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CHAPTERS. Daniela Risch
Dresdner Stipendium für Fotografie 2014

Einführung von Andreas Krase zur Ausstellungsröffnung, 2. September 2015, Technische Sammlungen Dresden



Die Fotografien der Arbeit CHAPTERS von Daniela Risch sind nicht einfach zugänglich – und dies im mehrfachen Sinne.
Die Serien, die „Chapters“, sind konzeptuell orientiert, ihre Zusammenstellung folgt jeweils einem eigenen Kriterium, einer Idee, einem Vorhaben. Es geht um Ortungen und Analysen des Stadtraums, oder anders: um seine Kritik. Aber zuvorderst um eine Bestandsaufnahme mittels fotografischer Dokumentation.
Hinsichtlich ihrer Ästhetik und der damit vorgetragenen fotografischen Haltung lässt sich die Arbeit von Daniela Risch auf die Tradition der so genannten „New Topographics“ beziehen. Diese Strömung in der amerikanischen Fotografie wurde erstmalig 1975 auf der gleichnamigen Ausstellung in Rochester/New York mit einer Ausstellung gewürdigt und steht seitdem für einen Paradigmenwechsel in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart. Verbunden mit einer distanzierten, auf das Gewöhnliche, auch Banale zielenden, unterkühlten Sehweise hat diese fotografische Haltung mehrere Generationen beeinflusst – und dies in Europa umso mehr, als ab 2009 die Ausstellung rekonstruiert und in mehreren Stationen, so auch in Deutschland, präsentiert worden ist.
In den Bildern von Daniela Risch, die schwarz-weiß sind oder von zurückhaltender Farbigkeit, zeigt sich zumeist ein fahler Himmel. Die blassen, bläulichen Farben könnten von gealterten Dias stammen oder von angejahrten Farbpostkarten, sodass es scheint, als wären sie erinnerte Erinnerungen. Ihre Zeitlichkeit wirkt unbestimmt. Zwar stammen die Aufnahmen erkennbar aus dem Heute, doch wirken sie nicht aktuell. Und einfache Aktualität ist auch nicht gemeint. Vermutlich sind die Fotografien von daher nicht zuletzt als wiederbelebte Erinnerungen der Fotografin zu verstehen, als Nachbilder früherer Wahrnehmungen, und beziehen von dort ihre ernste und gelegentlich düstere Stimmung. Die fotografische Position, die die Fotografin einnimmt, meidet das Erzählerische, integriert jedoch Verweise auf menschliche Aktivität, auf Lebensspuren. Die konzeptionelle Strenge der Aufnahmeserien lässt ihren analytischen Charakter schnell hervortreten. Empathie fließt, wenn überhaupt, nur in gezielt kleinster Dosis ein.
Im Vordergrund der ausgestellten Bilder finden sich vielfach Straßen mit Richtungspfeilen, es sind durch architektonische Elemente umsäumte Verkehrsflächen. Das Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund ist prononciert ins Bild gesetzt – die fotografische Wiedergabe vermittelt bereits über diesen Einstieg in den Bildraum Distanz. Geblickt wird in räumlich schräge Perspektiven, die Begrenzung des Einblicks erfolgt durch Gebäude, die den Hintergrund säumen.
Gelesen wird das Alphabet der Stadt. Seine Buchstaben sind Häuser, Häuserzeilen formen sich zu Wörtern, zu Botschaften – doch zu welchen? Anonyme Botschaften wurden auch auf Wände gesprayt, augenscheinlich und manchmal halb versteckt die Buchstaben – „1953 SG Dynamo“ – das Kürzel für Gründungsjahr und -namen des bekanntesten Dresdner Fußballvereins – eine Nachricht für die Eingeweihten, damit zugleich Be-Schreibung, Besitzanspruch und Behauptung von Gruppenidentität und Lokalstolz im öffentlichen Raum. Es geraten Stadtmöbel ins Bild und andere Elemente des urbanen Funktionierens – Brücken, Übergänge, Wege. Eines der architektonischen Wahrzeichen der Stadt, die Tabakmoschee „Yenidze“, wird fotografisch umrundet und wirkt wie eine Art Rückversicherung von örtlicher Identität da, wo die Räume ins Beliebige gleiten. Viele der fotografisch erfassten urbanen Situationen erscheinen als Unorte, umstellt von kalter Funktionsarchitektur, unproportioniert. Es sind bauliche Monster – Funktionsmonster – mit einem Wort: stadträumliche Zumutungen. In ihnen begegnen zahlreiche Versionen des Vagen und Ungefähren. Es sind Leerstellen, bar und frei und in ihrer Ungestalt erst recht in den Fotografien sichtbar. Es gibt nicht wenige Orte in Dresden, wo man aufgrund solchen Ausmaßes von Disproportion und Leere immer noch erschüttert dastehen kann – andernorts und überall in großstädtischen Ballungsräumen womöglich noch weit mehr. Der Kulturkritiker Harald Jähner beschrieb zeitlich kurz vorhergehend eine ähnliche – Berliner – Szenerie: „Der Blick schweift frei über riesige Flächen, auf denen die Geschichte geackert hat. Voller Willkür, Ungeschick und guten Vorsätzen, die jetzt zu kläglichen Restbeständen geworden sind. Zwischen ihnen macht sich Neues breit und sieht schon wieder alt aus.“ (Harald Jähner, „Tempel für das Schlachten und Baden“, Berliner Zeitung, 28. August 2015, S. 24)
Mit Dresden haben die Fotografien zu tun, aber wiederum auch nicht, denn die gestellten Fragen sind allgemeinere. Eine könnte lauten: Welche Lebensmöglichkeiten sind im Deutschland der Nachkriegszeit geschaffen worden, welche Qualität von urbanen Räumen, um darin zu wohnen, welche Formen von Aneignung bieten sie an? Ein zentrales Thema der Arbeit sind Formen der städtischen Raumordnung und Raumerfahrung, der Raum als Ressource, als Form moderner Vergesellschaftung. Dies betrifft zwar auch Dresden, aber eben nur als konkretes Beispiel. Eine andere Frage könnte heißen: Sind etwa die gerade in den Medien stehenden und überall spürbaren mentalen Verhärtungen „der Bevölkerung“ nicht auch eine Folge sozialer Verhältnisse, die ihren Ausdruck gefunden haben in der eminent unschönen, harten und verkrusteten architektonischen Gestalt, der Außenform der Städte? Haben sich die Deutschen nicht erst recht bestraft für ihre Kriegsschuld in der Art und Weise, in der sie ihre Städte wiederaufgebaut haben? Und: Wer war dafür zuständig? Oder sind es die städtebaulichen Utopien der architektonischen Moderne der 1920er-Jahre, des industriellen Bauens mit ihrer speziellen zeithistorischen Ausprägung im DDR-Format, denen Schuld zuzuweisen wäre?
Die „New Topographics“ haben den scheinbar unbeteiligten, objektivierenden, aber gerade darin hochartifiziellen Blick kultiviert und eine Form von „Fotografie ohne Stil“ zur Inkarnation künstlerischer Positionierung erhoben. Ihr Blick – und dies mag auch für die Fotografien von Daniela Risch gelten – auf die zersiedelten Landschaften der Industriegesellschaft wirkt klarsichtig, aber auch ohne Mitleid, existentialistisch und darin gewiss überschlau. Denn letztlich wird aus sicherer Distanz heraus klargestellt, dass die Abwesenheit einer ordnenden Vernunft Auswüchse der modernen technisierten Welt hervorbringt.
Ein „Wille zum Unschönen“ ist in diesen Fotografien als Zeigegestus integriert. Er hat neben der entschiedenen, nicht nachlassen könnenden Ernsthaftigkeit sein verschwistertes Gegenteil im Schlepptau, die Tragikomik – im Gestus selbst wie in den Bildbefunden. Denn was tief traurig ist, kann und muss zugleich seltsam komisch sein. Die in den „Chapters“ entwickelte Bildwelt kann nach diesem dialektischen Verständnis auch als Zeichen eines Harmonieanspruchs oder auch als Sehnsucht interpretiert werden, auch in seiner Verkehrung, auch in seiner Konsequenz. Es gibt Ansichten in der Arbeit, die von geradezu magenzusammenziehender Tristesse sind, Albträume und -drücke, wie etwa das Bild einer dunkel und feucht daliegenden leeren Brücke, einer „Magistrale der Stadt“ unter grauschwerem Himmel. Anders verhält es sich mit der Skater-Anlage vor der Skyline von DDR-Plattenbauten. Hier gibt es menschliche Figuren, werden Formen von Nutzung einbezogen. Bedurfte es, so legt die Sicht aus der Halbdistanz nahe, nicht einer gedanklichen Hybris auf Seiten der Planer und woher rührt die – dies sei hier so indiziert – schlichte Selbstverständlichkeit der Nutzer, um dies als Lebensraum zu akzeptieren? Ähnlich verhält es sich mit der Video-Arbeit „Der Hang“, die in der Verortung verwandt ist, und auch jene seltsame Lakonie verströmt, die viele der Fotografien besitzen. (Zur Ansicht kommen je zwei Videoaufnahmen, stehende Bilder – die nebenbei eine interne Bestimmung des Stipendiums erfüllen, es solle sich um das „stehende Bild“ handeln.) Diese Lebenden Bilder lassen den Betrachter zusehen und zuhören, wie die Bewohner der Dresdner Plattenbausiedlung Gorbitz ihre durchgeplante Satellitenstadt nutzen, die betonierten Wege entlanggehen, Hauseingänge durchqueren und betreten, Unterführungen begehen und ein wenig anarchische Lebendigkeit erzeugen, indem sie, die Jugendlichen, Ball spielen und dabei Kunststückchen vollführen. Leben, das in der Videodarstellung wie ein Freigang innerhalb festgefügter Strukturen anmutet – ein Leben, das irgendwie im Irgendwo spielt. Der nunmehr vierte Durchgang des Dresdner Stipendiums für Fotografie, die Arbeit von Daniela Risch, widmet sich damit Themen, die auch die Vorgänger nicht unberücksichtigt gelassen haben – mit Ausnahme von Ingar Krauss mit seinen Porträts von Jugendlichen aus dem Jahr 2010: Diese wären die Durchmischung von Schichtungen des Historischen mit Zeitgenössischem, das Verhältnis von Zentrum und Peripherie in der modernen Großstadt, die Zurichtung städtischer Räume für die Zwecke der weltweiten Kommunikation, den Transport – Sachverhalte, die eben auch Dresden betreffen. Über die Jahre hinweg – es werden nun bald zehn sein – ist eine neue fotografische Ikonografie der Stadt entstanden, die wenig mit der Alltagswahrnehmung, und noch weniger mit dem tourismuskompatiblen Image Dresdens zu tun hat. Zu dieser Arbeit am zeitgenössischen Bildervorrat der Stadt fügen die CHAPTERS von Daniela Risch ein weiteres Kapitel hinzu.