunstwerke 36" (2005) von Tina Bara und Alda d'Urbano, in der futuristisch wirkende Küchen- und Haushaltsgeräte präsentiert werden - teilweise vor dem fotografischen Hintergrund der Kulissen aus James Bond Filmen.

Die Tatsache, dass insbesondere die Wünsche dieser letzten Gruppe mit den jüngsten Teilnehmerinnen am wenigsten erfüllt werden konnten, war Anlass für Janet Grau, zusammen mit ihnen eine eigene, neue Arbeit entstehen zu lassen. Die Künstlerin hat den Wunsch der jungen Frauen nach lebensfrohen, dynamischen und optimistischen Gruppenbildern als Auftrag verstanden, den sie versuchte, spielerisch umzusetzen. So konzipierte und organisierte Janet Grau einen Auftritt der Blue Pearls Cheerleader im Pflege- und Seniorenheim Clara Zetkin (DRK Kreisverband Dresden e.V.) im Januar 2012, die dafür eigens eine eigene Choreografie entwarfen. Die Performance wurde von der Künstlerin und dem Fotografen Thilo Fröbel fotodokumentiert und in die neue Leuchtkastenarbeit *gold* verwandelt, die nun eine wichtige Ergänzung der Ausstellung darstellt.

Silke Wagler

Autor

Silke Wagler
Leiterin des Kunstfonds der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden