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20 Jahre AG Stadtdokumentation

Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung "WandelGänge"

Wolfgang Hesse, Kulturrathaus, 22. Januar 2013

Die Ausstellung „WandelGänge“ beginnt mit einem signifikanten Zufall. Er ist in mehrerlei Hinsicht auch Programm. Denn das Zusammentreffen zweier Zeitpunkte legt etwas von der Entwicklung der Stadt Dresden nach dem Untergang der DDR wie zugleich von der Blickweise der Autorinnen und Autoren der AG Stadtdokumentation offen. 1992 begann die Arbeit der AG, und dies Datum wird hier mit der gleichfalls in diesem Jahr aufgenommenen und an den Anfang der Präsentation gestellten Symbolszene dokumentiert: dem Abbruch des Lenin-Denkmals vor dem Hauptbahnhof, der für den Vollzug des ideologischen Paradigmenwechsels von der DDR in die BRD stehen kann. Ein Vorschlag des Künstlers Rudolf Herz, die einzelnen Blöcke des Denkmals als „Lenins Lager“ nebeneinander auf den Boden zu stellen und als Stolpersteine eines Da-ist-etwas-gewesen sichtbar bleiben zu lassen, war seinerzeit entgegen ersten Beschlüssen nicht realisiert worden. An den „Bahnhofsvorsteher“ erinnern deshalb nur Fotografien wie diese. Sie präsentieren den geordnet-bilderstürmerischen Akt jedoch nicht als Haupt- und Staatsaktion. Sondern im Gegenteil, aus einer fast flüchtigen Passantenperspektive, in einem wie beiläufigen Knipsermodus. Sie zeigen ihn unprätentiös als alltägliches Geschehen. So also sieht Geschichte von unten aus.

Das Verschwinden, Überlagern, Erweitern, Aufhübschen, trotz allem irgendwie Fortexistieren des Vergangenen und das mähliche Entstehen einer neuen Stadt mit neuer Architektur und neuer sozialer Struktur als Alltag mit all seinen Verwerfungen sind denn auch die wesentlichen Themen der Zeit seither – und damit der Arbeit der AG Stadtdokumentation. Sie ist mit ihren über die Jahre hinweg an die 50 Aktiven auch Symptom wie Dokument neuer Mentalitäten.

20 Jahre sind in Zeiten eines grundlegenden Systemwandels, tiefgreifender Modernisierungsbewegungen und hoher Fluktuation eine sehr lange Spanne. Umso bewundernswürdiger ist, dass es in der AG Stadtdokumentation mit wechselnden Akteuren gelang, Kontinuität aufzubauen. Hierzu haben gemeinsame Projekte und gegenseitige Absprachen beigetragen, die individuelle Neigungen nicht nur zugelassen sondern befördert haben – und das alles offenbar sorgsam austariert. Entscheidend ist bei solcher beweglicher Kontinuität auch ein Ort, der für die Treffen genutzt wird und vor allem, der das gemeinsame Archiv beherbergt. Aus ihm heraus ist die Ausstellung realisiert worden, zu deren Eröffnung ich – als seit 1994 in Dresden ansässiger Fotohistoriker – heute zu sprechen die Ehre und das Vergnügen habe.

Dabei gerät den Fotografinnen und Fotografen die ganze Stadt in den Blick – nein, eben nicht die „ganze“ Stadt, wenn das in Totalität überhaupt denkbar wäre. Denn weitgehend ausgespart bleibt das Zentrum, das als „historisch“ zu bezeichnen nur dann naheliegt, wenn man Historie etwa zu dem Zeitpunkt beginnen lässt, an dem die AG Stadtdokumentation ihre Arbeit aufgenommen hat. Man geht der retrospektiven Ikonografie von Oper, Zwinger, Schloss, der Brühlschen Terrasse, der Elbhänge und des Pillnitzer Parks weitgehend aus dem Weg, die für Touristen die wesentlichen Ziele sind und die für jene einen Begriff von „Dresden“ vergegenständlichen, der in vielfältigen Bildern vorgeformt ist und vor Ort in einer 3D-Fassung dann wiedergefunden wird. Nein, es sind fast ausnahmslos die darum herum und bis ins Weichbild der Stadt hinein reichenden Wohnquartiere und Produktionsstätten vergangener Ökonomien, die hier ins Bildfeld der flanierenden Beobachter geraten. Dort finden sie das Neue, und damit die spannenderen Aufgaben.

Das Flanieren als Beobachtungsform des Gangs der Dinge hat seinen Niederschlag im Ausstellungstitel „WandelGänge“ gefunden. Fast könnte man denken, aus den stillen Pergolen eines Badeortes auf dessen Idylle schaun zu sollen, den Becher mit merkwürdig schmeckendem Wasser in der Hand. Doch wächst dem Titel nicht zuletzt zusammen mit dem Motiv der Einladungskarte in mehrerlei Hinsicht eine ironische, auch kritische Dimension zu: Die scharfkantigen Betonstützen der Carolabrücke – oben die Stadtautobahn, unten der Reisebusparkplatz – vergittern mehr die Perspektive auf die Altstadtfassade von der Hofkirche bis zur Yenidze, die am Horizont aufscheint, als dass sie diese vorführen. Vorn das Reale, hinten eine Projektion.

So erscheint eine programmatische Metapher dessen, was im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen wird: Was überhaupt „Stadt“ sei, wo das „wirkliche“ Leben stattfindet, was „Dresden“ wäre. Bildlich wird hier nicht gentrifiziert, umso mehr aber aufmerksam den Spuren des sozialen und architektonischen Umbauprozesses gefolgt. Menschen geraten dabei allerdings nur selten in den direkten Blick, sind kaum das Hauptmotiv. Aber auch wenn keine zu sehen sind, ist doch deren Handeln im gesellschaftlichen Feld immer das Thema: im sedimentierten Zustand des Stadtbilds. Und fast nie zeigen sich die Bilder ohne stillstehende Veränderungstätigkeiten, die den Handel und Wandel bisweilen bis ins Karikaturistisch-Grelle kenntlich machen.

Was also ist diese Stadt? Was erzählen die Bilder vom Städtischen, was von Dresden? Ich möchte und kann dies hier nur andeuten. Dabei ist es ein umso schönerer Umstand, wenn der Laudator den Gegenstand seiner Betrachtungen in einen weiter angelegten historischen Bezugsrahmen einflechten und sich der Gedanken eines Größeren als Instrument bedienen kann.

So erinnerte ich mich zunächst eher vage doch dann bestimmt, als ich bei meinen Überlegungen für diesen kleinen Vortrag begann, dass der bis heute bedeutende Soziologe und Kulturphilosoph Georg Simmel hier in Dresden anlässlich der Deutschen Städteausstellung 1903 seinen Vortrag „Die Großstädte und das Geistesleben“ gehalten hat. Das ist nun 110 Jahre her – und auch in diesem Jubiläumsjahr ist die analytisch anregende Potenz nicht erschöpft. Die von Simmel für die Großstadt konstatierte „Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht“ und die unausweichliche Prägung des individuellen und kollektiven Seelenlebens durch die geldorientierte Sachlichkeit hat sicherlich für viele fühlbar mit der Wende auch in Dresden wiederum Einzug genommen – begleitet von den Verwerfungen, die sich im Stadtbild ausgeprägt haben und der Rekonstruktion eines Zentrums, das eben diese Realitäten konterkarieren möchte. Insofern sind die Fotografien der AG Stadtdokumentation außer Selbstbildnissen ihrer Autorinnen und Autoren auch veräußerlichte Bildnisse ihrer Mitbewohner, also von uns, in ihren ganzen Widersprüchen. Um Simmels Eingangssatz zu zitieren: „Die tiefsten Probleme des modernen Lebens quellen aus dem Anspruch des Individuums, die Selbständigkeit und Eigenart seines Daseins gegen die Übermächte der Gesellschaft, des geschichtlich Ererbten, der äußerlichen Kultur und Technik des Lebens zu bewahren – die letzterreichte Umgestaltung des Kampfes mit der Natur, den der primitive Mensch um seine leibliche Existenz zu führen hat.“

Vor diesem skizzenhaft angedeuteten Hintergrund denke ich, kann man besser verstehen, was eigentlich das besondere der Tätigkeit der AG Stadtdokumentation ausmacht. Sie fixiert eben nicht nur das Erscheinungsbild dieser oder jener Partie im Stadtbild. Das selbstverständlich auch. Zugleich aber überliefern die Szenerien in ihrer stilistischen Breite der Bilder eine Vielfalt von Sichtweisen, von Haltungen und Mentalitäten im Selbstverständnis einer ambitionierten Amateurfotografie. Da gibt es Aufnahmen in gesuchten Perspektiven, deren Einführung sich dem Blick auf die Leitbilder der internationalen Avantgarde der letzten fast 100 Jahre verdankt. Daneben stehen solche in der breit schildernden Erzählform von Knipseraufnahmen: mit weitem Abstand zum zentralen Thema, dessen Umgebung hierdurch als fluider Kontext des Geschehens erfasst wird.

Von solcher Multiperspektivität des Lebens gibt diese Ausstellung einen Eindruck. Sie setzt sich mit dem „Mythos Dresden“ auseinander als einem zugleich gelebten wie zugeschriebenen Habitus. Die Bilder umkreisen diese Gefühlslagen, gewissermaßen in kritischer Solidarität zum Zustand, ja mehr noch, zur Zukunft des Gemeinwesens unter obwaltenden ökonomischen und politischen Bedingtheiten.

Die Ausstellung insgesamt aber ist nur die Spitze eines Eisbergs. Kern und Summe der Tätigkeit der AG Stadtdokumentation ist ihr Archiv, das kein Eisberg, sondern heißen Herzens aufgebaut worden ist. Es wächst weiter durch die Praxis der gegenwärtig zehn Aktiven. Man kann vielleicht sagen: das Archiv ist der ideelle Gesamtfotograf. Es ist jedenfalls mehr als die Summe seiner Teile. Es ist eine komplexe Erzählung über Dresden, die zum Kulturgut dieser Stadt gehört.
© Wolfgang Hesse

Autor

Wolfgang Hesse

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