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Luftbildarchäologie

Luftbildarchäologie

Die Luftbildarchäologie stellt ein seltsames Paradoxon dar: Der Archäologe begibt sich in die Luft, um etwas zu finden, das unter dem Erdboden ruht. Und doch hat es seinen tieferen Sinn. Aus einer Höhe von 300 – 400 m ergibt sich ein anderer Blick auf die Landschaft. Die senkrechte Sichtachse lässt Strukturen an der Erdoberfläche erkennen, die vom Boden aus bei horizontalem Blick nicht als solche zu sehen sind. Dabei können schräges Licht am Abend oder eine dünne Schneebedeckung im Winter geringste Unebenheiten auf der Oberfläche als markante Signaturen erscheinen lassen. Das Beobachtete wird im Foto festgehalten und kann auf diese Weise konserviert und später am Schreibtisch ausgewertet werden.

Die Aufnahmen werden in der Regel aus kleinen Sport- oder Ultraleichtflugzeugen gemacht, die die geeigneten technischen Voraussetzungen für die Aufnahmen bieten. Im Gegensatz zur Messbildfotografie werden bei der Luftbildarchäologie im Allgemeinen keine Senkrechtbilder gemacht oder Orthobilder (entzerrte, rektifizierte Bilder) berechnet. Dies bringt zwar den Nachteil mit sich, dass sich in den Bildern nicht messen lässt, doch erscheinen sie für Publikationen ansprechender, weil sie den normalen Sehgewohnheiten entsprechen.

Der Burgberg von Zschaitz wurde in der Bronzezeit und noch einmal im Hochmittelalter besiedelt und befestigt. Außer den heute noch erhaltenen Wällen sind von der ehemaligen Befestigung die verfüllten Gräben zu erkennen, die als grüne Streifen im Bewuchs erscheinen.

Denkmaldokumentation

Eine wesentliche Aufgabe der Luftbildarchäologie besteht in der Dokumentation der bekannten, an der Erdoberfläche noch sichtbaren, archäologischen Denkmäler. In der Regel handelt es sich dabei um Burgen und Wallanlagen, Grabhügelfelder, mittelalterliche Wegetrassen oder Bergbauspuren. Der Blick aus der Luft erlaubt dabei eine andere Sicht auf die Objekte. Vielfach ist eine übersichtlichere und anschaulichere Darstellung möglich, als dies durch eine Aufnahme vom Erdboden aus der Fall ist. Insbesondere die großen Burgwälle oder die mittelalterlichen Stadtkerne lassen sich nur auf diese Weise fotografisch darstellen. Konkrete Anforderungen bestehen allerdings für den Flugzeitpunkt. Klares sonniges Wetter ist für gute Fotos immer Voraussetzung. In bewaldeten Gebieten lassen sich Aufnahmen sehr günstig im Winter bei leichter Schneedecke anfertigen. Aber auch im offenen Gelände betont eine leichte Schneedecke oder Schräglicht das Bodenrelief.

Hoch über der Elbe gelegen bietet die bronzezeitliche Wallanlage auf der Boselspitze nahe Meißen die Möglichkeit, von dort aus über den Handel und Verkehr entlang des Stromes zu wachen, ihn zu sichern und zu kontrollieren.

Die bronzezeitliche Wallanlage auf dem Göhrisch bei Seußlitz gehört zusammen mit zwei weiteren Anlagen zu den Sicherungseinrichtungen der „Rauhen Furt“, einer bereits in vorgeschichtlicher Zeit genutzten Querung der Elbe.

Auch großflächige Ausgrabungen werden aus der Luft erfasst, um Lage und Ausmaß der Grabungsflächen festzuhalten. Dies kommt insbesondere bei der Voruntersuchung von Bauvorhaben bei Industriegeländen, bei Pipelines oder im Straßen- und Eisenbahnbau vor.

Im Vorfeld von Baumaßnahmen finden archäologische Prospektionen statt, bei denen zunächst der Humus in Streifen abgeschoben wird; Flughafengelände Leipzig-Halle 2005.

Prospektion unbekannter Fundstellen

Neben der Dokumentation sichtbarer Denkmäler bildet die Prospektion bislang unbekannter Fundstellen die Hauptaufgabe der Luftbildarchäologie. An vielen Stellen befinden sich unter der Erdoberfläche noch Reste einer prähistorischen Besiedlung. Sie bestehen in Form von Pfostenlöchern, Siedlungsgruben und Gräben sowie in Form von Grabanlagen. Diese Fundstellen sind heute vom Ackerboden überdeckt und damit zunächst unsichtbar. Eine Methode, diese Stellen aufzufinden, ist in den physikalischen Eigenschaften dieser Jahrhunderte oder Jahrtausende alten Strukturen begründet. An der Stelle, an der ein Loch in den Boden gegraben wurde, sei es als Vorratsgrube, Graben oder für einen Pfosten, ist der natürliche Aufbau des Bodens gestört. Verfüllt sich das Loch wieder, indem Erde eingeschwemmt wird, besitzt die eingefüllte Erde eine andere Struktur. Sie ist in der Regel feinkörniger, häufig auch mit organischem Material durchmischt. Die feinere Struktur der Erde führt an dieser Stelle in der Regel zu einer höheren Speicherkraft von Wasser. Pflanzen reagieren hoch sensibel auf geringste Standortvorteile. Auf einem Getreidefeld wurzeln die Halme über ehemaligen Gruben und Gräben in dem etwas feuchteren Milieu tiefer und können sich besser mit Wasser und Nährstoffen versorgen. In Folge davon wachsen diese Pflanzen höher als ihre Nachbarn auf dem ungestörten Boden. Zugleich reifen diese Pflanzen ein wenig später aus und bleiben länger grün, da der Reifeprozess auch als ein Abtrocknungsvorgang verstanden werden kann.

Auch auf der Erde stehend lassen sich unterschiedliche Farben und Wuchshöhen des Getreides erkennen. Dass es sich in Bildmitte aber um eine Reaktion der Pflanzen auf einem mehrere Tausend Jahre alten Grabhügel handelt, sieht man aus der Luft wesentlich besser.

Umgekehrt führt eine Verdichtung des Bodens beispielsweise durch Wege, Steinpackungen oder Fundamente zu ungünstigen Wachstumsbedingungen. Die Pflanzen stehen an diesen Stellen niedriger und reifen früher aus. Auf diese Weise wird die Struktur unter der Oberfläche durch den Bewuchs abgebildet. Aus der Luft sind diese Wachstumsunterschiede als systematische Strukturen zu erkennen. Von dort aus lassen sich natürliche Standortunterschiede von denen trennen, die durch den Eingriff des Menschen hervorgegangen sind, unabhängig davon, wann dieser Eingriff stattgefunden hat.

Der Kreisgraben, der ehemals den Fuß eines Grabhügels umfasste, hat zur ringförmigen Ausprägung von Bewuchsmerkmalen geführt. Die kleineren Gruppen höheren und grünen Getreides markieren Stellen von Grabgruben. Schönnewitz, nordöstlich von Oschatz.

Die trapezförmige Struktur am Ortsrand von Kobeln, nördlich von Lommatzsch, geht auf eine Grabanlage aus dem Mittelneolithikum zurück.

Ehe die B 6 östlich von Bautzen um 1800 ihren heutigen Trassenverlauf erhalten hatte, gab es andere Streckenführungen, die sich jetzt in den Bewuchsmerkmalen erkennen lassen.

Die Luftbildarchäologie verhilft dazu, diese Plätze zu orten, ihre Strukturen zu dokumentieren und ihre Ausdehnung festzuhalten. Die Informationen, die sich aus der Luftbeobachtung ziehen lassen, genügen in vielen Fällen, die Strukturen zu interpretieren und ihr Alter abzuschätzen. Durch die Vergleiche mit ausgegrabenen Anlagen können die Plätze in ein kulturelles Umfeld integriert und historische Rückschlüsse gezogen werden.

Die Stärke der Methode besteht darin, dass es sich um eine so genannte zerstörungsfreie Methode handelt: die Fundstellen selbst bleiben durch die Untersuchung unberührt und nehmen keinerlei Schaden. Auf diese Weise lassen sich verschiedene Informationen zu einem Denkmal gewinnen, ohne das Denkmal selbst in Mitleidenschaft zu ziehen. Mit dieser und anderen Methoden kann man versuchen, diese Plätze vor der Zerstörung zu bewahren, sodass sie als Denkmal für künftige Generationen erhalten bleiben, wie sie sich schon seit Jahrtausenden bis in unsere Zeit erhalten haben.
© Text und Fotos Dr. Ronald Heynowski

Autor

Dr. Ronald Heynowski
Landesamt für Archäologie

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