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Ardine Nelson im Kunsthaus Raskolnikow

Rede zur Ausstellungseröffnung
»Private Realities & Other Stories« von Ardine Nelson (Columbus Ohio, USA)

Theda Rehbock, Kunsthaus Raskolnikow, 18.06.2004

Nach Kant ist es ein Kriterium guter Kunst, daß sie uns viel zu denken gibt, zu denken im weitesten Sinne des Wortes, der auch das Wahrnehmen, Vorstellen oder Imaginieren, das Empfinden und Fühlen einschließt. Im Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Theorie sollte ein Kunstwerk eine große und unendliche Vielfalt von Bedeutungen, Ideen und Gedanken enthalten, die nicht leicht ausgeschöpft und ergründet werden können. Nachdem ich nun Ardines Bilder gesehen habe, kann ich sagen, daß es sich wirklich um gute Kunst in diesem Sinne handelt.
Das bedeutet, daß diese Bilder nicht Bilder oder Photograpien im einfachen, primitiven Sinne des Wortes sind. Es ist nicht so, daß sie die Realität eines Ortes oder eines Menschen bloß kopieren oder abbilden würden. Stattdessen deutet oder interpretiert Ardine die Realität, indem sie aktiv auf die besonderen Menschen und Umgebungen reagiert, kreativ Bilder produziert und diese zu einem Gesamtbild zusammenfügt. Das Ergebnis ist ein breites Panoramabild, das durch einander überlagernde Einzelbilder entsteht, wie in diesem Raum, oder ein komplexes Arrangement verschiedener Bilder, das eine Vielfalt verschiedener Ansichten oder Perspektiven enthält. Auf diese Weise werden ganze Geschichten über einen Platz oder einen Menschen erzählt.
Der Prozeß des Photographierens ist selbst ein Prozeß der Interaktion und Kommunikation mit Menschen und Umgebungen, ein Prozeß über einen längeren Zeitraum, der so selbst Teil einer persönlichen Geschichte ist. Ardine erzählt, daß ein Freund, nachdem er sie beim Photograhieren beobachtet hat, ihr Verhalten als einen Tanz mit ihrer Umgebung beschreibt. „Wenn ich Bilder hervorbringe“, sagt sie, „dann bewege ich mich vorwärts hinein in eine Umgebung, wieder davon weg und rundherum. Die einander überlappenden Einzelbilder erlauben es mir, herunterzusehen, wieder hinauf, dann einen halben Meter weg, dann 30 Meter weg und zurück bis auf einen Meter heran während ich mich herumbewege.“
Als ich die Bildersammlung für diese Ausstellung zum ersten Mal sah, war ich beeindruckt von dem Kontrast zwischen den beiden Gruppen von Bildern in beiden Räumen. Die Atmosphäre im anderen Raum ist eher unruhig und laut — wie in einem Restaurant, wo wir direkt durch fremde Menschen, die wir nicht kennen, angeregt werden, wo Stimmen und Gesprächsfragmente auf uns einwirken, ebenso wie partielle Ansichten von Körperteilen und Gesten, meist ohne daß wir die dazu gehörigen Gesichter sehen können. Wenn wir dagegen diesen Raum betreten, dann finden wir eine sehr ruhige und schweigsame Atmosphäre vor, verstärkt durch den weißen Rahmen, der die breiten Panoramabilder wie eine Art weißes Schweigen umgibt.
Hier fällt ein weiterer Kontrast auf. Es ist der fundamentale Kontrast oder Gegensatz zwischen Licht und Dunkelheit, der Goethes Farbenlehre zufolge, die fundamentale Polarität ausmacht, die der Ursprung der gesamten sichtbaren Realität und der großen Vielfalt der Farben ist. In einer vollständig hellen oder einer vollständig dunklen Umgebung würden wir überhaupt nichts sehen können. Wir wären vollständig blind, solange wir nicht wenigstens einen ganz geringfügigen Kontrast zwischen hell und dunkel erkennen können. Licht und Dunkelheit bedingen so einander und zusammen konstitutieren und strukturieren sie die Bilder der Parks und Schrebergärten ebenso wie die historischen und industriellen Orte in Ardines Bildern. Das helle Leuchten der einzelnen kleinen Wasserrose und die zwei weißen Bänke in der rechten Hälfte des Hauptbildes ist nur möglich durch den Kontrast zum dunklen Hintergrund des Parks. Die Dunkelheit des Parks ist selbst nur möglich durch Kontrast zum weißen Rahmen und zur überwiegend hellen linken Seite des Bildes, wo die Dunkelheit der kleinen dunklen Gegenstände wiederum intensiviert wird durch Kontrast zur Helligkeit des Himmels.

Ardine Nelson

Es gibt zahlreiche weitere fundamentale Gegensätze, die die Bilder strukturieren. Dazu gehört der Gegensatz zwischen Nähe und Ferne in Raum und Zeit sowie zwischen Menschen, sowohl in den Bildern als auch in unserer Beziehung zu den Bildern. In dem anderen Raum stellen die Personen sich selbst expressiv dar, indem sie ihre Gedanken, Gefühle und Stimmungen anderen gegenüber zum Ausdruck bringen, durch Gesprächsfragmente, durch Gesten und durch die Art und Weise ihres körperlichen Ausdrucks und Schmucks. Zur gleichen Zeit aber verbergen sie sich auch, bleiben anonym und fremd, indem sie ihr Gesicht kaum zeigen und ihr innerstes intimes Leben verstecken. Philosophisch gesprochen sind Leib und Sprache sowohl gemeinsam geteiltes Medium der Kommunikation und Verständigung als auch die Quelle von Distanz, des Mißverstehen, Feindlichkeit und Haß. „You just don’t understand“ ist eines der Gesprächsfragmente unter einem der Bilder. In Beziehung zu den Personen auf den Bildern wird einerseits die Phantasie angeregt, sich ihre Persönlichkeit und ihre Geschichten vorzustellen. Andererseits neige ich spontan dazu, Distanz zu nehmen, um nicht zu neugierig und indiskret zu sein.

Ardine Nelson

Wenn wir diesen Raum betreten, müssen wir zunächst zu den Bildern Distanz halten, um das weite Panorama eines Bildes ganz überblicken zu können. Aber dann müssen wir — und ich fühle mich auch dazu eingeladen — näher kommen und in die Parks, Gärten und Orte hineingehen, um die ganze reiche Vielfalt kleiner Details entdecken zu können, etwa all die Blumen, Bäume, Sträucher und einzelnen Blätter, ebenso die Spuren von Menschen, wie etwa historische, private und industrielle Gebäude, die geometrische Struktur der Parks oder die individuellere Gestaltung der Schrebergärten, all die Skulpturen, die historischen, politischen oder kirchlichen, aber auch diesen schönen Jüngling und den kleinen Hund zwischen den Wasserrosen,

Ardine Nelson

oder schließlich — was ziemlich schockierend ist, sobald man es entdeckt — die leidenden Gefangenen in der Brücke.

Ardine Nelson

Wenn das Auge des Photographen die Realität liest, entziffert und interpretiert, dann können wir sagen, daß das Auge im Falle dieser Bilder hier Orte und Personen — besonders die Schrebergärten und ihre Besitzer, etwa pensionierte alte Leute — mit viel Liebe, Sympathie und Respekt wahrnimmt und erforscht. Ardine selbst bringt diese Haltung in ihren Kommentaren zu den Bildern folgendermaßen zum Ausdruck: „Die Schrebergärten sehen vielleicht chaotisch aus, doch in jedem einzelnen Garten ist ein Ordnungssinn sichtbar, eine innere Beziehung, die die ästhetischen Entscheidungen des Schöpfers dieses Gartens widerspiegelt. Meine Bilder respektieren die Integrität der Gärten.“

Ardine Nelson

Man könnte vielleicht diese Sichtweise als zu subjektiv und romantisch kritisieren. Doch ebenso wie die europäische Tradition der Romantik betrachtet und anerkennt auch diese Sichtweise die dunklen Seiten der Natur und des Menschen, einschließlich des Leidens von Gefangenen. Und wie diese Tradition der Romantik ist sie modern in ihren künstlerischen Methoden: etwa des Fragmentierens und Überlappens von Bildern, der Wiederholung und Variation von Motiven (z.B. der weißen Wasserrosen), der Vervielfältigung von Sichtweisen und der Anregung von Phantasie anstelle der bloßen Abbildung von vermeintlich objektiver Realität. Gleichzeitig schließt sie — auch darin der Romantik verwandt — eine radikale Kritik der Moderne ein, Opposition und Protest gegen eine dogmatisch beschränkte und einseitige wissenschaftlich-technische, industrielle, ökonomisch-kommerzielle Sichtweise und Manipulation der Natur und des Menschen, die nicht nur menschliche Wohlfahrt, sondern auch menschliches Leiden zur Folge hat. Um die Realität und den Menschen zu verstehen und zu respektieren, brauchen wir eine Vielfalt von Ansichten, Perspektiven und Interpretationen. Das scheint mir die Einsicht zu sein, die auch Ardines Weise der Wahrnehmung und Interpretation der Welt zugrunde liegt. Wie ich mit Kant begonnen habe, so lassen Sie mich mit Nietzsche schließen, der die wissenschaftliche Konzeption der Wahrheit und Objektivität kritisiert und die vielfältige und reiche ästhetische Sicht der Wirklichkeit verteidigt, die in seinen Augen nicht nur humaner, sondern auch wahrer und objektiver ist: „Es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches Erkennen; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je mehr Augen verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso vollständiger wird unser Begriff dieser Sache, unsre Objektivität sein.“ (Genealogie der Moral, 3. Abhandlung, § 12)
Ardine, wir danken Dir für deine Augen, und nicht zu vergessen: auch für deine Ohren, Nasen und anderen Sinne, und dafür, daß du uns teilhaben läßt an deiner Sichtweise und Erforschung der Wirklichkeit.
© Theda Rehbock

Autorin

Theda Rehbock
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
am Institut für Philosophie der TU Dresden

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