Springe direkt zu: Hauptnavigation | Inhaltsbereich | Suchfunktion

www.dresden.de

Hauptnavigation

Themen

Herausgeber

Dresdner Porträts

Rede zur Eröffnung der Fotoausstellung »Dresdner Porträts«

Wolfgang Hesse, Kulturrathaus, 7. November 2006

Meine Damen und Herren,
auf den ersten Blick erscheint alles so einfach. Eine Gruppe von Fotografierenden, fast ausschließlich engagierte Amateurfotografen, macht aus Anlaß und in Hinblick auf das Stadtjubiläum unter professioneller Anleitung Bilder von Menschen in der Stadt Dresden. In den Blick der Akteure hinter der Kamera und vor das Objektiv geraten Menschen, die lebensgeschichtlich verortet sind, die sich selbst unterschiedlichen sozialen Gruppen zuordnen oder denen sie durch die spezifischen Formungen unserer Gesellschaft ihrerseits administrativ oder sonstwie in sozialer Aktion fixiert worden sind: Obdachlose, alleinerziehende Väter, Elbekapitäne, Studenten, Kinder, Behinderte, Künstler. Wir sehen die Bilder, wir sehen die Menschen, und wir kennen die Ordnung dahinter. Sie gehören zu uns, da sie auf den Bildern sind.
Sie schauen uns an. Nein: Sie sehen sich selbst an. Denn die Fotografierten denken sich schon im Voraus als Bild, wie das der Fototheoretiker Roland Barthes erkannt hat. Sie stellen sich vor, wie es sein wird, wenn sie das fertige Bild in Händen halten. Oder daß andere darauf schauen, so wie wir Ausstellungsbesucher eben. Die Fotografien sind symbolischer Träger einer vielfach geschichteten kommunikativen Situation, deren dokumentarische Spur wie zugleich aktivierender Teil sie sind und sein wollen.
In der Aktion der Aufnahme standen die Modelle in direktem Kontakt mit dem Fotografen oder der Fotografin — es sind also keine reportagehaften Schnappschüsse, sondern Porträtaufnahmen, mit mehr oder minder großem inszenatorischem Aufwand ins Bild gesetzt. Die Vorstellung, ein authentisches Bild unserer Gesellschaft im Mikrokosmos von Porträts zu zeigen, von Spuren gelebten Lebens steht dahinter: Sozialfotografie nicht als Aufzeichnen von alltäglichem Geschehen, in dem die Realität dadurch als unverfälscht erscheinen soll, daß die Akteure nichts vom Fotografiertwerden merken oder es sich wenigstens nichts anmerken lassen, sondern in Konzentration auf Gesichter und Figuren. Der Ansatz ist getragen von der Hoffnung auf Einfühlung in Mit-Menschen, doch schließt er auch unterschiedliche Schichten des Verstehens ein — etwa physiognomische Theorien, die in vorurteilsbeladenes Alltagshandeln eingegangen sind ebenso wie unsere Kenntnisse, Körpersprache zu lesen oder Kleidercodes zu entschlüsseln.
Findet da also eine Verwechslung statt zwischen der Realsituation und dem Bild davon? Wird hier Fotografie als Medium in dem Sinn verstanden, daß sie Durchgangsmembran für das Wirkliche ist, wir also durch die fotografischen Flächen hindurchschauen und auf diese Weise das Reale hinter den Bildern sehen, beschreiben, ordnen und uns Zuschauer dazu ins Verhältnis setzen können?
Natürlich sind alle Fotografien ausnahmslos und grundsätzlich Inszenierungen von Beobachtetem, Ausschnitte aus dem Zeit-. und Raumkontinuum, die der Fotograf vornimmt. Daher thematisieren einige der Aufnahmen das Inszenierte und den Medienbezug des Bildgeschehens auch ausdrücklich, indem sie etwa einen neutralen Bildhintergrund nutzen und damit interne Verweise schaffen beispielsweise auf Konventionen der Atelierfotografie des 19. Jahrhunderts, auf August Sanders Typologie der Menschen des 20. Jahrhunderts oder als jüngeren Abglanz hiervon das Projekt von Stefan Moses „Deutsche“ — hier eben „Dresdner“.
Doch es sind nicht nur Utensilien, die diesen Anschluß herstellen; eingeschrieben in die Kommunikation zwischen Fotograf und Fotografiertem sind Haltungen, die mit dem gesellschaftlichen Rang und den Üblichkeiten fotografischen Abbildens als Kulturtechnik verbunden sind — beiderseits der Kamera.
Die Fotografien sind also Elemente einer Hoffnung auf Einverständnis, der Gewißheit von Verständigung, auf Bildung von Gemeinschaft. In diesem Sinne sind sie altmodisch. In ihnen lebt die Hoffnung des Dokumentarischen, wenigstens einen Zipfel des Wirklichen zu fassen zu kriegen und dies auch unmißverständlich mitzuteilen: So ist es. Und: Die Fotografien dieser Ausstellung lassen ihr Gegenüber gelten. Die sind getragen von Respekt. Das Wort ist ja in letzter Zeit etwas in Verruf geraten, wird es doch bei jeglicher politischen Invektive gleich mit genannt — es meint aber Rücksichtnahme auf das je Eigene, und wenn es ein Eigenartiges wäre.
Der Zusammenhang der Aufnahmen, ihre Montage zu dieser Ausstellung, erläutert den Anspruch und eine der gemeinten Bedeutungen: Daß nämlich in diesen Bildern sich nicht allein die zu sehenden Menschen als Individualitäten zeigen, sondern sie in ihrer Gesamtheit zugleich als Metapher für die Stadt Dresden zu deuten wären. Sie tun dies mit einer Haltung, die in langwelligen Traditionslinien steht, die von den Turbulenzen der Medienkritik nicht erreicht worden zu sein scheinen. Denn sehen wir tatsächlich die Realien, wenn wir Fotografien sehen? Was beweisen sie? Haben sich nicht die technischen Bilder eigengesetzlich zwischen das Wirkliche und unsere Wahrnehmung geschoben?
Das ist so, und die Fotografie und ihre Nachfolgetechniken digitaler Bildproduktion sind mehr Simulationen denn Dokumente. Objektiv. Doch subjektiv lebt die Erwartung, mittels Fotografien Gewißheiten zu erlangen, weiter. Als Täuschung, wenn man so will, die ihre eigenen Realitäten produziert.
Der Begriff der Dokumentarfotografie kam in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts auf, als mit den Illustrierten und der Kinematografie sich völlig neue Wahrnehmungsweisen durchgesetzt hatten und der Zweifel daran wuchs, ob sie nicht nur aus manipulatorischer Absicht sondern grundsätzlich in der Lage wären Wirklichkeit abzubilden, Wahrheit zu erzählen. Der Begriff des Dokumentarischen und insbesondere auch des Sozialdokumentarischen insistiert darauf, daß das, was die Bilder zeigen, genau so im Moment der Aufnahme vor der Kamera gewesen sein muß und sich den lichtempfindlichen Materialien einbeschrieben hat, also wirklichkeitsmächtig ist. Also Kopien der Realität, Klone?
Vielleicht ist es gegenüber so ungebrochener Zuversicht eine erkenntnisfördernde Metapher sich vorzustellen, daß Fotografien ein ähnliches Verhältnis zur Wirklichkeit unterhalten, wie wir es in unseren Traumbildern durchleben, im Guten wie im Schlechten: Sie sind Abbilder von Stattgefundenem, Wirklichem, werden erinnert, umgedeutet, neu zusammengesetzt, verarbeiten Erfahrung, lenken von ihr ab oder auf sie hin, umkreisen sie, sind produktive Auseinandersetzung mit der Realität — aber eben nicht ihre Kopie, sondern eine Verschiebung, eine Metamorphose die der symbolischen Bewältigung dienen kann.
Dem entspräche dann, daß zu solcher Verschiebung auch die in dieser Ausstellung mit einer Ausnahme praktizierte Vorstellung gehört, die Schwarzweißfotografie sei als Abstraktion von der Vielfarbigkeit des Wirklichen das geeignete Verfremdungs-Mittel. Der Philosoph Vilém Flusser hat dessen Bedeutung skizziert: „Schwarz-weiße Sachverhalte kann es in der Welt nicht geben, weil Schwarz und Weiß Grenzfälle, ‚Idealfälle‘, sind: Schwarz ist totale Abwesenheit aller im Licht enthaltenen Schwingungen, Weiß totale Gegenwart aller Schwingungselemente. Schwarz und Weiß sind Begriffe, zum Beispiel theoretische Begriffe der Optik. Da schwarz-weiße Sachverhalte theoretisch sind, kann es sie in der Welt tatsächlich nicht geben. Aber schwarz-weisse Fotos, die gibt es tatsächlich. Denn sie sind Bilder von Begriffen der Theorie der Optik, das heißt, sie sind aus der Theorie entstanden. (...) Sie übersetzen eine Theorie der Optik in ein Bild und laden dadurch diese Theorie magisch auf und codieren theoretische Begriffe wie „schwarz‘ und ‚weiß‘ in Sachverhalte um. Schwarz-weiße Fotos sind die Magie des theoretischen Denkens, denn sie verwandeln den linearen theoretischen Diskurs (d.h. Schrift, W.H.) zu Flächen (d.h. Bildern, W.H.). Darin liegt ihre eigentümliche Schönheit, die die Schönheit des begrifflichen Universums ist. Viele Fotografen ziehen denn auch schwarz-weiße Fotos den farbigen vor, weil sich in ihnen die eigentliche Bedeutung der Fotografie, nämlich die Welt der Begriffe, deutlicher offenbart.“
Die Verwechslung des Realen und des Abbilds ist Magie. Magie ist das Wünschen im Glauben auf Erfüllung. Magisch ist auch die Gewalt, die in der Gesellschaft entsteht und meint, im Feind das Unglück zu treffen. Wird sich das Mit-Menschliche in der unbewußten oder auch der bewußten Verlebendigung dessen, was die zunehmend selbsttätigen gesellschaftlichen wie die technischen Apparate an Handlungs- und Deutungsmustern enthalten, halten können?
Vielleicht ja doch? Christian Borchert hat diese Haltung, diese Hoffnung — der auch die Autorinnen wie die Porträtierten dieser Ausstellung folgen möchten — für sich und im Verhältnis zur Tradition des sozialdokumentarischen Porträtierens sehr schön in einer „Huldigung für August Sander“ formuliert: „In August Sander verehre ich einen Fotografen, der Zeitgeschichte dokumentierte. Er tat es nicht mit Momentaufnahmen von Ereignissen, suchte nicht deren bedeutsamen Augenblick festzuhalten, sondern er läßt uns in Gesichter blicken. Wir werden angeschaut und zwingend konfrontiert mit Leuten, die vor 50 Jahren fotografiert worden sind, Auge in Auge. Dies und die Ruhe berühren ich ebenso wie es Bildnismalerei und Porträtplastik vergangener Jahrhunderte tun.“
In diesem Sinne mag die lernende Anstrengung der Fotografinnen und Fotografen dieser Ausstellung lohnen. Und in diesem Sinne haben wir es mit Dokumenten unserer Zeit auch hier zu tun. Für heutigen und künftigen Gebrauch, für Auskünfte und Deutungen unserer Zeit braucht es offene Augen — und die Anstrengung des Begriffs.
© Wolfgang Hesse

Autor

Wolfgang Hesse
Fotohistorische Projekte und
Redaktion Rundbrief Fotografie

Postanschrift 
Postfach 210256
D-01263 Dresden
Telefonnummer 
+49-351-3160990
Faxnummer 
+49-351-3160992