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Das Fotografische und das Minimalistisch-Geometrische
in der Serie „Alte Meister“ von Friederike von Rauch

Im Juli 2011 schenkte der Freundeskreis der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden MSU - MUSEIS SAXONICIS USUI dem Kupferstich-Kabinett fünf Fotografien der in Berlin lebenden Fotografin Friederike von Rauch anlässlich der Verabschiedung von Generaldirektor Martin Roth. Sie sind Teil einer als „Alte Meister" betitelten Serie, die im Frühjahr 2011 in der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden entstand.

Als reduzierte Kompositionen auf quadratischem mattem Papier mit grauem schmalem, quadratischem Rahmen - so könnten von Rauchs Bilder beschrieben werden. Sie erinnern an abstrakt-minimalistische Malereien, auch wenn sie die historischen Innenräume der Gemäldegalerie Alte Meister aus dem 19. Jahrhundert abbilden.

 

Ausschnitt und Spur

Jährlich wird während einer sogenannten „Putzwoche" bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden auch die Gemäldegalerie Alte Meister zur Reinigung und zur Wartung eine Woche geschlossen. In dieser Zeit fotografierte Friederike von Rauch 2011 die Museumsräume. Auf den ersten Blick wirken ihre Fotografien inszeniert. Jedoch verändert die Künstlerin die Raumsituationen nicht, fügt nichts hinzu und nimmt nichts weg. Sie wählt einen extremen Ausschnitt einer vorgefundenen Situation. So kann man beispielsweise folgendes Arrangement finden: Gegen das Gemälde „Die Hochzeit zu Kana" (um 1571) von Paolo Veronese, das in einem spätbarocken Dresdner Galerierahmen an der Wand hängt, ist ein zweites ausgerahmtes Bild des Künstlers, „Die Kreuztragung", gelehnt, das einzig durch ein Kissen auf Abstand gehalten wird. (Abb. 1) Die Gemälde, die eigentlich gerahmt an der Wand hängen, wurden hier teilweise abgenommen, um die Rahmen zu restaurieren und zu reinigen - eine Ausnahmesituation, wie man sie als Besucher normalerweise im Museum nicht vorfindet. In diesem Sinne kann man sagen, dass die Künstlerin einen besonderen, nur während der Putzwoche erfahrbaren Moment ablichtet.  

Friederike von Rauch, Ohne Titel, aus der Folge „Alte Meister“, 2011. Archiv-Pigment-Druck, 520 x 520 / 500 x 500 mm. Kupferstich-Kabinett, D 2011-913.

Friederike von Rauch, Ohne Titel, aus der Folge „Alte Meister“, 2011. Archiv-Pigment-Druck, 520 x 520 / 500 x 500 mm. Kupferstich-Kabinett, D 2011-913.

So wie sich die Fotografie immer auf den fotografierten Gegenstand bezieht, geht es auf von Rauchs Bildern um eine besondere Spur der Wirklichkeit, nämlich die des Menschen. Auch wenn man in ihren Fotografien keine Person sieht, beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten mit Orten und Räumen, die von diesen gemacht und definiert sind. Der museale Raum ist dafür ein typisches Beispiel.

Dies wird insbesondere in der Fotografie deutlich, auf der sich rechts und links Dresdner Galerierahmen befinden und in deren Bildmitte eine passive Linie verläuft, die die Wand in zwei unterschiedlich getönte Flächen zu teilen scheint. (Abb. 2) Dieser Ausschnitt wird vom Betrachter spontan und korrekt als Raumecke erkannt. Jedoch lässt sich die abgebildete Situation, die die Künstlerin in der Putzwoche entdeckt hat, aktuell in der Galerie nicht mehr wiederfinden. Denn die Ecke entstand dadurch, dass während der Reinigung die Textilbespannung der Wände zum Teil erneuert wurde. Dafür wurden die Holzstücke, mit denen die Tapeten normalerweise befestigt werden, entfernt. [1] Wüsste man nicht um den Entstehungshintergrund, könnte man sogar annehmen, dass es sich um eine durch ein temporäres Spiel von Licht und Schatten erzeugte, illusionistische Raumecke handelt.

Friederike von Rauch, Ohne Titel, aus der Folge „Alte Meister“, 2011. Archiv-Pigment-Druck, 520 x 520 / 500 x 500 mm. Kupferstich-Kabinett, D 2011-910.

Friederike von Rauch, Ohne Titel, aus der Folge „Alte Meister“, 2011. Archiv-Pigment-Druck, 520 x 520 / 500 x 500 mm. Kupferstich-Kabinett, D 2011-910.

Für die Künstlerin ist es von Bedeutung, in der Serie „Alte Meister" nur knappe Hinweise zu geben, sodass der Betrachter nicht genau wissen kann, ob die Situation dauerhaft ist oder nur im Moment der Aufnahme existiert. Ihre Bilder lassen erahnen, dass eine menschliche Hand am Werk war, die eine vage Spur ihres Tuns hinterlassen hat.

Von Rauchs Bilder sind keine Dokumente der Wirklichkeit. Vielmehr wählt sie Ausschnitte, die nur einen geringen Informationsgehalt besitzen, um stattdessen einfache geometrische Formen und Grundfarben hervorzuheben und so mit rein fotografischen Mitteln abstrakt-minimalistische Bilder zu produzieren.

Die Kamera ist ein technisches Reproduktionsmedium. Daher werden alle Informationen einer fotografierten Situation auf dem Negativ eingeschrieben, die entsprechend redundant und quantitativ sein könnten, wenn ein Foto ohne Manipulation des Apparats und nur durch die Auswahl des Ausschnitts entsteht. [2]  Friederike von Rauch weiß diese Eigenschaft zu steuern.

Der erste wesentliche Faktor, dem ihre Aufmerksamkeit gilt, ist das Licht. [3] Die Künstlerin arbeitet oft mit natürlichem Licht, mit dem Ziel, eine absolute Flächigkeit zu erreichen. In vielen ihrer Arbeiten hat sie so eine reduzierte Farbigkeit geschaffen, die zwar nahezu schwarzweiß wirkt, es aber nicht ist. Sie zielt auf den grautonigen Farbwert und nennt dafür eine poetische Referenz, den grauen Himmel über Berlin, unter dem sie aufgewachsen ist. [4] Im Vergleich zu ihren anderen Werken wirkt die Serie „Alte Meister" auf den ersten Blick durch ihre kräftigen Farben eher abbildend. Jedoch spielt von Rauch auch in dieser Serie eindeutig mit dem Licht und erzeugt dadurch auf der Fotografie reduzierte Informationen. Auf dem Bildausschnitt von Johann Heinrich Füsslis Gemälde „Hero, Ursula und Beatrice" (1789) sieht man fast nur einen gestreckten, blässlich weißen Arm mit rotem Band. (Abb. 3) Tatsächlich zeigt das vollständige Gemälde eine bewegte, durch zahlreiche Details ausgeschmückte Szene aus „Viel Lärm um nichts" von William Shakespeare, in der Beatrice eine Konversation zwischen Hero und ihrer Kammerfrau Ursula belauscht. Heros gestreckter Arm, auf den von Rauch das Gemälde in der Fotografie reduziert hat, hält jenseits des Bildausschnitts einen Faltfächer und liegt auf einem kleinen Tisch. Auf dem Boden sieht man ihren rund entfalteten Rock, und seitlich dahinter sitzt Ursula. Dies alles wird auf der Fotografie ausgespart. Durch leichte Überbelichtung wird erreicht, dass die Tonwerte um den Arm herum dunkel wirken und nur noch dieser selbst zu erkennen ist: Die einfache, grafische Komposition ist über den Ausschnitt und den speziellen Einsatz von Licht erzeugt worden.

Von Rauch kreiert in dieser Fotografie mit dem Licht einen Raum und verdichtet für sie wichtige Informationen des Gemäldes durch den Ausschnitt. So werden auch auf den anderen Bildern durch die Reduzierung der Farbigkeit und das Licht selbst ein Schaden auf der Ausstellungswand oder der Staub auf dem Boden zu einer ästhetisch ansprechenden geometrischen Form.

Friederike von Rauch, Ohne Titel, aus der Folge „Alte Meister“, 2011. Archiv-Pigment-Druck, 520 x 520 / 500 x 500 mm. Kupferstich-Kabinett, D 2011-911.

Friederike von Rauch, Ohne Titel, aus der Folge „Alte Meister“, 2011. Archiv-Pigment-Druck, 520 x 520 / 500 x 500 mm. Kupferstich-Kabinett, D 2011-911.

 

Konzentration und Präzision

Die Realisierung dieser Bilder basiert nicht zuletzt auf der von ihr verwendeten Fototechnik, einer Mittelformatkamera. Bei dieser Kamera blickt man von oben in den Sucher hinein, den man sich als einen kleinen halbdunklen Raum vorstellen muss. Dieser ist als Faltlichtschachtsucher ausgeführt und ermöglicht eine genaue Scharfstellung mittels einer einklappbaren Sucherlupe. Sich auf diese Weise von der Außenwelt isolierend, kann sich Friederike von Rauch ganz auf ihre Aufnahmen konzentrieren und das für sie perfekte Bild finden. [5]

Zudem führen die Charakteristika der Rolleiflex zu einer geometrischen Bildsprache. Das Sucherbild bei der Rolleiflex wird aufrecht stehend, aber seitenverkehrt dargestellt. Dieses spezielle Sucherbild und das quadratische Format erlauben der Künstlerin, eine nicht-gekippte geometrische Perspektive zu gewinnen.

Der zweite wesentliche Faktor in von Rauchs Arbeit ist die Zeit. Sie besucht den Ort mehrmals, jedes Mal entdeckt sie etwas Neues, eine andere Stimmung. Da sie den ersten Eindruck oft als zu spektakulär empfindet, sucht sie stattdessen das ultimative Bild dieses Ortes, das durch ihre wiederholten Besuche entsteht und sich langsam in ihr verfestigt. „[S]ie sucht so lange den richtigen Standpunkt, bis alle Parameter, die sie von einem Bild entwickelt hat, ihrer Vorstellung entsprechen." [6] Auf diese Weise stellen ihre Fotografien das Konzentrat eines langen Prozesses dar.

Die strenge Beschränkung der Mittel bei der Arbeit ist Teil ihres Konzepts. Von Rauch verwendet nur eine sehr begrenzte Anzahl von Filmrollen bei der Aufnahme. Um die ihr geeignet erscheinenden Momente auszuwählen, nimmt sie sich wiederum viel Zeit bei der Selektion der Bilder, und nach langer Überlegung trifft sie eine kleine Auswahl für eine Serie, so auch für die Folge der „Alten Meister".

 

Verdichtung der Atmosphäre eines Ortes

Was vermitteln Friederike von Rauchs durch die Perfektion und Präzision der Technik produzierte Bilder? In ihren Fotografien geht es um die Atmosphäre eines Ortes. Eine Stimmung ist schwer als objektive Gegebenheit wiederzugeben und könnte durch die visuellen Eindrücke von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. Einerseits konzentriert von Rauch sich auf die absolute Kontrolle beim Aufnahmeprozess, anderseits versucht sie eine subjektive Atmosphäre zu vermitteln, die eigentlich nicht wirklich reproduzierbar ist. Dies ist eine kongeniale Ergänzung, die das fotografische Verfahren zunächst auszuschließen scheint. Von Rauch beschäftigt sich mit der möglichst perfekten Präzision der Technik, und gleichzeitig hält sie den genius loci eines Ortes fest - das Resultat ist ein Schwebezustand. Sie erzählt mit ihren Bildern keine Geschichten; es geht nicht um eine essayistische Arbeit, sondern um eine Stimmungsverdichtung.

Obwohl in der Folge „Alte Meister" die Fragmente der eigentümlichen Dresdner Galerierahmen sofort anzeigen, wo die Fotografien entstanden sind, ist doch für die Künstlerin die Wiedererkennung eines Ortes nicht wichtig. Was sie fotografiert, hat keine repräsentative Funktion. Sie fotografiert die Welt aus ihrer Sichtweise - eine Welt, die es überall geben könnte, aber die es nur in ihren Bildern gibt: gekennzeichnet von tiefster Ruhe und Stille. [7] Die Fotografien von Friederike von Rauch lassen einen neuen Raum vor unseren Augen entstehen, wie eine Parallelwelt, die wir beim Besuch eines Ortes nicht wirklich bemerken, die aber immer existiert.

© Madoka Yuki

[1] Gespräch mit der Künstlerin am 28. 08. 2011 in ihrem Atelier in Berlin.
[2] Vgl. Vilém Flusser, Für eine Philosophie der Fotografie, Göttingen 1983, S. 34-35.
[3] Gespräch mit der Künstlerin.
[4] Ebd.
[5] Aus diesem Grund habe sie auch nie einen Assistenten gehabt, denn wenn jemand bei der Aufnahme ständig hinter ihr steht, sei es mit der Konzentration vorbei.
[6] Andres Lepik, Reduktion der Mittel: Zu den Fotografien von Friederike von Rauch, in: Friederike von Rauch, Sites, Ostfildern 2007, S. 112.
[7] Ebd.

Autorin

Dr. des. Madoka Yuki
Kunsthistorikerin

Postanschrift 
Leipzig