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Laudatio auf Evelyn Richter

Kunstpreis der Landeshauptstadt Dresden 2006
Laudatio auf Evelyn Richter

T.O. Immisch

Evelyn Richter wird gern als „Grande Dame“ der ostdeutschen Photographie bezeichnet. Sehen wir von der Einschränkung „ostdeutsch“ ab, finden wir in ihrer Generation nur wenige Photographen von gleichem Rang: Arno Fischer, Stefan Moses und — etwas jünger — Barbara Klemm. Beiden, Richter wie Klemm, gelingen immer wieder Zeitbilder, Bildsymbole, kurz Zeitsymbole. Aber: Barbara Klemm arbeitete als Zeitungsphotographin und kam gar nicht umhin, einzelbildorientiert zu photographieren. Evelyn Richter mutete sich den Luxus zu, freie Photographin zu sein, arbeitete konsequent themenorientiert, großenteils in verblüffend umfänglichen Langzeitprojekten. Sie photographiert Serien, Sequenzen, benutzt gern Bildpaare, um in Gegenüberstellungen Polaritäten, Zusammenhänge, Gegensätze zu vermitteln. In ihrer Arbeit hat sie beständig Grenzen sowohl erfasst wie überschritten, das Überschreiten des Vorgegebenen als Grenzerfahrung zum Prinzip gemacht. „Geschichte und Eigensinn“ heißt ein Buch von Oskar Negt und Alexander Kluge. Geschichte und Eigensinn, das könnte auch als Motto und Quintessenz über Leben und Werk Richters gesagt sein.
Geschichte hat sie bezeugt und Bild, Bilder werden lassen und sie hat selbst Geschichte, ja Epoche gemacht mit ihrem so vielfältigen Werk. Voraussetzung dafür waren eben ihr Eigensinn und ihr soziales Engagement. Eigensinn verstanden sowohl als selbständige Sinnsetzung wie als Bestehen auf den eigenen Intentionen, soziales Engagement als Wahrnehmung der Verantwortung einer Einzelnen für das Wohl des gesellschaftlichen Ganzen. Im Englischen gibt es einen treffenden Ausdruck für eine bestimmte photographische Haltung, die Evelyn Richter teilt: human interest — menschliches Interesse und Interesse heißt wiederum wörtlich übersetzt: dazwischen sein — inter esse.
Richter hat sich oft und gern und immer wieder dazwischen begeben, zwischen Menschen, ist dorthin gegangen, wo sie sich bei ihrer Arbeit oder Muße aufhielten und an Orte des dazwischen (des Übergangs ): Eisenbahnen, S-Bahnen und Straßenbahnen.
Richter photographiert Menschen — nur ganz ganz wenige ihrer Bilder sind menschenleer. Was sie photographiert, sind Portraits im weiteren Sinne: Situationsportraits, Milieuportraits, Reportageportraits, Arbeitsportraits, Einzel-, Paar- und Gruppenportraits, und es gelingen ihr Gesellschafts- und Zeitportraits. In Richters Bildnissen wird etwas Bild, was sich nur schwer aufs Wort bringen läßt (dann wird es leicht zum Schlagwort: Tristesse, Sehnsucht, Müdigkeit, Kraft, Skepsis, Zuwendung). Richters Bilder evozieren etwas hinter solchen Begriffen und über sie hinaus: ein Hier und Jetzt sowohl wie dessen Überwindung, den Wunsch danach, ihre Notwendigkeit. Richter macht sich zum Anwalt derer, die sie aufnimmt — nicht bevormundend, vereinnahmend, sondern als Plädoyer für deren Möglichkeiten.
Ihre Kritik richtet sie nicht gegen Einzelne, sondern gegen die Verhältnisse, unter denen sie leben (müssen), gegen ein wahnhaftes totalitäres Denken und Handeln, das sich um seine Folgen nicht schert und zu wissen glaubt, dass es immer Recht hat. Dagegen besteht Richter auf dem Recht der vielen Einzelnen, über sich selbst zu bestimmen — leise, ohne Polemik oder Deklamation — , schlicht durch die Aufmerksamkeit, Genauigkeit, Eingelassenheit und Intensität ihrer Aufzeichnungen. Derart schafft sie ihre sprechenden Bilder.
Schon in den frühen Portraits der Dresdner Lehrjahre ist die Hinwendung da zu einfachen Menschen, vom Leben gebeutelt, die Gesichter gezeichnet und die zu Künstlern und Intellektuellen — nachdenklich, ja grüblerisch, offen oder fragend blicken sie in die Kamera. Ganz anders, nicht mehr dem klassischen Bildnis verpflichtet, die vielen Gesichter aus der Menge am Straßenrand. Aufgenommen während der Moskaureise zu den Weltfestspielen 1957 zeigen sie Volksgesichter, freundlich, interessiert und zugewandt.
Wiederum anders, düster jetzt, aber nicht weniger kraftvoll, die Portraits von Arbeitenden, allermeist Arbeiterinnen: Menschen, eingespannt nicht nur in ihre Arbeit, sondern auch in die Maschinen, die sie bedienen: ganz intensiv die Einzelnen würdigende Bildnisse, gleichnishaft zudem: der Mensch im Gestell. Ähnlich aufgeladen mit Bedeutung jenseits des Sichtbaren die Bilder der Fahrenden, Reisenden; visuelle Metaphern sind es, das Leben — draußen — rauscht an ihnen vorbei, sie sind „hinter Glas“, Sehnsuchtsbilder allemal. Arbeiten, unterwegs sein müssen — neben dies Schwere der conditio humana setzt Richter ergänzende und ermutigende Gegenbilder: die Ausstellungsbesucher — seit 1957 hält sie an dem Thema fest — führen eher eine menschliche Komödie auf und sie konfrontieren sich mit einer anderen Welt, der Kunst, dem Spiel.
Dies rettende Andere bannt Richter auch in ihre Bilder von Musikern: musizierend, lauschend, versunken und ganz gespannt, hingegeben. Richters Werk, das sind nicht nur die Bilder, sondern auch Bücher: Die drei Photographen-Anthologien, in denen sie mit Bildern und statements vertreten ist („Erlebnis — Bild — Persönlichkeit“ aus den sechziger, „Medium Fotografie“ aus den siebziger und „DDR Frauen fotografieren“ aus den achtziger Jahren), zeigen sie gleichsam von außen. Ganz anders die Bücher, die die Photographin selbst in die Welt gebracht hat, das waren Erfindungen, Marksteine der Photopublizistik. Die beiden Musiker- bzw. Komponistenmonographien zu David Oistrach und Paul Dessau waren eben nicht das übliche Sammelsurium von Bildern zum höheren Ruhme prominenter Künstler, sondern stringente und durchkomponierte Darstellungen öffentlich kreativ Arbeitender. Richter verstand und präsentierte beide Bände als „Arbeitsportraits“.
Mit „Entwicklungswunder Mensch“ realisierte sie nicht nur einen neuen Typ des illustrierten Sachbuchs, besser Sach-Bilderbuchs als Text-Bild-Gefüge, sondern die Bilder gaben dem Text (über die psychische Entwicklung von der Geburt bis zum Schuleintritt) erst seine Konkretion und fügten eine kritische Dimension hinzu. Das Buch wurde für eine Jahrzehnt zum heimlichen Lehrbuch der Vorschulerziehung.
Die Photographin, die Publizistin, die Lehrerin Evelyn Richter — sie hat keine „Richter-Schule“ hervorgebracht, ihre Studenten nicht zu „kleinen Richters“ getrimmt. Das wäre auch schiefgegangen, das hätte sie auch gar nicht gewollt und gekonnt. Was sie vermochte, war ihr Engagement für solche Teile der Gesellschaft, die an den Rand gestellt oder ausgegrenzt werden, zu vermitteln. Ihre Schüler hat sie ermuntert und bestärkt, in der DDR tabuierten und verschwiegenen Themen nachzugehen, etwa das Leben einer Sinti-Familie oder eine Gruppe von Punks in konzeptuellen Arbeiten sozialdokumentarischer Photographie darzustellen.
Welch unterschiedliche Haltungen und Handschriften in ihrer Lehre gediehen, dafür mögen nur einige Namen von Photographen stehen, die bei ihr studierten: Erasmus Schröter, Christiane Eisler, Marion Wenzel, Bertram Kober, Wieland Krause, Werner Lieberknecht. Ganz unterschiedlich in ihrer photographischen Arbeit, ist ihnen gemeinsam die Eigenständigkeit und der Eigensinn, die die Lehrerin Richter herausgefordert und gefördert hat. Zu ihren großen Vorzügen gehört auch ihre begeisterte Neugier, was andere, und gerade jüngere machen, ihre Gastfreundschaft und ihr außerordentliches Talent zur Kommunikation. Was Wolfgang Kil einmal den besten Bildern Arno Fischers attestierte, gilt auch für Richters große Photographien: „...die Verdichtung einer realen Situation zu einem Bild, das für den Betrachter existentielle Dimension erlangt. Für solche Bilder gibt es kein Rezept ... Für sie braucht es kein Kalkül, aber ein tiefes Gespür für die Zeit und Umstände, Weltzeit und Weltumstände. Man kann sie nicht eigentlich ‚machen’, die ‚geschehen’ einem ... Für eine solche Fotografie ist der Handlungsort beinahe nebensächlich. Ihr geht es um menschliche Grunderfahrungen, um Konflikt- und Verhaltensmuster, die jedem vertraut sind. Das macht diese Bilder oft so bestürzend eindringlich und setzt beim Betrachter eigene Imaginationen frei.“
Für mich sind solche Bilder Symbole — das heißt, dass in ihnen sichtbares und unsichtbares, sagbares und unsagbares, Lust und Last, vergehende Zeit und Gegenwärtigkeit in Eins fallen. Dazu gehören die Bilder „An der Linotype“, „Vor Mattheuers Gemälde Die Ausgezeichnete“, das jonglierende Kind vor dem Hausner-Gemälde.
„Was bleibet aber“ — schrieb Hölderlin — „was bleibet aber, stiften die Dichter“. Ich halte Evelyn Richter für eine Bilderdichterin, die ihren Gegenstand in ihrer Darstellung so verdichtet hat, dass das Bild Gewicht behält über seinen Anlass hinaus und ich bin gewiss, dass Evelyn Richters Werk bleiben wird als Zeugnis aufrechten Gangs unter bedrückenden Verhältnissen.
© T.O. Immisch

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T.O. Immisch
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