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Dunkelkammermusik

Ansprache anläßlich der Ausstellungseröffnung und der Präsentation des Buchs „Kunst Rasen" von Klaus-Dieter Weber am 21. März 2009

Die Galerie Margareta Friesen zeigt aus Anlass der Präsentation des eben erschienenen Fotobandes „Kunst Rasen“ von Klaus-Dieter Weber eine der Öffentlichkeit bisher unbekannte Seite des Fotografen: seine in den letzten zwei Jahren entstandenen Porträtaufnahmen von Menschen, denen er auf den Straßen von Dresden, Pirna und Umgebung begegnet ist. Sie zeigen gewöhnliche Menschen, Kinder, junge Frauen, pubertierende Jungs und Männer. Keiner von ihnen ist eine Person des öffentlichen Interesses oder gar „berühmt“. Nichtsdestoweniger stellt jeder für sich einen Kosmos dar. Jeder ist auf seine Weise einzigartig. Jedem konnte Weber mit seiner Rolleiflexkamera offenbar so nahe kommen, dass jeder ihm ganz vertraut und niemand sich hinter eine Fassade zurückgezogen hat. Keiner macht ein „Fotografiergesicht“. Freilich drängt sich auch keiner auf. Dies macht Webers Fotografien so eindringlich. Wiewohl es dokumentarische Aufnahmen sind, sind sie dennoch mit keinem Namen der Porträtierten verbunden, sondern allein mit der Ortsbezeichnung ihrer Entstehung. Sie rufen nicht die Personen selbst ins Gedächtnis, vielmehr Orte und Zeit: „Dresden 2005“, „Friedersdorf 2004“, „Pirna-Copitz 2004“ usw. Innerhalb des Buches „Kunst Rasen“ bilden sie das Scharnier zwischen den farbigen in der ersten und den schwarzweißen mit der Gilde Panoramakamera aufgenommenen Fotografien in der zweiten Buchhälfte.

Klaus-Dieter Webers Porträts sind in der Ausstellung, die den Titel „Dunkelkammermusik“ trägt, in den Zusammenhang mit weiteren Fotografien von Christian Borchert, Evelyn Richter, Gundula Schulze Eldowy und Erik Steinbrecher gestellt. Die unbekannten „Alltagsmenschen“ von Klaus-Dieter Weber, Christian Borchert und Gundula Schulze Eldowy bilden die Mehrzahl, die von Evelyn Richter Porträtierten sind Berühmtheiten: Otto Dix, Wilhelm Rudolf, Günther Kunert, Dr. Karl Bellmann u. a. Sie evozieren nicht allein die Person, sondern ebenso das Werk, das sie geschaffen haben. Es sind Großaufnahmen des Hauptes, die Richters herrliche Differenzierung der schwarzen Farbnuancen ihrer Handabzüge offenbaren. Christian Borchert fotografiert seine Menschen in ihrem Lebensumfeld: auf dem Hinterhof, der Straße oder in der U-Bahnstation. In seinen Abzügen vermeidet er möglichst starke Kontraste, er „malt“ sie in fein abgestuften Grautönen. Bei Gundula Schulze Eldowy und Klaus-Dieter Weber sind es die farbigen Akzente und Nuancen, die Beziehungsreichtum und stimmungsvolle Konstellationen schaffen. Schulze Eldowy spielt mit der Sinnlichkeit der Farben, während Weber durch seine gleichsam ausgewaschenen Farbnuancierungen noch intensiver ihre Alltäglichkeit betont. Webers Farbenspektrum, das er vor jedem Ausdruck bestimmt – seine Bilder sind Inkjetdrucke auf Papier – ist emblematisch. Sie symbolisieren den faden Alltag. Jedes Foto stellt in diesem Sinne ein „Gemälde“ dar, in jedem Fall ist jedes ein Einzelblatt und durchaus einer eigenhändigen Grafik gleichzusetzen. In jeder Fotografie bilden die Gesichter, alle Formen und Farben ein komplexes Geflecht. Der Vordergrund wird betont, Raumtiefe suggeriert und so ein dem Betrachter lebendiges Gegenübertreten der Porträtierten ermöglicht.

Dennoch ist da ein Unterschied. Auf den Fotografien sind nämlich je ganz bestimmte unwiederbringliche Momente festgehalten, die sich tatsächlich und in der realen Welt abgespielt haben. Wir verknüpfen die Fotografie immer mit der dokumentarischen Wiedergabe eines wirklichen Geschehnisses. Diese Ereignisse bleiben nun ein für alle mal und für immer so, wie sie einmal fotografiert worden sind. Wir rekonstruieren sie bei jedem Blick darauf immer wieder neu. Gleichsam Wort für Wort können wir uns die ihnen innewohnende Bedeutung erschließen. Je länger wir die Fotografien anschauen, je mehr Zusammenhänge wir zwischen den einzelnen Teilen herstellen, umso größer wird ihre Bedeutsamkeit. Eines tritt mit dem anderen in immer neue Wechselwirkung innerhalb des Fotos selbst, aber auch innerhalb der Ausstellung – also zwischen den grundverschiedenen Auffassungen der fünf gezeigten Fotografen.

Jede Fotografie mit allen Details bleibt unwandelbar und unveränderlich, ein authentischer Zeitpunkt. Der Blick kann auf ihr ewig hin- und herschweifen, sie gleichzeitig mit vielfältigsten Konnotationen aufladen und immer mehr Wissen um das Dargestellte herum aufbauen. Sinnfällige Bezüge können geknüpft werden. Dabei besitzt jede einzelne Fotografie ihre vom Fotografen sorgfältig überlegte Ausdruckskraft, die in ein komplexes Netzwerk von „Text“ eingebettet werden kann. Je mehr Bezüge zu entdecken sind, umso näher kommt man den vielen Bedeutungsebenen des Bildes und damit auch der Eigenbedeutsamkeit der Wahrnehmung. Allein dieses interpretierende und lesende Schauen lässt eine magische Welt entstehen. Dies wird möglich, weil auf den Fotografien alles so bleibt, wie es einmal abgebildet ist. Die Fotografie ist ein Sachverhalt, den Sie mit ihrer Begriffswelt aufschlüsseln, den Sie zum magischen Raum machen können.

Das genaue Betrachten kann darüber hinaus dazu anregen, in ein Zwiegespräch mit den jeweiligen Porträtierten einzutreten. Und nicht nur das, wir können uns den Abgebildeten in seinem Umfeld denken, versuchen herauszufinden, wann, wo, unter welchen Umständen das Porträt entstanden ist. Wenn wir es als unsere Aufgabe ansehen, uns reflektierend, also nachdenkend und interpretierend den Porträtierten zu nähern, erschließen sich uns Welten. Ein bloßes naives Hinsehen reicht dazu nicht aus, das sollten wir uns sowieso nicht erlauben. Für die von Evelyn Richter porträtierten Persönlichkeiten könnten Hans Gadamers Überlegungen zum Porträt als Beleg angeführt werden: „Jedes Bild ist ein Seinszuwachs und ist wesenhaft bestimmt als Repräsentation, als Zur-Darstellung-Kommen. Im besonderen Falle des Porträts gewinnt diese Repräsentation einen personenhaften Sinn, sofern hier eine Individualität repräsentativ dargestellt wird. Denn das bedeutet, dass der Dargestellte sich selbst in einem Porträt darstellt und in seinem Porträt repräsentiert. Das Bild ist nicht nur Bild oder gar Abbild, es gehört zu der Gegenwart oder dem gegenwärtigen Gedächtnis des Dargestellten. Das macht sein eigentliches Wesen aus.“ (Hans-Georg Gadamer: Die Okkasionalität des Porträts (1960), in: Porträt. Hrsg. R. Preimesberger, H. Baader und N. Suthor. Berlin 1999, S. 433.)

Die Ausstellung könnte ins Schwärmen geraten lassen, weil in allen Fotografien die Porträtierten gar nicht so sehr in ihrer Individualität abgelichtet sind, oder so wie sie sich in ihren eigenen Augen sehen oder wie sie von denen, die sie kennen gesehen werden, sie zeigen vielmehr eine je eigene Art der Idealisierung, die vom Repräsentativen bis zum Intimsten unendliche Abstufungen durchlaufen. Jeder der Fotografen hat Individuen fotografiert und bildet doch auch in gewisser Weise einen „Typ“ ab, der aus dem Zufälligen und Privaten der abgelichteten Erscheinung erwächst. Die Porträtfotografie zeigt den Dargestellten gewissermaßen in seiner Daseinsbestimmung. Das ist es, worüber wir nachzudenken und was wir bei unserer Wahrnehmung zu entschlüsseln haben: Der Fotografierte ist die exemplarische Ausformung des Daseins des Menschen, und in dieser Repräsentation ist er prädestiniert, ja ausgezeichnet für andere zu stehen, da zu sein. Die Porträts haben Zeugniskraft, sie legen Zeugnis ab für bestimmte Personen, Orte und eine bestimmte Zeit. Hier übersteigt jede dieser Fotografien ihren Sinn als bloße Abbildung. Gadamer hat dies als „Seinszuwachs“ bestimmt. In diesem Sinne zeigt die Ausstellung eine Sammlung von Lebenswirklichkeiten, die allerdings – und das ist das Besondere und die Eigenheit dieser Fotografien – in einem hohe Maße ästhetisch und stofflich verfeinert zum Ausdruck kommen. Die Milieustudien sind Kabinettstücke der fotografischen Kunst, zugleich Metaphern der Größe menschlichen Verlangens nach Glück und des menschlichen Scheiterns daran. In den Fotos von Gundula Schulze Eldowy werden Türen geöffnet, die uns einen Blick in Räume ermöglichen, der uns nicht zum Voyeur macht, sondern zum Mitfühlenden, zum Sehenden. Die individuellen Glücksansprüche und Sehnsüchte in einer Gesellschaft, die Uniformität und Unterordnung unter ein höheres politisches Ziel verlangt hatte, werden hier nicht nur kühl registriert, nein, sie gewinnen durch die kompromisslose Haltung der Fotografin Würde und Berechtigung. Auch was nicht sein darf, ist, wie z. B. das Brustbild von einer alten nackten Dame. Es ist der Mappe „Tamerlan (1979-1987)“ entnommen. Auch sie erhebt einen Anspruch auf Respekt. Wie die Künstler es fertig bringen, aus dem Blick durch das Objektiv eines Fotoapparates ein Bild zu machen, was alle Qualitäten eines Kunstwerks hat, das kann nicht beschrieben werden. Nicht durch technische Perfektion gelingt dies, sie ist für alle Künstler eine Selbstverständlichkeit. Es geht um den rechten Augenblick, um die Wahl des Motivs, um den Bildausschnitt, die Komposition, den Bildaufbau, Hell-Dunkel Abstufungen, Intensität der Farben, die Stimmung, subtile Anspielungen und den individuellen Blick, der sich in jeder einzelnen Fotografie manifestiert. Jedes Motiv, jede Situation ist eine kreative Erfindung des jeweiligen Fotografen. Sie zeigen die Wahrheit der Subjektivität. Das ist ihre Kunst. Denn alles Wahrnehmen, alles Sehen ist immer ein Wirrwarr vielschichtiger Erinnerungen. Ein gleichsam „objektives“ Schauen gibt es nicht. Ein Schauen ohne den Schauenden kann es nicht geben. Schon wenn wir die Augen aufmachen, spielen uns unsere Konventionen, unsere Vorurteile, unser Wissen, unser Nichtwissen, unsere kulturelle und soziale Bindung und alle äußeren und inneren Bedingungen unseres Daseins einen Streich. Alles das fließt immer in unser Sehen ein. Ganz zu schweigen davon, dass viele sensorische Automatismen, die ganz allein mit uns zu tun haben und durch die Physiologie unseres Auges bedingt sind, eine Grundvoraussetzung für das Sehen darstellen. Es ist immer ein Durcheinander und eine Verquickung aller uns ganz allein und persönlich zuzuordnenden Erfahrungen. Deswegen ist es so einzigartig, in jeder dieser Fotografien auch den ganz individuellen Blick des jeweiligen Künstlers zu spüren. Sie sind sich ebenfalls der Klischeehaftigkeit unserer Wahrnehmung bewusst und haben sich dennoch eine eigene Sicht der Welt erarbeitet. Damit führen sie uns vor Augen, dass es eine Freiheit gibt, die auch in einer unfreien Gesellschaft oder in einer von Apparaten beherrschten Welt möglich ist.

Die hier Porträtierten stehen für alle Menschen, die leben, gelebt haben, glücklich waren und sind, gelitten haben und leiden, gestorben sind und sterben. Allen diesen Menschen haben diese Künstler eine Stimme und eine Geschichte gegeben, die weit über das einzelne und anekdotische Schicksal von bestimmten Personen hinausgehen. Sie sprechen von dem Allgemeingültigen, vom Menschsein überhaupt- und darum geht es in der Kunst! Darum geht es auch in Klaus-Dieter Webers Buch „Kunst Rasen“. Es gibt einen wundervollen Überblick über sein fotografisches Arbeiten, sein Ringen mit sich und der Fotografie und zeigt seine sehr persönliche Wahrnehmung der Welt. Weber kann niemals Schönheit ohne Hässlichkeit, Wachstum nie ohne Verfall, Individualität nie ohne Massenkultur wahrnehmen. In jedem Foto des Buches geht er das Wagnis ein, zwischen diesen Extremen Geheimnis und Unsagbares zum Ausdruck zu bringen. Die Panoramafotografien im Buch sind fast immer menschenleer. Sie wollen keine Geschichten erzählen. In ihrer Ausrichtung auf die Stille und einen sich durch das ganze Buch hindurch ziehenden Horizont verweisen sie auf nichts, jedenfalls nicht auf ein verfügbares Substantiv, das eine Geschichte erzählt. In diesem Sinne könnten Webers Fotografien verstanden werden als Versuch, sich selbst ganz in ihnen verschwinden zu lassen. Sie könnten der Versuch sein, den Menschen und sich selbst von der narzisstischen Selbstbezogenheit zu befreien, zumindest deutlich zu machen, wie sehr er darin verhaftet ist. Wir könnten die Fotografien betrachten als Bilder, die zeigen, dass etwas außerhalb des menschlichen Zugriffs existiert. Wenn wir Webers Fotobuch unter diesem Aspekt anschauen, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten der Interpretation. Weber hat für seinen Fotoband den Titel „Kunst Rasen“ gewählt. Kunst, das ist auch der magische Bildraum, Rasen, das ist der symbolische Begriff für Webers Foto-Grün, das niemals das wirkliche Grün einer Wiese ist. Es ist Sinnbild ist für Leben: Ewiges Werden und Vergehen.
© Margareta Friesen

Autorin

Margareta Friesen

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