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Ardine Nelson: Green Spaces

Eröffnungsansprache  zur Ausstellung Ardine Nelson: Green Spaces

Claudia Schumann (Dresden/München), Galerie Raskolnikow am 22. Mai 2009

Walter Lippmann hat einmal geschrieben: „Meistens schauen wir nicht erst und definieren dann, wir definieren erst und schauen dann.“ Interessant ist dann, was passiert, wenn uns etwas begegnet, was sich für uns nicht gleich definieren lässt. Als ich Ardine Nelson letztes Jahr kennen lernte, erzählte sie mir von ihrer ersten Begegnung mit Schrebergartensiedlungen. Da es vergleichbare Einrichtungen in den USA nicht gibt – man lebt dort entweder in der Stadt ohne Garten oder außerhalb der Stadt mit Haus und Grundstück –, hielt sie die den meisten Europäern recht wohl vertrauten Kleingartensparten zunächst von weitem für sogenannte „Shanty towns“ – für Slums. Etwas verwundert darüber, dass es so etwas in Deutschland gibt, stieg Ardine aus der Straßenbahn und begann zu fotografieren. Das war 2004. Nach ihrer eigenen Aussage ist es ihr recht schnell aufgegangen, dass es sich bei den Gärten – wohlgeordnet und sichtbar mit elektrischen Kabeln und Satellitenschüsseln ausgestattet –, wohl doch nicht um „shanty towns“ handeln kann, und so wurde das Projekt geboren, dessen Ergebnisse sie uns heute hier präsentiert.

Die vorgestellten Arbeiten lassen sich deutlich zwei verschiedenen Gruppen zuordnen: Erstens die Landschaftsfotografien, und zweitens die Porträtfotos der Gärtner, wobei die erste Gruppe der zweiten zeitlich vorangeht. Die ersten Fotografien der Serie „Small Gardens“ von 2004 sind noch an dem größeren Format erkennbar, doch auch die später entstandenen digitalen Bilder lassen die für Ardine typische Herangehensweise erkennen, die noch von ihren frühen Atelierarbeiten mit Großformat-Kameras inspiriert ist: Die Gärten werden als sorgfältig arrangierte Stillleben in Szene gesetzt, die strengen kompositorischen Regeln folgen. Der Ansatz in diesen Fotografien ist stark formalistisch, aber gerade dadurch werden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gärten besonders deutlich. Inhaltlich liegt in diesen Arbeiten der Fokus besonders auf der jeweiligen Umsetzung einer Abgrenzung des privaten vom öffentlichen Raum. Wie Nietzsche formuliert: „Bei allem, was ein Mensch sichtbar werden lässt, kann man fragen: Was soll es verbergen? Wovon soll es den Blick abwenden?“ Im Regelwerk des Bundeskleingartengesetzes werden die günstigen Pachtbedingungen auch damit gerechtfertigt, dass die Allgemeinheit ebenfalls von der Existenz der Kleingärten profitiere, weil sie allgemein für eine bessere Lebensqualität in den Städten sorgen und auch den Nicht-Gartenbesitzern die Möglichkeit für erholsame Spaziergänge in der Natur bieten. In der Aufnahme mit dem Titel „Schrebergarten Nr. 483“, die Ardine für die Einladungspostkarte zur Ausstellung ausgewählt hat, findet sich ein Weg, der unter einer Pergola, die das Eingangsportal zum Garten bildet, beginnt und durch den für die Öffentlichkeit sichtbaren Teil im hinteren Teil des Bildes neben einer dichten Hecke schließlich in den für die Augen der Allgemeinheit verborgenen privaten Teil des Gartens führt. Dieser Wechsel zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, zwischen Verborgenem und Entborgenem ist zentrales Thema in diesem Teil von Ardines Bildern und radikalisiert sich noch einmal durch die wiederholten Aufnahmen zu verschiedenen Jahreszeiten. Während im Frühling und Sommer hochgewachsene Hecken und die begrünten Spaliere große Teile der Gärten für den Blick von außen verdecken, geben die entlaubten Gewächse und Holzgitter im Herbst und Winter den Blick unverhüllt auf im Sommer Unsichtbares frei. Da die Gärten nun weniger belebt sind, besteht kein Grund, sich nach außen hin abzugrenzen und so sehen wir dasselbe Bild zu einer anderen Zeit in einer ganz anderen Perspektive. Das im Alltag Verborgene sichtbar werden zu lassen, und unsere Aufmerksamkeit auf die Veränderlichkeit unserer Umgebung in der Zeit, auf das Werden und Vergehen zu richten, besonders auch im Unterschied von natürlichen und technischen Entwicklungsprozessen, ist auch in ihren anderen Arbeiten Thema (z. B. Ceilings). Zum Teil durch die in den formalistischen Gartenbildern deutlich werdenden Differenzen und Besonderheiten zwischen den einzelnen Gärten, die unweigerlich auf die Menschen verweisen, die die Gärten gestalten, zum Teil auch dadurch, dass Ardine über das Fotografieren mit einzelnen Gärtnern und Gärtnerinnen ins Gespräch kam, verlagerte sich im Jahr 2006 ihr Interesse weg von den Gärten hin zu den Menschen. Auf diese Weise entstanden Porträtfotografien und videografierte Interviews. Die Porträtfotografien der Gärtner bilden den zweiten Teil der Bilder, die wir heute Abend sehen können. Dieser Teil von Ardines Arbeit hat im Unterschied zu den menschenleeren, streng formalistischen Landschaftskompositionen des ersten Teils eher den Charakter einer Sozial-Dokumentation. Die Porträts sind jeweils mit Bildunterschriften versehen, die kurze Informationen zu den porträtierten Personen geben, so dass wir hier eine recht umfassende Aufzeichnung der Subkultur der Dresdner Kleingartenvereine erhalten. Bemerkenswerterweise werden die Menschen hier nicht bei der Arbeit im und am Garten gezeigt, sondern man wird eher an das von den Bourdieus beschriebene Prinzip der Frontalität erinnert. Wie in aufwendigen Inszenierungen für Hochzeitsfotos oder auch schon in den Arrangements und Posen, wie sie sich auf byzantinischen Mosaiken finden, wird hier gerade entgegen der für die Fotografie so spezifischen Flüchtigkeit, ihrer Möglichkeit in einem Schnappschuss noch den vergänglichsten Moment einzufangen, durch das formale Mittel der Frontalität der Verzeitlichung scheinbar entgangen. Das Bild scheint für die Ewigkeit gemacht und die Personen treten „der Kamera in derselben Weise gegenüber[...] wie einem Menschen, den man achtet und dessen Achtung man erwartet: von vorn, mit erhobenem Kopf und den Blick geradeaus gerichtet“ .

Um Ardines fotografische Arbeiten zu verstehen, ist es meiner Auffassung nach wichtig, sich die Tatsache bewusst zu halten, dass sie anfangs einem Phänomen gegenüberstand, welches für sie nur schwer einzuordnen war. Als ich 2008 begann, für Ardine bei den Videointerviews zu dolmetschen, hatte ich (wie wohl die meisten der heute anwesenden Gäste) eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wer oder was ein Kleingärtner ist und wie er oder sie zu sein hat – nämlich ziemlich genau so wie mein Großvater. Diese Vorstellung war sicher auch vage historisch informiert, auch wenn mir die genauen Hintergründe der Entstehung der Vereine nicht bekannt waren, die ja im Zuge der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert eingerichtet wurden, um dem Hunger und der Verarmung in den benachteiligten Bevölkerungsschichten entgegenzuwirken. Besonders auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden europaweit Kleingartengebiete ausgewiesen, um so die allgemeine Ernährungslage zu verbessern. In der Zusammenarbeit mit Ardine allerdings habe ich meine Schublade „Kleingarten“ ein wenig umetikettieren müssen, denn durch ihre offene, völlig unvoreingenommene Sichtweise wurde mir klar, dass die Kleingärten längst nicht mehr nur rein funktional orientierte Nutzgärten sind, sondern für viele der interviewten Gärtner eher der soziale Aspekt überwiegt, dass in den Gärten unterschiedlichste Menschen ungezwungen zusammenkommen können, die dennoch alle durch ein gemeinsames Interesse an derselben kreativen Tätigkeit verbunden sind.

In seinen Vorlesungen über Ästhetik meint Hegel, es sei die „geläufigste Vorstellung“ über die Kunst, dass die „Nachahmung der Natur [...] den wesentlichen Zweck der Kunst ausmache“. Doch dieses „zum zweiten Mal machen“, das Wiederholen der Natur durch den Menschen, so Hegel, kann schnell als eine „überflüssige Bemühung angesehen werden, da wir, was Gemälde, Theateraufführungen usf. nachahmend darstellen, Tiere, Naturszenen, menschliche Begebenheiten, sonst schon in unseren Gärten oder im eigenen Hause oder in Fällen aus dem engeren und weiteren Bekanntenkreise vor uns haben“. Die bloße Nachahmung sei „ein übermütiges Spiel, das hinter der Natur zurückbleibt“ . Gerade der Fotografie ist oft ihre realistische Verheißung, ihre prätendierte Objektivität, Neutralität und Wahrhaftigkeit, also das bloße Nachahmen, zum Vorwurf gemacht worden, da fotografische Bilder ja (im Unterschied zu malerischen Arbeiten) direkt kausal durch die fotografierten Objekte verursacht werden. In ihren formalistischen Gartenbildern zeigt Ardine Nelson jedoch die Kleingärten auf eine verfremdete Weise, so, wie wir sie meist nicht betrachten und auch nicht fotografieren würden, die Bilder zeigen die Gärten durch Augen, die etwas Unvertrautem, Nicht-kategorisierbarem gegenüberstehen. Die Gärten sind völlig menschenentleert, so dass sie den Betrachtern zunächst gar nicht als Gärten selbst erscheinen, in denen Menschen arbeiten, um Pflanzen zum Wachsen und Gedeihen zu bringen, sondern wir sehen Strukturen, Farbflächen, Formen, die auf interessante Weise in einer eher künstlich anmutenden Bildkomposition zusammengebracht wurden.

Auch ein weiterer Vorwurf gegen die Fotografie wird mit Ardines Bilder ad absurdum geführt. Ihre Porträtfotos haben – ganz im Unterschied zur allgegenwärtigen reißerischen Bilderflut in Tagespresse und Fernsehen – etwas auffallend Unaufgeregtes und Diskretes. Sie bewahren eine respektvolle Distanz zu den porträtierten Personen, so dass sie dem Betrachter genügend Raum zur Entwicklung der eigenen Neugier lassen, Raum für eigene Entdeckungen und eine eigene neue Sicht auf scheinbar längst Bekanntes und Vertrautes. So können vielleicht heute Abend auch die Garten- und Naturliebhaber unter Ihnen doch Hegel zustimmen, wenn er feststellt, dass das „Kunstschöne höher stehe als die Natur. Denn die Kunstschönheit ist die aus dem Geiste geborene und wiedergeborene Schönheit“ .
© Claudia Schumann

Autorin

Claudia Schumann, M.A.