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Barbara Klemm. Fritz Klemm

Laudatio zur Eröffnung der Ausstellung des Kupferstich-Kabinetts
»Barbara Klemm. Fritz Klemm – Photographien, Gemälde, Zeichnungen«

Heinrich Wefing, ehem. Paraderäume des Dresdner Residenzschlosses, 21. Februar 2007

Liebe Barbara Klemm, lieber Herr Professor Holler, lieber Martin Roth, meine Damen und Herren.
Als ich vergangene Woche noch einmal mit Barbara Klemm telefonierte und mich nach den Vorbereitungen der Ausstellung erkundigte, die heute eröffnet wird, fragte ich sie auch, ob ich in meiner kleinen Ansprache etwas erwähnen solle, das ihr besonders am Herzen liege. Barbara Klemm antwortete, wie es so unvergleichlich ihre Art ist, ohne zu zögern: „Heinrich, sag, was Du willst, aber sag es kurz.“ Aus dieser Aufforderung zur Prägnanz sprach natürlich die erfahrene Journalistin, die über dreißig Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gearbeitet hat, und einfach weiß, wie sehr unser Geschäft vom richtigen timing lebt, beim Fotografieren wie beim Schreiben. Aus Barbara Klemms Bitte um Kürze sprach aber auch die leidgeprüfte Vernissagenbesucherin, die aus Erfahrung weiß, daß die Ansprachen bei Ausstellungseröffnungen immer zu lang sind und die Gäste nur vom Genuß der Bilder abhalten.
Vor allem aber - und damit bin ich mit einem längeren Umweg, als Barbara Klemm vermutlich gutheißen würde, beim Punkt: - vor allem aber ist Barbara Klemms „Fasse Dich kurz!“ Ausdruck ihrer Persönlichkeit, ihres Wesens, genauer: ihrer Bescheidenheit. Barbara Klemm ist, so darf man wohl sagen, eine der bedeutendsten Fotografinnen der Gegenwart, aber sie macht um sich und ihre Bedeutung kein Aufhebens. Alles Divenhafte ist ihr fremd, wiewohl sie viele der einflußreichsten Männer und Frauen der Welt getroffen hat — getroffen im doppelten Wortsinn. Mit nicht wenigen von ihnen ist sie befreundet, Ingo Schulze sei als nur ein Beispiel erwähnt. Barbara Klemm war auf staunenswerte Weise offenbar immer zur rechten Zeit dort, wo sich gerade die Zeitgeschichte verdichtete — ich erinnere nur an ihre Bilder von der Öffnung der Mauer in Berlin — aber sie hat in der Redaktion der F.A.Z. trotz alledem mit einer unprätentiösen Professionalität gearbeitet, die mich tief beeindruckt hat. Als ich als Hospitant bei der F.A.Z. anfing, war sie dort schon ein halbes Leben als Redaktionsfotografin tätig, mit Preisen, Büchern, Ausstellungen und verlockenden Abwerbeversuchen anderer Zeitungen geehrt, doch sie hat mit mir so ernsthaft und neugierig über die Bildauswahl für einen Artikel diskutiert wie mit jedem erfahrenen Kollegen.
Als wir ein paar Jahre später einmal in Berlin für eine Geschichte gemeinsam herumliefen, wurden wir plötzlich von einem Touristen angesprochen, einem jungen Amerikaner, glaube ich, der uns bat, doch ein Bild von ihm vor der Siegessäule zu machen. Wortlos nahm Barbara Klemm seine Kleinbildkamera, machte das Foto, gab dem jungen Mann die Canon oder Minolta zurück und schaute mich im Weitergehen schelmisch an. „Der hat jetzt ein Klemm-Bild und weiß es nicht mal.“ Sie lächelte noch eine Weile, aber sagte kein Wort mehr, freute sich nur über die hübsche Pointe, aus der ein talentierter Autor vielleicht den Anfang einer schönen Kurzgeschichte spinnen könnte.
Ich erzähle Ihnen das alles, meine Damen und Herren, um Ihnen eine Ahnung davon zu vermitteln, wie sehr ich mich gefreut habe, im Frühjahr 2004 mit Barbara Klemm für knapp zwei Wochen auf Recherchereise im Westen der Vereinigten Staaten zu gehen, wo ich damals als Korrespondent für die F.A.Z. arbeitete.
Für Barbara Klemm war die Tour auch so etwas wie ein Abschied von der Zeitung, für die sie um die Welt gefahren war, aber eben noch nie nach Kalifornien. So standen wir gemeinsam im Nebel an der „Golden Gate Bridge“, trafen einen Computer-Magnaten im Silicon Valley, besuchten das strahlend weiße Getty-Center auf einem Hügel oberhalb von Los Angeles und die Villa Aurora, das schloßgleiche Anwesen von Lion Feuchtwanger hoch oben in Pacific Palisades. Barbara fotografierte sogar, ein wenig widerwillig zunächst, den unvermeidlichen Hollywood-Schriftzug und die dunstverschmierte Skyline von L.A.; wir fuhren durch endlose, nervenzerfetzende Staus nach Süden, in einen verwechselbaren Vorort von Long Beach, um Bill Viola, den Video-Künstler, zu treffen; das Bild hängt, glaube ich, auch hier in der Ausstellung. Fraglos der Höhepunkt der Reise aber war der Besuch von Roden Crater, dem atemberaubenden „land art“-Projekt von James Turrell in der Wüste von Arizona. Etwa dreißig Meilen nordöstlich des Städtchens Flagstaff erhebt sich dort mitten im kargen, menschenleeren Land der Kegelstumpf eines lang erloschenen Vulkans. Nur ein paar Rinder stehen ringsum zwischen Gestrüpp und strohblonden Grasbüscheln. Seit über dreißig Jahren arbeitet Turrell daran, die ausgeglühte geologische Formation in eine gigantische Installation zu verwandeln, in ein Mondobservatorium, ein Sternentor. Gemeinsam mit einem pensionierten Astronomen und dem New Yorker Architekturbüro SOM schmiedet er gewaltige Pläne für ein System von Tunneln, Katakomben und unterirdischen Sälen, die sich allesamt, wenn sie denn je fertiggestellt werden, zum Himmel öffnen sollen. 1997, nach jahrzehntelangem Ringen um Geld und Genehmigungen, begannen tatsächlich die Bauarbeiten am Krater. Über eine Million Kubikmeter Lavagestein wurden seither bewegt, Ströme von Beton und mehrere Millionen Dollar verbaut, und doch ist bis heute kaum mehr als ein Viertel der geplanten Anlage verwirklicht. Wann die Arbeiten abgeschlossen sein werden, vermag niemand zu sagen. Eine Weile hieß es, der erste Bauabschnitt werde 2006 für ein ausgewähltes Publikum eröffnet, mittlerweile ist eher vom Jahr 2010 die Rede. Die Bilder von Barbara Klemm bieten Ihnen, meine Damen und Herren, einen wahrhaft exklusiven Vorgeschmack auf das, was da unweit des Grand Canyon entsteht. Wir erreichten den Krater gegen Mittag unter einem Himmel mit eiligen Wolken. Kaum hatten wir den Berg zwischen den anderen Vulkanbuckeln der Gegend entdeckt, hielten wir immer wieder an. Barbara kurbelte die Fensterscheibe unseres Geländewagens herunter oder stieg einen Moment lang aus, um den dreihundert Meter hohen Berg in sich aufzunehmen. Ihre ersten Bilder zeigen „Roden Crater“ wie ein prähistorisches Monument. Wer die Aufnahmen sieht, meint beinahe die Stille ringsum zu hören, die nur gelegentlich von einem Windhauch gestört wird. Irritierend gleichmäßig erhebt sich der Krater in der Landschaft, läßt aber nichts von dem ahnen, was in seinem Innern passiert. Man muß den Berg erklimmen, muß buchstäblich in ihn eindringen und durch ihn hindurchsteigen, ehe sich sein Reiz enthüllt. Im vereinbarten Versteck am Ende der Schotterpiste lag ein Schlüssel für uns bereit. Wir öffneten das Gatter, fuhren die letzten Meter hinauf zur Lodge am Südhang des Berges, einem Gästehaus, wo Sponsoren und andere ausgewählte Besucher übernachten können, und trafen dort den Bauleiter, der uns über einen steilen Pfad zum provisorischen Einstieg in den Berg führte, zu einem Tor aus nacktem Beton. Dahinter liegt der erste der von James Turrell ersonnenen geometrischen Höhlen: die „Sun and Moon-Chamber“, ein kreisrunder Raum mit einer winzigen Öffnung in der Decke, durch die ein Lichtstrahl wie ein leuchtender Finger einfällt und im Laufe des Tages über die Wand kriecht. Kaum hatten wir die „Sun and Moon-Chamber“ betreten, begann Barbara Klemm, ohne große Anweisungen oder komplizierte Vorbereitungen, mit ihrer Arbeit. Nur mit zwei Kameras, einigen Objektiven und einer Umhängetasche voller Filme beladen, marschierte sie los, in den Berg hinein, schlenderte stundenlang durch seine Kammern und Stollen, kraxelte die steinigen Hänge der Kraterschüssel empor, wechselte immerfort Kamera, Objektiv und Filme, leise lächelnd, wie mir mitunter schien, als sei sie beglückt von dieser Erfahrung, stets zu zwei, drei raschen Sätzen aufgelegt, und sichtlich animiert von dem, was sich vor ihr auftat. Als ich längst schon müde war von all dem Staunen und Schauen, fotografierte sie noch immer weiter, bis schließlich ein gewaltiger Mond über dem Berg und den endlosen Ebenen ringsum aufstieg.
Wenn ich heute, fast drei Jahre später, Barbaras Bilder von „Roden Crater“ betrachte, kann ich kaum glauben, daß wir dort nur zwei halbe Tage verbracht haben, einen sehr langen Nachmittag und den folgenden Morgen. Entstanden ist in diesen nur wenigen Stunden eine ungeheuer konzentrierte Serie von Aufnahmen, die auch in der Arbeit von Barbara Klemm einen besonderen Platz einnehmen. Sie zeigen die Fotografin, die vor allem als Beobachterin von Menschen, als einfühlsame, niemals denunzierende Porträtistin von Politikern und Künstlern hervorgetreten ist, in einem intensiven Dialog mit James Turrells Kunstwerk. Es sind Studien über elementare Prinzipien aller Fotografie, über Hell und Dunkel, Tiefe und Weite, über die Intensität des Lichts und die Dichte der Schatten, lauter beinahe abstrakte Kompositionen. Menschen sind darauf, höchst ungewöhnlich im Werk von Barbara Klemm, fast nie zu sehen.
Das vielleicht hervorstechendste Merkmal der Aufnahmen aus Arizona aber ist ihre subtile Distanz. So behutsam, stets ein wenig reserviert und scheinbar beiläufig, wie sie ihre Bilder zu machen pflegt, hat sich Barbara Klemm auch dem Krater genähert. Sie hat sich (natürlich, möchte man sagen), den Zumutungen des Grandiosen souverän entzogen, die überall in Turrells Projekt lauern. Immerfort nämlich bietet „Roden Crater“ visuelle Pointen von enormer Verführungskraft. Wer wollte, könnte in der Anlage lauter Gänsehautbilder machen, ein farbsattes fotografisches Ausrufezeichen nach dem anderen. Sieh mich an! rufen all die sorgsam berechneten Achsen und spektakulären Aussichten; fotografier mich! bettelt jedes pathetische Detail: Die steile Treppe aus Bronze im „East Portal“ etwa, die direkt in den Himmel zu führen scheint, dem Kitsch so nah wie nur irgendeine Hollywood-Dekoration. Barbara Klemm hat sich dieser Verführung verweigert. Wo immer es die gebieterische Kunst-Architektur zuließ, hat sie die plakative Komposition gemieden. Ihre Bilder führen das Projekt Roden Crater auf seine Substanz zurück: auf das Licht. Das fraglos Erstaunlichste aber geschah, wie immer, wenn man mit Barbara Klemm zusammen arbeitet, in dem Moment, als ich zum ersten Mal ihre Fotografien von Roden Crater sah.
Wer, wie ich, als Kulturjournalist arbeitet, beginnt sich irgendwann fast zwangsläufig etwas auf seinen eigenen Blick einzubilden. Man meint, mehr zu sehen als andere, genauer hinzuschauen, auch die Details zu registrieren, die flüchtigeren Beobachtern entgehen. Gegen diese Hochmut ist das Studium der Bilder von Barbara Klemm ein wirksames Mittel. Wenn sie einen in der Redaktion besucht, einen Stoß Bilder unter dem Arm, die sie langsam, Bild für Bild, auf den Schreibtisch legt wie ein Kartenspieler einen Trumpf nach dem anderen, dann sieht man von Bild zu Bild deutlicher, was man alles nicht gesehen hat. Was einem alles entgangen ist, wie unscharf der eigene Blick eben doch ist. Aber diese Erkenntnis ist gar nicht bedrückend, nicht einmal ernüchternd, sie ist im Gegenteil beglückend. Es ist eine Freude, die Welt durch die Bilder von Barbara Klemm zu sehen, und ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, daran heute abend ebenso viel Vergnügen, wie ich es zuverlässig habe.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
© Heinrich Wefing

Autor

Heinrich Wefing
Frankfurter Allgemeine Zeitung