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Mensch!
Photographie aus Dresdner Sammlungen

Rede zur Ausstellungseröffnung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Wolfgang Hesse, Kupferstich-Kabinett, 6. Juni 2006

Fotografische Kunstwerke, Dokumentationen und Fiktionen verwandeln die Erscheinung von Menschen und Dingen in neue Bedeutungen. Unsichtbares wird sichtbar und das Sichtbare wird in Archive, in Museen oder in Warenkataloge eingereiht: Fotografie macht die Welt verfügbar.
Sie ist in diesem inhaltlichen wie im technischen Sinne ein legitimes Kind des bürgerlichen Fortschritts, den sie dokumentierend begleitet und deutend mitformt — im Guten wie im Bösen. So zerfließen die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft und Kommerz, von Fotografie und Druckwerk, von Privatem und Öffentlichem. Von solchen Transsubstantiationen handelt unsere Ausstellung.
Insofern folgt das Konzept von „Mensch! Photographien aus Dresdner Sammlungen“ nicht allein den Zufällen der örtlichen Fotografieproduktion und -überlieferung, sondern will im Exempel Grundsätzlicheres zeigen.
Dabei wird sichtbar, wie sich Geschichte im Bild vom Menschen repräsentiert, wie sich Fotografiegeschichte als Mentalitätsgeschichte lesen läßt, wie Funktion und Ästhetik sich bedingen — und wie dies sich in einer ganzen Reihe der teils bedeutenden Dresdner Sammlungen niedergeschlagen hat. Gerade in dieser Zusammenführung des heterogenen Materials zur Montage unserer Ausstellung, in dieser Kooperation, erweist sich auch: Dresden zeigt Gesicht.
Was ist zu sehen und zu denken? Das Innere und die Seele werden zum Bild, Leben und Tod, Ganzheitlichkeit und Fragmentierung, Eindeutigkeiten und Ambivalenzen, Gemeinschaft und Ausgrenzung, Nahes und Fremdes, Inszenierungen der Gesellschaft wie der Personen, Stile und Ikonografien, Utopien und ihr Scheitern. Zu sehen ist dies in Serien und Einzelbildern, in Bildern des praktischen Gebrauchs wie der Kunst, in Analysen und Beschönigungen, als Innovation und Regression, in Werken bekannter wie unbekannter Fotografinnen und Fotografen vor allem aus Deutschland, doch auch aus Japan, Großbritannien, Frankreich, Italien oder der Sowjetunion.
Die Bilder der Fotografen halten nicht allein deren subjektive Sichtweisen fest, die Abgebildeten verhalten sich selbst als Bild. So werden die Fremd- und Selbstbilder einer Epoche fixiert. Daher ist das Zeigen von und die Beschäftigung mit Fotografie auch eine Archäologie der Blicke.
Für unsere Grabung in den Dresdner Sammlungen stehen etwa Salzpapiernegative von Bertha Wehnert-Beckmann und Philipp Graffs Parlamentarier-Daguerreotypien aus dem Jahr 1848/49 ebenso wie die Stadt-Land-Projektionen von August Kotzsch in Loschwitz oder der fernere Exotismus japanischer Atelieraufnahmen aus dem 19. Jahrhundert. Aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen bestechend schöne und zugleich berührende Aufnahmen medizinischer Präparate von Georg Schmorl oder standardisierende Polizeifotografien, hoch individualisierende Künstlerportraits von Hugo Erfurth oder Produktionsalben aus dem Sachsenwerk Niedersedlitz gleichermaßen wie antifaschistische Fotomontagen von John Heartfield.
Besonderes Augenmerk gilt naheliegenderweise Bildern der SBZ und DDR aus der zweiten Jahrhunderthälfte: von Richard Peters Dokumentaraufnahmen der Bombentoten des Februar 1945 oder Heroisierendem von Abraham Pisarek über die melancholischen Schriftstellerporträts von Roger Melis und die genauen Bestandsaufnahmen Christian Borcherts zu den desillusionierten Arbeitsbildern von Gundula Schulze Eldowy, den Fragmentierungen Micha Brendels oder von Thomas Florschuetz vom Ende dieser Gesellschaft bis hin zu den ironischen Rückblicken Florian Merkels. Dem folgen etwa die schrillen Dokumente der Dresdner Nachwendejahre von Lothar Lange als Beamerprojektion in unserem Kinoraum oder die medienkritische Auseinandersetzung mit den Welten des Internet von Thomas Ruff sowie eine eigens für die Ausstellung geschaffene Arbeit von Frank Herrmann und schließlich — täglich aktualisiert — Pressebilder der Sächsischen Zeitung und von dpa auf den PC-Monitoren unserer Eingangsinstallation.
Doch bereits auf dem Weg hier herauf oder nachher zur Ausstellung selbst werden Sie bereits die schöne Arbeit von Thomas Bachler in den Fahrstühlen bemerkt haben — und dem einen oder anderen Gesicht in der Ausstellung wiederbegegnen mit der freundlichen Aufforderung: „Denk an mich“ — auch wenn die so erinnerte Person fallweise zu denen gehören mag, die nur sehr ungern erinnert werden.
Ausschnitthaft entsteht so eine mediale Geschichte der vergangenen 160 Jahre mit ihren großen Entwürfen, den Zumutungen und den Versprechungen, den Hoffnungen und dem Zweifel und dem Trotz alledem der Menschen. Denn Fotografien halten nicht nur Ansichten von Körpern oder Räumen fest. Sie fixieren den Menschen als gesellschaftliches Wesen, die Entwicklung des Sehens und Zeigens, sie formen das Erinnern: Fotografie entwirft Geschichte.
Daß diese keine harmonische ist, versteht sich. So kann es ihre Darstellung in unserer Präsentation auch nicht sein.
Hat nicht Siegfried Kracauer schon 1927 die Täuschungen der Fotografie charakterisiert, die eben nicht wesentlich in der Retusche sondern in der Logik des Aufzeichnungsverfahrens selbst lägen? Und haben nicht Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schon vor 60 Jahren in den Hervorbringungen der Kulturindustrie die finstere Seite der Aufklärung erhellt — mit der Kunst als Refugium von Wahrheit?
So steht unsere Ausstellung in verschiedenen Bezugssystemen: Dem der Kunst wie dem der Alltagsgeschichte, dem der Fototheorie wie dem der Dresdner Sammlungen als Archiven der Blicke und ihrer virtuellen Summe als imaginäres Museum der Welt in dieser Stadt. Uns selbst und den Zustand der Welt im Medienblick kann daher das Leitwort zu unserer Abteilung „Identitäten“ ein guter Leitsatz zu sein um verstehen zu wollen, was wir sehen, wenn wir auf diese fotografierten Ansichten der letzten 160 Jahre schauen. Ernst Bloch hat als Summe seines Prinzips Hoffnung kurz nach seiner Nicht-Rückkehr in die DDR in der „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ geschrieben: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“
In diesem Sinne danke ich Ihnen für‘s Zuhören und wünsche Ihnen wie uns eine aufmerksame Betrachtung unserer Ausstellung.
© Wolfgang Hesse

Autor

Wolfgang Hesse
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Katja Schumann, Kuratorin

Rede zur Ausstellungseröffnung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

16. Juni 2006, Kupferstichkabinett

Sehr geehrte Damen und Herren,
dem eben erwähnten Zitat von Ernst Bloch „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ werden Sie in unserer Ausstellung als Projektion in der Themengruppe „Identitäten“ wieder begegnen. Die Abbildung dieser Gedanken mittels Lichtstrahlen auf einer Fläche reflektiert gleichzeitig den Charakter des Mediums Photographie. Die Schatten der Besucher, die zwangsläufig durch das Durchqueren des Lichtstrahls erzeugt werden, spielen auf Platons Höhlengleichnis oder die Schattenwurflegende des Plinius an. Bereits in der etymologischen Bedeutung setzt sich das Wort Photographie aus dem griechischen „phos“ oder „photos“ für Licht und „graphein“ für schreiben oder zeichnen zusammen.
Die phototheoretischen Anhaltspunkte in Zitatform durchziehen die gesamte Ausstellung, die sich neben der Themengruppe „Identitäten“ in „Körper“ und „Zeiten“ strukturiert. Im Themenkomplex „Körper“ wird Sie Roland Barthes zum Nachdenken anregen: „Sobald ich nun das Objektiv auf mich gerichtet fühle, verwandle ich mich bereits im voraus zum Bild.“ In den „Zeiten“ hingegen die Worte „Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten.“ von Walter Benjamin.
Das Licht ist natürlich — wie in jeder Ausstellung — ein wesentliches Gestaltungsmittel. Sie werden jedoch sehen, dass unserem Lichtkonzept eine gesteigerte konzeptionelle Bedeutung zugrunde liegt. Die fast 400 Photographien aus 30 Dresdner Sammlungen und Ateliers mit Schwerpunkt auf dem Bestand des Kupferstich-Kabinetts und Leihgaben aus der Deutschen Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek — Staats- und Universitätsbibliothek Dresden gliedern sich in etwa 80 Bildserien. Der serielle Charakter des Mediums wird durch die Ausleuchtung des Einzelbildes antithetisch hinterfragt.
Licht, die elektromagnetische Strahlung die auf das menschliche Auge trifft, erzeugt den subjektiven Sinneseindruck der Farbwahrnehmung. In der Farbenlehre wurden verschiedene Farbmodelle entwickelt. Vereinfacht ausgedrückt, steht das RGB — Rot-Grün-Blau Farbmodell komplementär zum subtraktiven CMYK-Farbmodell. Das Farbkonzept der Ausstellung, das wie die Raum- und die Schriftgestaltung auf der Grundlage des bereits erläuterten inhaltlichen Konzepts durch unsere Ausstellungsarchitektin Heide Marie Hagen und in intensiven Diskussionen mit den Kuratoren entwickelt wurde, basiert auf dem CMYK-Farbraum. In der Ausstellung werden verschiedene Farbabstufungen des Cyan, Magenta, Yellow und Key, das für Schwarz bzw. die Veränderung des Kontrastes steht, den physikalischen Charakter der Farbe und des Sehens veranschaulichen. Eine der Komplementärfarben halten übrigens viele von Ihnen in Form unseres Faltblattes in den Händen. Frau Hagen, die an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig ein Studium als Photodesignerin abschloss, hatte natürlich einen besonderen Zugang zur Photographie, und wir möchten ihr an dieser Stelle nochmals für die konstruktive Zusammenarbeit danken.
Die drei großen Themengruppen „Körper- Zeiten — Identitäten“ strukturieren nicht nur die Ausstellung, sondern auch den Katalog. Im Jonas-Verlag in Marburg erschienen, befassen sich darin über 30 Autoren in 45 Essays mit einzelnen Bildserien der Ausstellung. In drei Hauptaufsätzen werden außerdem das Sammeln von Photographie an den gleichzeitig repräsentativen wie auch konträren Sammlungstypen des Kupferstich-Kabinetts und der Deutschen Fotothek erörtert sowie das Portrait als Gattung und die Darstellung von Geschichte thematisiert. Als Autoren konnten wir dafür Manuel Frey und Ulrike Hübner-Grötzsch aus Dresden, Timm Starl aus Wien und Cornelia Brink aus Freiburg gewinnen. Umfangreiche Tafelteile komplettieren das 288seitige Begleitbuch.
In der Ausstellung haben Sie die Möglichkeit in einzelnen, ausgewählten Aufsätzen dieses Katalogs zu lesen. Neben dem allgemein üblichen Auslegen des Begleitbuches, wird Sie die darüber hinausgehende innovative Präsentationsform dieser Texte verblüffen, aber hoffentlich auch anregen, über die Bedeutung von Kontextualisierungen photographischer Bilder nachzudenken. Einen weiteren Anhaltspunkt für das Verständnis könnten für Sie die lyrischen Kurzüberschriften zu einigen photographischen Serien sein, denen im Katalog jeweils ein zweiter, deskriptiver Untertitel beigefügt wurde.
Katalog und Ausstellung wären in dieser Form ohne die Unterstützung der zahlreichen Leihgeber, Mitarbeiter des Kupferstich-Kabinetts und der Staatlichen Kunstsammlungen, den Autoren und Förderern, die Herr Holler bereits ausführlicher genannt hat und die namentlich im Katalog aufgeführt sind, nicht möglich gewesen. Dafür unseren ausdrücklichen Dank.
Bevor nun Herr Holler die Ausstellung eröffnen wird, möchte ich Ihnen noch ein letztes Zitat von Emmet Gowin mit auf den Weg geben: „Die Photographie ist ein Hilfsmittel zur Auseinandersetzung mit Dingen, von denen jeder weiß, ohne sich damit zu befassen.“ In diesem Sinne hoffen wir, dass Sie Ihren Besuch der Ausstellung und das Lesen des Katalogs nutzen, um sich mit dem Gesehenen auseinanderzusetzen.

© Katja Schumann

Autorin

Katja Schumann, M.A.
Kunsthistorikerin

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