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Hugo Schwerg.
80 Jahre Photographie in Pirna

Rede zur Eröffnung der Fotoausstellung

Rene Misterek, Stadtmuseum Pirna 

Hugo Schwerg — dieser Name steht für zwei aufeinander folgende Generationen von Fotografen und für 80 Jahre Fotografie in Pirna. Hugo Hermann Adolph Schwerg (1840-1906) und sein Sohn Hugo Johannes Schwerg (1868-1948), der als Hugo Schwerg junior firmierte, sind zwar nicht mit bedeutenden Innovationen hervorgetreten. Aber sie haben wie viele andere, heute oft kaum bekannte Fotografen, über Jahrzehnte regional einen Beitrag zur Anwendung und Verbreitung des Mediums Fotografie geleistet und damit sächsische Fotografiegeschichte mitgeschrieben.
Hugo Hermann Adolph Schwerg gehörte im 19. Jahrhundert zu jenen technisch interessierten und künstlerisch talentierten Menschen, die sich, aus sehr unterschiedlichen Professionen kommend, dem neuen Medium Fotografie zuwandten und für dessen rasche Verbreitung sorgten. Wie schnell die Fotografie Einzug hielt bis in die kleinen Städte Sachsens zeigt ein Blick in die Fotografie-geschichte Pirnas: Bereits vier Jahre nachdem Louis Jaques Mandé Daguerre 1839 das erste praktikable Lichtbildverfahren in Paris der Weltöffentlichkeit vorgestellt hatte, kam mit Johann Ludwig Ruft ein ambulanter „Daguerreotipiekünstler“ in die Stadt. Hermann Krone fertigte im Herbst 1853 mit dem nassen Kollodiumverfahren die erste fotografierte Stadtansicht Pirnas. Im Jahre 1859 wurde der Buchbinder Carl Wilhelm Häcker der erste dauerhaft ansässige Fotograf in der Stadt. Ihm folgte 1863 der Lithograf Julius Kubach.
Hugo Schwerg war der dritte niedergelassene Fotograf in Pirna. Als Sohn eines Schuhmachers in Kreischa stammte er aus einfachen Verhältnissen. Über seine Kindheit und frühe Jugend sind wir recht gut unterrichtet. Er verlebte sie in einer Zeit, die durch ein wachsendes bürgerliches Selbstbewusstsein, von Bildungsbestrebungen und liberalen Reformen geprägt war, die auch das Dorfleben berührten. In Kreischa entstanden unter dem Einfluss des Arztes Friedrich Theile ein Turnverein, ein Fortbildungsverein und eine öffentliche Bibliothek. Die Familie Schwerg nahm regen Anteil an den Bewegungen ihrer Zeit. Der Vater lieferte Beiträge für die von Theile herausgegebene „Kreischaer Dorfzeitung“, der Onkel eilte im Mai 1849 den Aufständischen in Dresden zu Hilfe. Ein Fotoporträt des alternden Theile von Hugo Schwerg zeigt, dass die Verbundenheit mit dem Demokraten, der nach dem Maiaufstand als Rädelsführer zum Tode verurteilt und später zur Haftstrafe begnadigt wurde, fortbestand. Von dem heranwachsenden begabten Sohn Hugo, dem die Mutter schon mit fünf Jahren Lesen und Schreiben beigebracht hatte, ist ein Schreibebuch überliefert. Es enthält neben gesammelten Lebensweisheiten und Aufzeichnungen über Sachverhalte aus Physik, Astronomie, Geschichte zahlreiche Skizzenblätter, die der damals 13jährige Junge fertigte. Dennoch setzte sich zunächst die Tradition durch, indem der Sohn das väterliche Handwerk in Kreischa übernahm. Im Jahre 1865 heiratete Hugo Schwerg die Tochter eines Pirnaer Buchbinders. Zwei Jahre später ließ er sich als Schuhmacher in Wilsdruff nieder.
Unter welchen Umständen Schwerg senior mit der Fotografie vertraut wurde, ist aus den überlieferten Quellen leider nicht ersichtlich. Indizien sprechen für das Kennenlernen der Fotografie während der Kreischaer Jahre. Vielleicht kam er dann in Wilsdruff in Kontakt mit dem dortigen Fotografen Otto Schmidt. Im Herbst 1869 ersuchte Schwerg als gewerblicher Fotograf um Pirnaer Bürgerrecht. In den ersten beiden Jahrzehnten betätigte er sich nach bisherigen Erkenntnissen ausschließlich im Atelier. Zumindest fehlen aus dieser Zeit Belege für Stadt- und Landschaftsaufnahmen. Dem Thema Landschaft wandte er sich in seiner Freizeit mit der Malerei zu, die vorwiegend in naturalistisch und naiv gehaltenen Aquarellen bzw. aquarellierten Zeichnungen bestand. Die Resultate seiner Hobbymalerei hat er selbst nie veröffentlicht. Im Atelier setzte er seine malerischen Fähigkeiten ein zum Kolorieren von Fotografien, eine Kunst, die auch sein Sohn Schwerg junior später mit Perfektion beherrschte. Es drängt sich natürlich die Frage auf, weshalb der an Landschaftsdarstellung interessierte Schwerg nicht die Fotografie zu diesem Zweck einsetzte. Hielt ihn der allzu groß erscheinende Aufwand zurück, den das nasse Kollodiumverfahren noch verursachte? Es ist auffällig, dass die Hinwendung zur Stadt- und Landschaftsfotografie erst zu einem Zeitpunkt erfolgte, als die Gelatinetrockenplatte schon bewährt zur Verfügung stand. Andererseits ist bemerkenswert, dass für Schwerg senior die Fotografie nach dem Übertritt in den Ruhestand wohl abgeschlossen erschien. Als er um 1900 eine ausgedehnte Reise in die Schweiz und nach Italien unternahm, nahm er nicht die Kamera ins Gepäck, sondern die Malutensilien.
Vieles deutet darauf hin, dass die Hinwendung zu den Stadt- und Landschaftsaufnahmen erst unter dem Einfluss des Sohnes erfolgte. Hugo Johannes Schwerg hatte frühzeitig alle Tätigkeiten in Atelier und Dunkelkammer beim Vater erlernt. 1887/88 erweiterte er seine Kenntnisse durch ein Volontariat in dem renommierten Dresdner Atelier von Hanfstaengl und Teich. Seit 1890 arbeitete er als Gehilfe im väterlichen Geschäft, das er 1895 auf eigene Rechnung übernahm. Im Jahre 1907 absolvierte er einen Meisterkurs an der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie in München.
Schwerg junior hat die Stadt- und Landschaftsfotografie insbesondere im Zeitraum von 1895 bis zum Ersten Weltkrieg gepflegt. Seine topografisch genauen Aufnahmen sind heute eine wertvolle Geschichtsquelle. Sie dokumentieren weit reichende Veränderungen im Stadtbild infolge der Urbanisierung und Industrialisierung. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als sich die Einwohnerzahl Pirnas verdoppelte, erfasste das Baugeschehen alle Bereiche der Stadt. Die so genannte Westvorstadt, die Wohnkomplexe der Gründerzeit, wurden projektiert, und auch in der Altstadt fielen Häuser oder sie veränderten ihr Gesicht. Wie kein anderer Fotograf am Ort hat Schwerg die Ver-änderungen für die Nachwelt festgehalten, etwa die alten Garten- und Wohnhäuser im Gebiet der Westvorstadt oder die Altstadthäuser vor dem Einbau der großen Schaufensterfronten. Dieses Schaffen kann jedoch nicht die Qualität einer systematischen Dokumentation beanspruchen. Oft resultierten die Aufnahmen aus Aufträgen von Hausbesitzern, Firmeninhabern und Behörden. Manchmal betätigte sich Schwerg auch als Chronist mit der Kamera, um die Bilder zum Verkauf anzubieten und das Bedürfnis nach Erinnerung zu bedienen. In das Geschäft mit Ansichtskarten ist er allerdings nur in geringem Umfang eingetreten. Als die privaten Auftraggeber infolge des Aufkommens der Amateurfotografie in den 1920er und 1930er Jahren ausblieben, verlor auch Hugo Schwergs Stadt- und Landschaftsfotografie an Bedeutung.
Die Fotografien Hugo Schwergs sind keine Momentaufnahmen aus dem Alltagsleben einer Stadt. Sie erscheinen oft gefällig arrangiert, die Menschen stellten sich in Position, wie sie gesehen werden wollten. Gerade das macht diese Bilder sozialgeschichtlich interessant. Heute, da wir von Bildern überflutet werden, alles mit der Kamera Machbare vorgehalten bekommen, findet diese uns schon fremd gewordene präzise Bildauffassung durchaus wieder Aufmerksamkeit.
Schwergs Leben hatte nichts Spektakuläres an sich. Leben und Arbeiten fand im engen Nebeneinander in den kleinteiligen Gebäuden der Alberstraße 13 statt. Da die Hausfront nicht der später projektierten Straßenflucht entsprach, wurden Baugenehmigungen versagt. Stückweise Erweiterungen nach dem Grundstücksinneren blieben die Alternative. Die Porträtfotografie bildete stets das Haupteinkommen. Aufnahmen wurden täglich gefertigt, auch an jedem Sonn- und Feiertag. Gern verbanden die Kirchgänger der gegenüberliegenden Katholischen Kirche den Gottesdienst mit einem Atelierbesuch, waren sie doch bei dieser Gelegenheit im Sonntagsstaat. Ältere Bürger erinnern sich noch heute an die Atelierpraxis. Frau Schwerg besorgte die so genannte Empfangsstube und nahm die Kundenwünsche entgegen. Über ein Sprachrohr, das an die Kommandobrücke eines Schiffes erinnerte, rief sie den Meister aus der tiefer liegenden Dunkelkammer. Es war ein Geschäft, das die Eitelkeit der Bürger berücksichtigen musste. Technische Apparaturen bedurften der Modernisierung und das Arsenal der Requisiten erweiterte sich entsprechend der Mode. Im Laufe der Zeit wurde ihm jedoch auch nachgesagt, zu sehr dem Bewährten und Traditionellen verhaftet zu sein. Diese Haltung korrespondierte aber mit seiner präzisen und korrekten Bildauffassung.
Seine Freizeit widmete Hugo Schwerg „zum Ausgleich der vielen, langen Arbeitszeiten“ dem Wandern. Es war wohl der einzige Luxus in seinem Leben, wenn er regelmäßig mit den Diwafs, den Dienstagswanderfreunden, in die Sächsische Schweiz oder das Osterzgebirge aufbrach. Dabei handelte es sich um eine lose Gemeinschaft von Geschäftsleuten, die auf Tour gingen, während Angestellte oder Ehefrauen den Geschäftsbetrieb aufrechterhielten. Zu den Wanderfreunden führte ihn auch ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Harmonie, das seine Persönlichkeit charakterisierte. Als 1933 die Ideologie der Nationalsozialisten in alle Bereiche der Gesellschaft vordrang, legte er sein Amt als Bezirksmeister der Fotografen-Kreisinnung Dresden sofort nieder. Nach dem Krieg erklärte er dazu: „Alles, was unter dem Tarnwort Politik der Menschen Dasein vergiftet, habe ich abgelehnt.“
Immer noch im Arbeitsleben stehend, starb Hugo Schwerg junior mit 80 Jahren im Jahre 1948. Bis 1957 lagerten tausende Glasnegative gut sortiert im Ateliergebäude. Dann wurde der Bestand aufgelöst und zum Teil per Handwagen in das Stadtmuseum Pirna gebracht. Existenzielle Probleme des Museums, schwierige Bedingungen hinsichtlich der Magazinierung, aber auch die noch geringe museale Wertschätzung der Fotografie führten zu weiteren Verlusten. Im Jahre 1990 wurde der verbliebene Bestand erfasst und gesichert. Während der Hochwasserbergung 2002 im Stadtarchiv Pirna konnten weitere 60 in Vergessenheit geratene Negative geborgen werden. Diese Platten hatten über Tage im Wasser gelegen, wobei es teilweise zum Abbau der fotografischen Schicht gekommen war. Nach einer Notsicherung erfolgte die Übergabe der Negative an die Fotorestauratorin Ulrike Müller in Radeberg. Die Platten wurden gereinigt und der Glasbruch gesichert. Anschließend entstanden Sicherheitsabzüge und Duplikatnegative.
Inzwischen umfasst der gläserne Nachlaß Hugo Schwergs 120 Gelatinetrockenplatten der Größen 24 x 30, 13 x 18 bzw. 12 x 16 cm. Es ist nur noch ein winziger Bruchteil seines Schaffens. Der kulturgeschichtliche Wert für die Stadt Pirna und ihre Umgebung ist dennoch unschätzbar, denn er ermöglicht uns einen Blick in die Zeit um 1900. Die Ausstellung „Hugo Schwerg. 80 Jahre Fotografie in Pirna“ stellt viele seiner Bilder erstmals der Öffentlichkeit vor und ist ein wichtiger Beitrag zur regionalen Fotografiegeschichte.
© René Misterek

Autor

René Misterek
Stadtmuseum Pirna

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