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Bildgeschichte(n)

2005 stellte der Verlag edition Sächsische Zeitung das Buch »Das rote Leuchten – Dresden und der Bombenkrieg« vor. Anläßlich des 60. Jahrestages der Zerstörung Dresdens am 13./14. Februar 1945 arbeiten die Autoren des Buches nicht nur zum Thema Dresden, sondern sie ordnen das Schicksal der Stadt militär- und zeithistorischen Entwicklungen zu.
Der Fotohistoriker Wolfgang Hesse übernahm die Autorenschaft für einen umfangreichen und eigenständigen Bildteil.

Vortrag zur Buchvorstellung

Wolfgang Hesse, Haus der Presse, 10.02.2005

Meine Damen und Herren,
wenn wir hier nun das Buch „Das rote Leuchten — Dresden und der Bombenkrieg“ vorstellen, dann bewegen wir uns auf vielen Bezugsebenen. Viele von Ihnen haben eigene, furchtbare Erfahrungen in den Kriegsjahren und insbesondere in den großen Angriffen des 13. und 14. Februar 1945 machen müssen. Die nachfolgenden Generationen kennen die Ereignisse aus Erzählungen, aus Geschichtsbüchern, aus Bildern.
Es geht also zum einen um gelebte Erinnerungen, um Erzählungen von der körperlichen Erfahrung der Zeitzeugenschaft — die bei all ihrer Authentizität gleichwohl immer nur einen Ausschnitt aus dem Wirklichen erfährt und erfassen kann. Es geht andererseits und gerade auch darum, die Ereignisse und ihre Ursachen auch jenseits dieser Erfahrungen zu verstehen, sie zu erforschen, zu analysieren, zu deuten. Und es geht darum, daß wir uns darüber verständigen müssen, wie wir gemeinsam mit der Geschichte und der Zukunft in unserer Gegenwart umgehen wollen.
Unser Buch will dem auf verschiedene Weise gerecht werden: Durch die Darstellung von Forschung, die aus Akten und Büchern gewonnen wurde und die Ereignisse wie auch ihre Zusammenhänge zu rekonstruieren trachtet; durch die Überlieferung von schriftlichen Berichten aus der Zeit unmittelbar nach den Angriffen, in denen Zeitzeugen über das Gesehene, Gehörte, Gerochene, Gefühlte und Erlittene erzählen; Und schließlich durch die Veröffentlichung von Fotografien, die auf ganz unterschiedliche Weise die widersprüchlichen Ereignis- und Erfahrungszonen des Geschehens abbilden und die in einem selbständigen Teil des Buchs abgedruckt worden sind. Hierüber will ich sprechen.
Denn auch das in den Erinnerungen der vor 1945 in Dresden lebenden Menschen bewahrte Bild der gewachsenen, vielgestaltigen Gesamtarchitektur und urban lebendigen Stadt ist wesentlich fotografisch geprägt. Das gilt noch weitaus stärker für die den Nachgeborenen übergebene Vorstellung. Ein ineinanderfließendes, erzählendes Mosaik aus Einzelbildern setzt sich in den Köpfen zusammen zu einem virtuellen Erfahrungsraum: Tag- und Nachtansichten, Stimmungsbilder, Aufnahmen der Monumente, Blicke in belebte Straßen, auf bedeutende Ereignisse oder kleine Augenblicke des Alltags akzentuieren und überlagern die gelebte Erinnerung. Die Fotografien treten zunehmend an deren Stelle, und sie werden sie in nicht allzu ferner Zukunft ganz ersetzt haben. Das Bild der Stadt Dresden und ihrer Bewohner, auch das der Kriegsereignisse, ist medial produziert.
„Geschichte“ ist kein abgeschlossener Prozeß mit nur der Vorwärtsrichtung ihrer Chronologie. Geschichte wird rückblickend gemacht, sie wird re-konstruiert. Das gilt für Fotografien gleichfalls, wenn auch die einfache Erfahrung sagt: Dieses war so und so, man sieht es doch. Die Kamera gilt als unbestechlich, und eine Fotografie fixiert objektive Sachverhalte.
Doch ist solche Beweiskraft des Sichtbaren nur ein erster, immerhin wichtiger Gesichtspunkt: Die Ausschnittbestimmung, die Wahl des Zeitpunkts, die Bildkomposition, die Entwicklung des Films, die Auswahl für die Abzüge, die Ausarbeitung in der Dunkelkammer — all diese Tätigkeiten des Fotografen und der Labore kommen hinzu.
Ihre gemeinsame Bedeutungsproduktion wird fortgeschrieben durch die immer wieder neu entstehenden Zusammenhänge der privaten Alben oder Schuhkartons, durch professionelle Archivierung, durch Aufbereitung zu Diavorträgen, in der Benutzung für private Zwecke oder zur Agitation, in Verwaltungsvorgängen und so weiter, durch Erzählungen in Wort und Schrift eben — oder Bücher wie dieses. Es gibt in den Archiven und Museen Dresdens, aber auch außerhalb, eine Fülle vielgestaltigen Bildmaterials. Bei dessen Hebung haben viele Kolleginnen und Kollegen geholfen, wofür ich hier danken möchte. Dies heterogene Material bewahrt die unterschiedlichsten Blickrichtungen und Interessen in sich, ist nie einfach nur Dokument.
Welche Welten trennen den katalogisierenden Blick der Isolation und Vernichtung einer Polizeifotografie (S. 177 oben) von der Knipseraufnahme eines Vaters, der 1939 mit seinem Sohn auf der Vogelwiese das gemeinsame Leben feiert? (S. 170 unten) Und um wieviel zugespitzter liest sich das, wenn man weiß, daß im ersten Fall die Gestapo den Auslöser drückte? Der sinnfällige Unterschied bleibt erhalten, bis man erfährt, daß drei Jahre später der Mann des zweiten Bildes im Gerichtsgebäude Münchner Platz als Widerständler verurteilt und danach in Plötzensee hingerichtet wurde.
Stellt sich etwa für den Auswerter der Fotografien aus den alliierten Aufklärungsflugzeugen (S.192) die Stadt Dresden als technisch erzeugte Landkarte dar, in der es lohnende Ziele ausfindig zu machen gilt, so steht dem diametral entgegen, wenn ein Jugendlicher tollkühn während des Angriffs fotografiert (S. 206 unten) und eine Reihe völlig subjektiver, von Aufregung und Angst geführter scherenschnittartiger Bilder hinterläßt. Die Wahrnehmung der Bild-Wirklichkeit des Angriffs darf weder das eine noch das andere aus dem Blick verlieren, weder die analytische Kälte des technokratischen Ingenieurs-Blicks von oben noch die schlotternde Angst der Überlebensbilder unten.
Der Wirklichkeitsanspruch des Werksfotografen, der außer den Produkten eines längst schon auf Rüstungsproduktion umgestellten Industriebetriebs auch dessen Arbeiter zeigt (S. 184/185), im Schrebergarten (S. 187, 1. Sp. unten), am Fließband (S. 189 unten), die SA (S. 188, 2. Sp. oben) und die Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes an den Direktor (S. 190 1. Sp. unten) oder Ost-Arbeiterinnen bei der Weihnachtsfeier 1942 (S. 187 2. Sp., 3. von oben) — dieser Blick muß ebenso kritisch bedacht werden wie der des Berufsfotografen, der die Leichenverbrennungen auf dem Altmarkt dokumentiert hat — zum Beweis für welche Zwecke, nach dem Endsieg? (S. 236, 2. Sp. oben).
Die Perspektive von oben setzt sich fort in einem Film aus den Geschwadern der britischen Flieger, die den von ihnen entfachten Brand festhielten. (S. 87). Die aus dem Zeitlauf des Streifens geklammerten Standbilder aber lassen das Schwanken des kreisenden Lancaster-Bombers verschwinden, die Lichtblitze verlieren ihr Bedrohliches, die Ausschnitte ästhetisieren die Explosionen und den Feuersturm zu Karten fremder Galaxien. Und doch sind es authentische Bilder des Untergangs Dresdens ...
Der bewegten Emotionalität solcher Bilder entgegen steht eine Sequenz von Kleinbildaufnahmen mit dem Blick auf die zur Ruhe gekommene Physik der Zerstörung (S. 214 unten): Trümmer auf dem Moltkeplatz, wohin das Auge reicht — bis es zwischen den herumliegenden Brocken die ruinierten Leiber der Toten ausmacht, die ganz zu Material geworden sind.
Und ebenfalls ganz auf das Material richten sich dann makroskopische Abbilder verbrannter, zerdrehter, verschmolzener Gegenstände (S. 221). Mit ihnen will ihr Fotograf große Geschichte im kleinen Detail erzählen, er geht nah heran, um Realität sichtbar zu machen — und er wird später anders fotografieren, um dem Formalismusvorwurf der Kulturpolitik der frühen DDR-Jahre zu entgehen.
Wie wenige andere Bilder des 20. Jahrhunderts schließlich hat die Rückenfigur der „Güte“ auf dem Rathausturm vor dem Ruinenfeld der Innenstadt ikonische Bedeutung erlangt, über den Ort und die Zeit hinaus (S. 252/253): Die bis in unsere Tage schier nicht enden wollende Reihe der Nachfolger verweist auf eine breite Sinnstiftung, in der sich viele finden und dieses Motiv zu ihrer Deutung nutzen konnten: Verteidiger der Alliierten wie Revisionisten, Pazifisten oder SED-Funktionäre, Christen und Humanisten. Im Hintergrund dieser Figur, als klagender, mahnender, begütigender oder apokalyptischer „Engel“ gedeutet, vollzieht sich der Wandel: der Untergang Dresdens in den Ruinen bis hin zum Aufbau einer neuen Stadt.
Wir bewegen uns also, wenn wir Bilder anschauen und über sie sprechen, immer auf dem Zeitstrahl vor und zurück. Wir sehen nie nur, wir fügen zusammen. In unseren Köpfen finden wir andere Bilder, die wir vergleichen, in Beziehung setzen. Aus denen einige wenige aufgrund besonderer Umstände es schaffen, Symbole zu werden für die großen Zusammenhänge.
Von den stattgefundenen Ereignissen handeln die Fotografien in ihrem realen Kern auch. Doch deuten sie zugleich die abgebildeten Wirklichkeiten. Ihr Sinn wird daher fortgeschrieben in den Diskussionen um die Vergangenheit und die Zukunft. Dazu gehört auch, daß das fotografische Erbe in dieser Stadt bewahrt und erschlossen wird. Hierzu müssen die Sammlungen instand gesetzt werden, finanziell und personell. Und diese Bilder als Träger von Geschichte gilt es zu erforschen, damit es als bewußt wahrgenommener Teil der Stadtgeschichte im allgemeinen wie der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte der Zerstörung Dresdens besonderen wirksam werden kann.
Denn Aufgabe der Zukunft wird nicht zuletzt die Rekonstruktion der Bildsprache des Erinnerns sein. Sie wird zugleich und nicht zuletzt eine aktive Auseinandersetzung um Symbole, um die Bedeutung von Bildern und das Deuten von Geschichte sein — auch in Fotografien, in zugleich geronnener wie verwandelter Augenzeugenschaft. Dafür sind wir zusammengekommen. Und in diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
© Wolfgang Hesse

Autor

Wolfgang Hesse
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