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Neuerwerbung für das Kupferstich-Kabinett

Gundula Schulze Eldowy:
Die Mappe »Arbeit« 1985-88

Stefanie Hoch

Mit Unterstützung seines Freundeskreises konnte das Kupferstich-Kabinett im letzten Jahr die Mappe "Arbeit" (1985-88) der Photographin Gundula Schulze Eldowy erwerben. Die Mappe enthält 15 großformatige, schwarz-weiße Silbergelatineabzüge, die in den Jahren 1985 bis 1988 an verschiedenen Arbeitsstätten im heutigen Sachsen und Thüringen entstanden und entsprechend ihres jeweiligen Aufnahmeortes rückseitig betitelt sind. In Einzelfällen werden Personen näher bezeichnet wie „Andreas, der Rußkönig“ oder kurz als „Kesselreiniger“. Meist sind jedoch nur Ort und Datum genannt, beispielsweise die Gummifabrik Bad Blankenburg (1985), das Stahlwerk Freital (1987) oder die Fischfabrik Erfurt (1987).
In der DDR kam der Arbeiterklasse als Trägerin des sozialistischen Aufbaus und vor allem in der Staatsideologie eine essentielle Rolle zu. Das staatlich bestimmte Kunstleben hatte in seinen Anfangsjahren pathetisch inszenierte Arbeiter-Heldenbilder gefordert. Der monumentalisierte Arbeiterheld ordnete sich der Regelwelt des Kollektivs unter, um möglichst hohen gesellschaftlichen „Nutzwert“ zu erbringen. Die Bildkompositionen wurden dominiert von selbstbewusst und sicher in ihrer Lebenswelt verankerten „Arbeiter-Prototypen“, die eine neue Gesellschaft und ihre Ideale beschwören sollten. Auch in der Photographie haben Arbeiterdarstellungen eine lange Tradition und sind gerade in den achtziger Jahren der DDR mit zahlreichen Erwartungen, Konnotationen und Klischees belegt.
Für Schulze Eldowy und viele andere ihrer vom Staat enttäuschten Generation hatten die von oben geforderten Darstellungen jede Daseinsberechtigung verloren. Ein ehrlicher Blick auf Arbeitende und ihre Lebenswelt rückte als elementare Aufgabe in den Vordergrund. 1954 in Erfurt geboren, hatte sich Gundula Schulze Eldowy seit Ende der 1970er Jahre autodidaktisch der Photographie zugewandt. 1979 nahm sie ein Fernstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Horst Thorau auf. Ihre Aufnahmen zeigten ungeschönt das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft und im Alltag. Damit sorgte sie für Kontroversen — wie auf der IX. Kunstausstellung der DDR in Dresden 1982. Neben Ausstellungen in Ostdeutschland nahm sie bereits damals an internationalen Ausstellungen, beispielsweise in Frankreich und den USA teil.
Die Mappe lässt eine Kritik durch Dokumentation des Faktischen sichtbar werden, indem sie Arbeiter nicht mehr als heroisierte Staatsträger, sondern als Sinnbilder gesellschaftlichen Verfalls versammelt. Trotzdem bleiben viele Aufnahmen individuelle Portraits und Charakterbilder, die auf eine persönliche Annäherung verweisen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, die das gesamte Lebensumfeld einbeziehen, konzentriert sich Schulze Eldowy auf den konkreten Arbeitsplatz und die Mühe der Arbeit. Mehr noch, die abgebildeten Maschinen, Gerätschaften und Produktionslinien sind nicht Hintergrund oder informatives Beiwerk, sondern bestimmen in ihrer funktionalen aber undurchschaubaren Monstrosität den Bildaufbau. Die Werkstätigen sind in Arbeitshaltungen abgelichtet, die sie meist in seltsam verkrümmte Positionen zwingen. Statt stolzer Arbeiter werden gebeugte, sich bückende und unter Maschinen liegende Menschen gezeigt. Sie sind in Nischen, Ecken, Löcher gezwängt, die sich im Dunkel verlieren oder sie verschwinden hinter und in der Apparatur, die wohl für etwas Größeres steht. Oft bleiben Gesichter hinter Schutzbrillen oder -masken verborgen, Köpfe oder der ganze Oberkörper verdeckt, wodurch die Menschen anonymisiert und allgemeingültig erscheinen. Mit ihren verdrehten Gliedmaßen, die aus verbeulter Arbeitskleidung staken, erinnern sie an automatisierte Marionetten oder Cyborgs, halb lebendige, halb maschinelle Zwitterwesen. Doch wenden sie sich der Kamera zu, so springt der menschliche Blick aus dem Dunkel der verdreckten Gesichter umso deutlicher hervor, zwar abgekämpft, aber offen und unverstellt. Sie kauern, sind destabilisiert, aber nicht gebrochen. Sie wissen um sich selbst und zugleich um die Haltung der Photographin, die ihnen ihre Würde belässt und Respekt bewahrt. Der Eindruck des 'Verschluckt-werdens' wird verstärkt durch das Schwarz-weiß der Aufnahmen. Arbeitsumfeld und Mensch werden vereinheitlicht, eingedampft zwischen Staub, Qualm und Dreck. Aus der räumlichen Umklammerung spricht eine Brutalität, die Menschen in ihrer Situation festfügt und zementiert.
Gundula Schulze Eldowys Sozialstudie widmet sich einerseits einem mittlerweile abgeschlossenen Kapitel der Geschichte, andererseits bleibt die grundlegende Frage nach dem Stellenwert von Arbeit im Leben, vor allem nach der Selbstentfaltung beziehungsweise der Eingrenzung des Individuellen, frappierend aktuell für heutige arbeitspolitische Herausforderungen - in Deutschland wie weltweit. Gundula Schulze Eldowy: Arbeit
Inventarnummer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett: Da 2006-1
In schwarzes Leinen gebundene Mappe (71 x 61 x 6 cm), auf die Künstlername und Datierung in weißer sowie der Titel Arbeit in roter Farbe eingeprägt sind.
Die 15 schwarz-weißen Silbergelatineabzüge der Größe 39,5 x 59,8 cm wurden von der Künstlerin auf beigen Karton (60 x 69,8 cm) aufgezogen.
© Stefanie Hoch
Stipendiatin des Programms „Museumskuratoren für Fotografie“ der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung

Autorin

Stefanie Hoch
Stipendiatin des Programms „Museumskuratoren für Fotografie“ der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung