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Hermann-Krone-Preis 2004

Vortrag anlässlich der Hermann-Krone-Preis-Verleihung

Katja Schumann, 27. September 2004

Im folgenden Vortrag [gekürzte Fassung] sind die Ergebnisse ihrer Magisterarbeit »Nicola Perscheid (1864-1930). Forschungen zu einem Berufsphotographen im Kontext der Kunstphotographie um 1900« – vorgelegt an der TU Dresden 2003 – zusammengefasst.

Wer sich näher mit der Photographiegeschichte um 1900 beschäftigt, kennt Nicola Perscheid sicherlich, doch bereits sein Schüler Arthur Benda vermutete, das er möglicherweise in Vergessenheit geraten würde. Er schrieb in seinen Lebenserinnerungen: „Mein Lehrer war Nicola Perscheid. Diesen Namen hören manche vielleicht das erste Mal, andere hatten ihn wohl schon vergessen, wenige werden noch wissen, wer das war und der Nachwuchs des Berufes wird sich erinnern, dass dieser Name auf einem Objektiv steht nach welchem bei den Prüfungen gefragt werden könnte.“ [1]
Perscheid wurde am 3. Dezember 1864 mit dem Geburtsnamen Nikolaus im rheinischen Moselweiß bei Koblenz geboren. Die Vorfahren der Familie Perscheid waren „spanisch-portugiesische Weinbauern, die vor 250 Jahren über Holland an den Rhein kamen, dort gezwungen wurden, ihren Familiennamen abzulegen und dafür den Namen des Ortes anzunehmen, an dem sie sich angesiedelt hatten“ [2]. Das Dorf Perscheid, nach dem sich seine Ahnen benannten, liegt zwischen Oberwesel und Kreuznach. In Moselweiß besuchte Nicola Perscheid wie üblich die Dorfschule und wollte offenbar zunächst Maler werden. Dieser Plan scheiterte an den fehlenden finanziellen Mitteln, und er begann stattdessen im Alter von 15 Jahren eine Lehre als Photograph in Koblenz.
Am 1. September 1879 fing Nicola Perscheid als Lehrling im Atelier Reuss & Möller in Koblenz eine photographische Ausbildung an. Er verließ den Lehrbetrieb bereits ein halbes Jahr vor dem Ende seiner Lehrzeit und ging anschließend auf Wanderschaft — bekannte Städte, die er besuchte, waren u.a. Saarbrücken, Trier, Colmar im Elsaß und Nizza. Unterbrochen wurde diese Reise durch seinen Militärdienst, den er in Posen ableistete. Anschließend reiste er beispielsweise nach Heidelberg, Erfurt, Weimar, Wien und Budapest. In Klagenfurt fand Perscheid im Atelier Beer eine Anstellung als Retuscheur und wurde am 1. März 1887 Mitglied in der Wiener Photographischen Gesellschaft. Nach 2 Jahren verließ er das Atelier in Klagenfurt. Bislang konnte nicht nachvollzogen werden, wo Perscheid sich bis zur Eröffnung seines ersten eigenen Ateliers aufgehalten hat. In meiner Arbeitkonnte ich nun feststellen, dass er in dieser Zeit in Dresden ansässig war. Nicola Perscheid ist im Einwohnerverzeichnis der Stadt Dresden von 1891 verzeichnet. Demnach wohnte er auf der Lüttichaustrasse 17 und arbeitete als Photographengehilfe [3]. Er war bei Wilhelm Höffert tätig— einer, nicht nur in Dresden, bekannten Atelierkette in der damaligen Zeit. Den Hinweis zu seinem Aufenthalt ab 1889 konnte ich der Geschäftseröffnungsanzeige aus einer Görlitzer Zeitung entnehmen.
1891 - mit 27 Jahren - eröffnete Nicola Perscheid sein erstes eigenes Atelier, für das er wie folgt in den Görlitzer Nachrichten warb: „Geschäftseröffnung. Einem hochgeehrten Publikum die ergebene Anzeige, dass ich mit dem heutigen Tage in dem vormals Hof-Photograph Wildeschen Atelier eine Kunst-Anstalt für Photographie und Malerei errichtet habe. Meine in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesammelten praktischen Erfahrungen, sowie eine zuletzt 2½jährige Tätigkeit als Geschäftsführer der Firma W. Höffert in Dresden, wo ich auch im Jahre 1889 die Aufnahmen der Festspiele zu Bayreuth machte, werden mich in den Stand setzen nur Vorzügliches zu leisten. Ganz besonders erlaube ich mir auf die ausgestellten und noch im letzten Geschäfte selbstgefertigten Platin-Bilder (Kupferdruck täuschend ähnlich), sowie auf meine Bromsilber-Vergrößerungen (Spezialität) aufmerksam zu machen. Bei jeder Aufnahme liefere ich zwei Probebilder zur gefl. Auswahl und halte mich im Bedarfsfalle bestens empfohlen unter Zusicherung koulantester Bedienung und solider Preise. Görlitz, den 6. Juni 1891. Hochachtungsvoll Nicola Perscheid Schützenstrasse 1“ [4].
Für meine Magisterarbeit war interessant, dass in der Literatur bisher ausschließlich die Berliner Straße 26 genannt wurde, die Eröffnung aber offensichtlich auf der Schützenstraße 1 stattfand. Es muss während der drei Jahre, die Perscheid in Görlitz verbrachte, zumindest einen Standortwechsel gegeben haben. Perscheid war in Görlitz einer unter Vielen, denn das Görlitzer Adressbuch aus dem Jahre 1893 [5] verzeichnet allein 15 weitere Photographen. Über die Zeit, die er in Görlitz verbrachte, ist sehr wenig bekannt und es gibt kaum datierte Photographien. Das ist nicht verwunderlich, da sich die meisten Aufnahmen aus dem Görlitzer Atelier kaum von der üblichen genormten Atelierphotographie unterschieden haben dürften.
Arthur Benda erinnerte sich, dass Perscheid selbst in den späten 90er Jahren, „noch die bisherige Photographie mit den glänzenden und matten Bildern [anfertigte], die in genormten Formaten auf feste Kartons aufgeklebt wurden. Zugleich aber auch schon die zukünftige Photographie: Frei von genormten Formaten, künstlerisch in der Bildkomposition“ [6] ausgeübt wurde. Zu dieser sogenannten zukünftigen Photographie gehörte folgendes Bild.

Schwäne (1891)

Dieser Pigmentdruck befindet sich heute in der Fotosammlung der Albertina Wien und ist nicht nur signiert, sondern auch auf das Jahr 1891 datiert.
Im Jahr darauf und damit bereits ein Jahr nach der Geschäftseröffnung, erhielt Perscheid den Titel »Königlich Sächsischer Hof-Photograph«, mit dem er seit 1892 auf dem eigenen Atelierkarton warb. Dieser sehr werbewirksame Titel könnte mit den Aufnahmen von König Albert von Sachsen in Zusammenhang stehen, die aber auch bereits nach seinem Umzug nach Leipzig entstanden sein könnte.
1894 verließ der inzwischen 30jährige Perscheid Görlitz und verlagerte sein Atelier nach Leipzig. Zunächst eröffnete er seine neuen Geschäftsräume unmittelbar im Zentrum der Stadt auf der Gellertstraße 2. Später verlagerte er das Atelier auf den Thomasring. Im November 1897 gelang es Nicola Perscheid in einer der renommiertesten Fachzeitschriften - »Das Atelier des Photographen. Zeitschrift für Photographie und Reproduktionstechnik« - seine erste Photographie zu veröffentlichen. In der folgenden Zeit gelang es dem jungen Photographen eine Verbindung zu dem in Leipzig lebenden Max Klinger und seinem Freundeskreis aufzubauen. Durch den Kontakt zu den intellektuellen Künstlerkreisen bekam er wahrscheinlich auch die Anregung, sich intensiver mit der Kunstphotographie zu beschäftigen und seine eigenen Aufnahmen auszustellen.
Ab 1899 beschickte Perscheid zahlreiche Ausstellungen — darunter die »Erste Wanderausstellung von künstlerischen Photographien in Deutschland und Österreich«. Zu den wichtigsten Expositionen gehörte die Internationalen Jahresausstellungen in Hamburg, die ab 1893 von Alfred Lichtwark, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, und Ernst Juhl veranstaltet wurde. Auf der 10. Jahresausstellung 1903 zeigte Nicola Perscheid 10 Photographien, darunter eine Aufnahme, die er selbst mit „Der Schnitter“ betitelte.

Der Schnitter (1901)

Der Schnitter ist ein blau-schwarzer Gummidruck mit den Maßen 43,1 x 56,0 cm. Einer dieser Edeldrucke befindet sich seit 1901 im Kupferstich-Kabinett Dresden, das zu den ersten graphischen Sammlungen gehörte, die unter dem damaligen Direktor Max Lehrs künstlerische Photographie zu sammeln begann.
Erhalten ist der Briefwechsel zwischen Max Lehrs und Perscheid in den Erwerbungsakten. Der Photograph schrieb in einem auf den 19. Juni 1901 datierten Brief an Lehrs: „Sehr geehrter Herr Professor! Mit gleicher Post erlaube ich mir, Ihnen/ daß Bild des Schnitters, wovon ich bei meinem/ letzten Dortsein sprach, zu übersenden, und wür-/ de es mich freuen, wenn dasselbe Ihren wer-/ ten Beifall findet und Sie es Ihrer Samm-/ lung einzuverleiben würden. [...] Ihr ergebenster N. Perscheid“ [7]. Lehrs antworte 3 Tage später „Verehrter Herr Perscheid! Für die freundliche Zusendung/ Ihrer famosen [?] Blätter, der/ meisterlich eine [...] Leistung/ der Photographie ausdrückt [?], sage/ ich Ihnen meinen herzlichsten/ Dank.“ [8] Nach über einem Jahrzehnt verließ Perscheid 1905 Leipzig. Seine spätere Schülerin, Dora Kallmus, berichtete, dass er „Leipzig gerne [verließ], da man ihn dort, [...] als den Fotografen der braune Bilder macht, bezeichnete, sonst sah diese Provinzstadt nichts in ihm.“ [9]
Das Berliner Atelier lag an einer der besten Adressen der Stadt — in der Bellevuestraße, die sich in der Nähe des Potsdamer Platzes befand. Am 1. November 1905 lud Perscheid Journalisten zu einer Vorbesichtigung ein. Der Atelierraum unterschied sich von den üblichen photographischen Aufnahmeräumen schon allein dadurch, dass es kein Oberlicht gab. Die Photographen-Zeitung schrieb: „Ein Prachtraum von kolossalen Abmessungen! Kein Oberlicht“ Im übrigen ist der Raum lediglich wie ein vornehm eleganter Wohnsaal — von allerdings ungewöhnlicher Größe [...] An anderen Stellen breiten sich prächtige Teppiche. Echte alte Möbel verschiedener Stile und durchweg von erlesenem Geschmack stehen an den Wänden umher [...] Nur ein wunderliches Gerät von nicht gleich zu ahnender Bestimmung fällt dem Besucher auf: von der Decke hängt ein langer waagerechter Stab (mit mehreren Nebenstäben) herab. Von dem, an Ringen beweglich, Vorhänge in verschiedenen Stoffen, Farben und Mustern herabwallen: ein Ersatz der sonst in Ateliers üblichen Hintergründe, von dem namentlich auch bei farbigen (Dreifarben-)Aufnahmen — bekanntlich eine Spezialität Perscheids — Gebrauch gemacht wird. Soviel für jetzt von dieser neuen „attraction“ Berlins [...] [die] jedem Besucher hohen Genuß gewähren wird.“ [10] Mit der hier erwähnten Spezialität experimentierte Perscheid bereits seit 1900.
Farbige Aufnahmen wie der blau-schwarze Gummdidruck des Schnitters, entstanden durch das übereinander drucken verschiedenfarbig getonter Schichten. Dabei wurden die Farben aber natürlich nicht naturgetreu wiedergegeben. Der entscheidende Schritt zu diesem Ziel gelang erst den Brüdern Lumière mit den sogenannten Autochrome Platten, die 1907 als Kornrasterplatte auf den Markt kamen. Die Versuche der Brüder Lumière zur Farbphotographie lernte Perscheid auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 kennen. Arthur Benda berichtete, dass Perscheid 1901 Postsendungen der Lumières zur Dreifarbenphotographie aus Frankreich bekam. Auf der Basis dieses Verfahrens stellte er drei Farbauszugsnegative her, die er im Positivprozess mit einer Kombination verschiedener Techniken auf das Papier übertrug. Ab 1906 arbeitete er mit dem neuentwickelten Verfahren der Pinatypie und einer Dreifarben-Kamera. Für die Teilaufnahmen musste das Modell zwischen 15 und 25 Sekunden stillstehen. Perscheid entwickelte daraufhin einen besonderen Körperhalter, genannt Nike, bei dem die Person nicht mehr, wie Jahrzehnte zuvor üblich, regelrecht festgeschraubt wurde, sondern sich lediglich anlehnte. Außerdem gab es die Empfangsdame Änne Jungmann, die am Klavier saß und den Wartenden mit musikalischen Einlagen die Zeit verkürzte. Wenn sie nicht spielte, war sie für Perscheid das bevorzugte Modell für die Farbaufnahmen. Die früheste Farbaufnahme von Nicola Perscheid wird von der Forschung in das Jahr 1900 datiert.

Fräulein Jungmann (nach 1900)

Heute befindet sich das Bild in der Photographischen Sammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Arthur Benda schrieb über diese Aufnahme: „Es ist immerhin denkbar, daß P. die allerersten Farbaufnahmen im Jahre 1900 mit Änne Jungmann machte, eben die mit dem Goldstuhl, möglicherweise schon in Paris. Nur wurden davon gar keine Abzüge gemacht, auch keine schwarz-weiß-Rohdrucke: denn diese hätte ich, da ich den ganzen Tag im Kopierhaus beschäftigt war, unter allen Umständen in die Hand bekommen.“ [11] Zu diesem Zeitpunkt kannte Perscheid also vermutlich noch kein anwendbares Positiv-Verfahren für die Farbphotographie. Viele dieser Aufnahmen, die in den folgenden Jahren entstanden, sind verschollen. Benda erwähnte beispielsweise, dass Perscheid 1906 eine Rundreise durch Deutschland unternahm, bei der u.a. zahlreiche Farbaufnahmen in Wörlitz entstanden. [12]
Die Beurteilung der Fachpresse war jedoch keineswegs positiv, denn man schrieb: „Die Farben bleiben einzeln und entbehren der feineren Nuancierung [...] Das Resultat hat immer einen Einschlag primitiver Buntheit für den feineren Geschmack, weshalb sich auch diese immerhin recht umständlichen und teuren Aufnahmen beim Publikum nicht einführen können, solange der heutige Stand der Technik nicht überwunden ist.“ [13] Für alle Farbaufnahmen die Perscheid anfertigte, hatte er einen speziellen Assistenten — seinen früheren Schüler Arthur Benda. Als Benda seinen ehemaligen Lehrer 1907 verließ, verlor Perscheid nicht nur seinen Assistenten für die Pinatypie, sondern offensichtlich auch fast völlig das Interesse an diesem Verfahren.
Größeren Erfolg hatte Perscheid hingegen mit der Porträtphotographie. 1909 bekam er auf der Wanderausstellung des Deutschen Photographen-Vereins in Weimar die Große Silberne Staatsmedaille, die höchste Auszeichnung für Fachphotographen. 1910 wurde ihm die Goldmedaille auf einer internationalen Ausstellung in Budapest verliehen. Er gehörte auch zu den 127 Einzelausstellern auf der »Internationalen Photographischen Ausstellung (in) Dresden 1909« Im gleichen Jahr, in dem die Dresdner Ausstellung stattfand, berief die »K. u. K. Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren« in Wien Nicola Perscheid als Professor für Porträtphotographie. Perscheid lehnte den Ruf jedoch ab. Als Photograph für die gehobeneren Gesellschaftsschichten hatte er sich zu diesem Zeitpunkt voll und ganz etabliert. Doch in den Sommermonaten verließ seine Kundschaft oftmals Berlin. Perscheid entschloss sich deshalb, ihnen nachzureisen und eröffnete im Sommer 1910 eine Dependance in Baden-Baden. Sein Mitarbeiter Klaus Rothe berichtete: „Tagsüber photographierte der Meister die Prominenz, und mit dem Abendzug gehen die belichteten Negativplatten mit einem eigens dafür gebauten, lichtdichten Holzkasten nach Berlin. Dort werden sie abgeholt und per Bahn kommen die ausgearbeiteten Bilder wieder nach Baden-Baden zurück.“ [14] Dieser Aufwand schien jedoch nicht den gewünschten finanziellen Erfolg für Perscheid gebracht zu haben. Jedenfalls entschloss er sich, das Geschäft 1912 an seinen Assistenten Walther Rothe zu verkaufen. Der Kaufvertrag ist auf den 24. Juni 1912 datiert und beinhaltet unter anderem für Rothe die Genehmigung, die „seitherige Geschäftsbezeichnung ‚Atelier Perscheid’ mit dem Zusatz ‚Inhaber Walther Rothe’ fortführen zu dürfen.“ [15] Walther Rothe kaufte das Atelier für die enorme Summe von 8000 Mark, gab das Geschäft schließlich auf und eröffnet im sächsischen Altenburg ein neues Atelier. Finanzielle Probleme hatte Perscheid Zeit seines Lebens. Seine Schülerin Dora Kallmus erinnerte sich: „Er liebte Alles im grossen Stil, seine Prunkräume, im grossen Stil seiner Aufnahmen, bei welchen es ihm nie einfiel an Materialverbrauch zu denken. War dann die Aufnahme beendet, stand er verwundert wie ein Kind vor dem Stapel der exponierten Platten.“ [16] Trotz allem mietete er 1917 weitere Räume auf der Bellevuestraße an. So verfügte er mit den Atelier- und Wohnräumen, in denen er mit seiner Frau und seinem Sohn wohnte, über insgesamt 18 Räume, für die er monatlich 1200 Reichsmark bezahlte.
Nicola Perscheid war während seines Berufslebens auch lehrend tätig und entwickelte eigene photographische Hilfsmittel. In Berlin eröffnete er nicht nur sein Atelier, sondern offerierte in Werbeheften, die er in unregelmäßigen Abständen im Selbstverlag herausgab, auch ein »Lehrinstitut für künstlerische Porträt- und Landschaftsphotographie«. Über die Kurse an diesem Lehrinstitut ist kaum etwas bekannt. Wahrscheinlich bot Perscheid bereits während der Leipziger Zeit solche Lehrgänge an. Mehr ist hingegen über die Kurse bekannt, die er im Ausland hielt. So bekam Perscheid 1913 eine Einladung durch den Verband der schwedischen Fachphotographen, dem »Svenska Fotografernas Förbund«, aus Stockholm. Anfang Oktober 1913 veranstaltete er dort einen Lehrgang mit über 70 Schülern. Die Kurslisten zeigen, dass die Teilnehmer aus dem gesamten skandinavischen Raum kamen. Teilgenommen haben neben Schweden, auch Norweger, Finnländer und Dänen. Die Resonanz war überaus groß, denn noch 10 Jahre später schrieb eine schwedische Zeitschrift über Perscheid, „alles Positive, was man in Skandinavien auf dem Gebiet der Porträtphotographie vorzuweisen habe, habe man ihm zu verdanken.“ [17] 1923 folgte er einer Einladung der dänischen Staatlichen Photographen-Fachschule in Kopenhagen. Wie einem Aufsatz Perscheids von 1924 zu entnehmen ist, waren die Erfahrungen mit seinen Schülern nicht immer erfreulich: „Für Elementargesetze der bildenden Kunst […], für die Entwicklung der Platten haben die meisten dieser Schüler kein Interesse, denn das ist ihnen zuwider. [...] Auch ins Wasser und in die Chemikalien fassen wollen die meisten Schüler nicht, um ihre manikürten Fingernägel nicht zu beschmutzen.“ [18]
In seinen Kursen stellte Perscheid auch seinen Brömölkasten vor, den er 1913 auf den Markt brachte. Dazu gehörte auch der spezielle »Energol-Entwickler«, den er in Zusammenarbeit mit dem chemischen Laboratorium in Berlin-Zehlendorf-Mitte entwickelt hatte. Die Fachpresse urteilte: „Mit diesem im Arbeitskasten gelieferten Material, das, ebenso wie der schöne solide Kasten selbst, in dem jedes Gerät sein besonderes Fach hat, eine einmalige Anschaffung bedeutet, kann auch der Unerfahrenste sofort wirklich gute Bromöldrucke herstellen.“ [19] Im Gegensatz zu diesem nur sehr selten erhaltene Bromölkästen, wird das sogenannte Nicola-Perscheid-Objektiv öfter auf internationalen Photographica-Auktionen angeboten. Dabei handelt es sich um ein Objektiv mit starken weichzeichnerischen Eigenschaften und einer hervorragenden Tiefenschärfe, das nach den Vorgaben Perscheids zusammen mit der »Emil Busch A.-G., Optische Industrie Rathenow« hergestellt wurde. Ab 1920 kam es in verschiedenen Brennweiten auf den Markt.

Nicola-Perscheid-Objektiv

Trotzdem hatte Perscheid in den sogenannten Goldenen Zwanzigern, wie viele andere Fachphotographen, finanzielle Schwierigkeiten. Die großen Warenhäuser verkauften äußerst preiswert Photographien. Im Warenhaus Stein „gab es schon für Einkäufe im Wert von mehr als einer Mark ‚Gratisphotographien’.“ [20] In dieser Zeit arbeitete Perscheid auch für das Verlagshaus Ullstein, diewiederum die »Illustrierte Zeitung«, die »Berliner Morgenpost« oder auch »Die Dame« verlegte. Heute gehört die Bildagentur Ullstein zum Axel Springer Verlag und besitzt etwa 130 Perscheid-Photographien im Archivbestand.
Ende der 20er Jahre war Perscheid bereits hochverschuldet. Im Herbst 1928 schrieb er an einen Freund: „Ich habe so viele Beziehungen, aber glauben Sie, dass auch nur ein Mensch bereit wäre, mir zu helfen? [...] Ich bin mit meinen Nerven vollständig zusammengebrochen; ich bin wie gelähmt und muss fast den ganzen Tag liegen. [...] umsomehr mach ich mir Sorgen darüber, das ich Ihnen das geliehene Geld nicht zurückgeben kann.“ [21] Anlässlich seines 50jährigen Berufsjubiläum 1929 erhielt er zwar erneut zahlreiche Ehrungen, wie u.a. die Ehrenmitgliedschaft der Tokioer Fachphotographen, doch bereits im Herbst desselben Jahres musste er einen Teil seiner Privaträume vermieten, um die Miete bezahlen zu können. Kurze Zeit später erlitt er einen Schlaganfall und plante daraufhin im Frühjahr 1930, das Atelier aufzugeben. Zu Ostern bekam er erneut einen Nervenzusammenbruch und wurde in die Berliner Charite eingeliefert. Während Nicola Perscheid in der Klinik lag, wurden nicht nur sein Atelier, sondern auch die antike Wohnungseinrichtung versteigert, um die Mietschulden zu begleichen. Der Auktionskatalog umfasste 171 Objekte, darunter auch den Flügel, auf dem Fräulein Jungmann gespielt hatte. Zwei Wochen nach der Versteigerung starb Perscheid in der Berliner Charite. Die Witwe Perscheid lebte bis 1943 in Berlin, wurde ausgebombt, siedelte zu Verwandten nach Sachsen über und starb schließlich 1947 im Pflegeheim Obercunnersdorf.
Daraus resultiert, dass es keinen direkten Nachlass von Nicola Perscheid gibt und die Spurensuche teilweise einer detektivischen Arbeit ähnelte. In der ersten größeren Ausstellung in Hamburg im Jahre 1980 standen Nicola Perscheid sowie seine Schüler Arthur Benda und Dora Kallmus, genannt Madame d’Ora, im Mittelpunkt. Im gleichen Jahr veröffentlichte James E. Cornwall das Buch „Nicola Perscheid. In vornehmen Kreisen“, in dem zahlreiche Photographien publiziert wurden. Die bislang einzige gründlichere wissenschaftliche Bearbeitung, die nicht im Zusammenhang mit einer Ausstellung stand, schrieb Sabine Schnakenberg, die 2000 ihre Dissertation mit dem Titel „Dora Kallmus und Arthur Benda. Einblicke in die Arbeitsweise eines fotografischen Ateliers zwischen 1907 und 1938“ in Kiel vorlegte. Sie resümiert „Nach eingehender Betrachtung der Literaturlage bleibt somit festzustellen, daß eine umfassende Aufarbeitung des Ateliers von Nicola Perscheid und seiner zahlreichen erhaltenen Fotografien derzeit immer noch aussteht.“ [22]
Nicola Perscheid wird in dieser Literatur als Vertreter der Kunstphotographie charakterisiert. An der sogenannten kunstphotographischen Bewegung um 1900 beteiligten sich vor allem Amateure, die die schablonenhafte Atelierphotographie ablehnten. Es war eine Reformbewegung, deren photographische Ergebnisse später selbst von einigen Photohistorikern als „Geschmacksverirrung“ bezeichnet wurden. Die Kunstphotographie versucht die Photographie als Kunst zu legitimieren, in dem man die Prinzipien der Malerei auf die Photographie anwandte. Perscheid gehörte zu den wenigen Berufsphotographen, die sich an dieser Bewegung beteiligten.
An der Photographie »Empire«von Perscheid lässt sich sehr gut belegen, wie sehr sich der Photograph bei einigen seiner Aufnahmen von der Malerei leiten ließ.

links: Nicola Perscheid: Empire ( um 1902; rechts: James Abbott McNeill Whistler: Arrangement in Black and Grey No. I: The Artist’s Mother (1872)

Spätestens um 1910 fand die kunstphotographische Bewegung ihr Ende. Nicola Perscheid wandte sich jedoch bei seinen Photographien von dem ›Modell Malerei‹, wie Ulrich Keller es nannte, bis zu seinem Lebensende nicht ab, wie das Porträt »Nuntius Eugenio Pacelli« [Papst Pius XII.] aus den 20er Jahren zeigt.

links: »Nuntius Eugenio Pacelli« [Papst Pius XII.] (um 1925); rechts: Diego Velázquez: Innozenz X. (1650)

Die Aufnahme befindet sich heute in der Photographischen Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Dort wurde die Photographie auf das Jahr 1929 datiert. Meiner Ansicht nach könnte sie jedoch bereits um 1925 entstanden sein, wahrscheinlich 1923. Ein Beleg dafür sind die Erinnerungen von Fritz Kempe, der zu diesem Bild schrieb: „Ich war damals 14, 15 oder 16 Jahre alt, schüchtern zwar, aber sehr begeisterungsfähig. Und ich versäumte nie, in die Bellevuestraße zu gehen, wo Nicola Perscheid sein Atelier mit einem großen Schaukasten hatte. Darin hing Jahr und Tag ein Riesenporträt des Nuntius Pacelli — des späteren Papstes Pius XII., ein faszinierendes Bild der Macht, schön gesoftet, so daß Gold, Seide und Damast im Glanz erstrahlten. [...] Wieder zu Hause, begann ich, mit unseren Objektiven Versuche als Weichzeichner anzustellen — aber mir fehlte der Papst.“ [23] Kempe war 1923 14 Jahre alt. Außerdem hätte das Bild, wenn es erst im Jahre 1929 entstanden wäre, nur wenige Monate im Atelier Perscheid ausgestellt werden können. Interessant ist in diesem Fall der Vergleich mit dem Gemälde »Innozenz X« von Diego Velázquez. Zur Bedeutung, die der spanische Maler für Perscheid gehabt haben könnte, gibt es eine aufschlussreiche Anekdote, die 1929 anlässlich des 50jährigen Berufsjubiläums wie folgt berichtet wurde: „In Wien hatte sich eine entscheidende Wendung mit Perscheid vollzogen. Er hatte in Klagenfurt zwei Jahre die Landschaftsphotographie betrieben und sah bei einem Besuche Wiens, in einer Ausstellung ‚am Graben’ in Wien, eine Sammlung Reproduktionen nach Gemälden des Velasquez. Diese Bilder machten auf den empfindsamer gewordenen jungen Künstler einen so starken Eindruck, daß er den Vorsatz fasste, sich ausschließlich der Porträtphotographie zu widmen und auf diesem Gebiete einen besonderen Stil zu finden.“ [24]
Nicola Perscheid entwickelte seinen eigenen photographischen Stil, so dass es zahlreiche Schüler gab, die von ihm unterrichtet werden wollten.
Der erste Schüler Arthur Benda war von 1899 bis 1902 gleichzeitig der erste Lehrling bei Perscheid in Leipzig. 1906 kehrte er zu seinem Lehrmeister zurück, der inzwischen sein Atelier in Berlin eröffnet hatte. Während des folgenden Jahres war er Assistent für das Pinatypie-Verfahren. Anschließend ging Benda mit Dora Kallmus nach Wien, die dort das Atelier d’Ora gründete. Dieses Atelier übernahm er schließlich unter dem Namen d’Ora-Benda und führte es bis 1965 weiter. 1938 plante er eine Ausstellung zu seinem Lehrmeister. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Ich hatte mich Anfang 1938 mit Frau Perscheid in Verbindung gesetzt, um eine Gedächtnis-Ausstellung in die Wege zu leiten. Damals waren noch alle Arbeiten aus des Meisters erster Zeit vorhanden [...]. Dann kam der Krieg. Was heute noch erhalten sein wird, ist mir unbekannt. Aber [...] [es] dürfte wohl kaum viel übrig geblieben sein.“ [25]
Dora Kallmus genannt Madame d’Ora, die mit Arthur Benda schließlich nach Wien ging, kam im Januar 1907 in das Berliner Atelier. Später berichtete sie über diese erste Begegnung: „Man führte mich in einen großen Nebensalon, bat mich zu warten und legte mir eine geschlossene Mappe vor. Ich schlug sie auf - damit begann mein Unglück. Jenes des rastlosen Wollen und nie Erreichte, denn da lagen sie vor mir die Perscheidbilder: Unerreichbar. Mir fiel es wie Schuppen von meinen Augen, ich fühlte ein entsetzliches Nichts in mir und hätte am liebsten meine mitgebrachten Bilder verbrannt. Eines aber stand fest: Hier und nirgends sonst in der Welt wollte ich lernen, koste es was es wolle. Es kostete viel. Perscheid, offenbar seine Zusage meinem Onkel gegenüber bereuend, eine Schülerin nehmen zu wollen, verlangte für damalige Begriffe eine horrende Summe. Und das für eine Lehrzeit von nur drei Monaten, wohl in der Hoffnung ich würde davon Abstand nehmen.“ [26] Aus den drei Monaten wurden schließlich fünf und so sehr, wie er noch zu Beginn des Jahres 1907 versucht hatte, Dora Kallmus nicht in seinem Atelier ausbilden zu müssen, so sehr versuchte er nach dieser Zeit ‚sein Dohrchen’, wie er sie inzwischen bezeichnete, zum Bleiben zu bewegen. Das Zeugnis, welches Perscheid ihr ausstellte, lässt seine äußerst wohlwollende Einstellung gegenüber der jungen Wienerin erahnen: „Fräulein Dora Kallmus aus Wien war zum Studium der bildmässigen Photographie vom 1. Januar 1907 bis 31. Mai 1907 in meinem Atelier tätig. Sie hat die ihr übertragenden Arbeiten mit grössten Interesse und Fleiss ausgeführt, Aufnahmen gemacht, Copien und Retouchen gefertigt und sich als eine Dame von hoher Intelligenz gezeigt. Ich glaube, nicht fehl zu gehen, wenn ich Fräulein Dora Phillipine Kallmus als meine bisherige beste Schülerin bezeichne. Berlin, den 1. Juni 1907, N. Perscheid“ [27] Seine ‚beste Schülerin’ resümierte später: „Ich gewann durch seine [Perscheids] Ansprüche ein Capital an Koennen und verlor aus dem gleichen Grund ein Capital an Nerven. Dies war die Ursache weshalb ich im Sommer 1907 den fuer mich unvergesslichen Meister schweren Herzens verliess.“ [28]
In der deutschen Forschung bislang vollkommen unerwähnt blieb Henry B. Goodwin, der 1878 mit dem Namen Karl Heinrich Hugo in München geboren wurde. Um die Jahrhundertwende studierte er in Leipzig nordische Sprachen und graduierte 1903 mit einem isländischen Thema. In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft mit Nicola Perscheid und studierte bei ihm unter anderem die Technik des Bromöldrucks. 1904 verließ er Deutschland, um an der Universität Uppsala Germanistik zu lehren. In dieser Zeit fügte er seinem Familiennamen den Nachnamen Goodwin hinzu. In den folgenden Jahren beschäftigte er sich immer wieder mit der Photographie und veröffentlichte zahlreiche Artikel. 1913 eröffnete er dann schließlich sein eigenes Studio »Kamerabilder« in Stockholm. Im gleichen Jahr organisierte er die Einladung seines ehemaligen Lehrers Nicola Perscheid nach Stockholm. Mit Perscheid verband ihn Zeit seines Lebens eine intensive Freundschaft.
Ein weiteres Beispiel für einen bislang völlig unbeachteten Perscheid-Schüler ist der Japaner Toragoro Ariga. Er studierte zwischen 1908 und 1914 im Berliner Lette-Verein, an der Technischen Hochschule und an der Humboldt-Akademie in Berlin. In dieser Zeit lernte er Malerei bei Max Liebermann und besuchte die Kurse von Nicola Perscheid. Charakteristisch für die Photographien Arigas sind Übermalungen, mit denen er bis 1910 das Negativ, später hauptsächlich die Positiv-Abzüge, überarbeitete. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte Toragoro Ariga nach Japan zurück und gründete 1915 in Tokyo sein eigenes Atelier mit der deutschen Bezeichnung »Photokunst-Atelier Ariga«. Aber nicht nur die Atelierbezeichnung war deutsch, sondern auch die Einrichtung, bei der sich Ariga geradezu schematisch an die Vorgaben des Berliner Ateliers von Nicola Perscheid hielt. Überraschend war für mich auch, dass nicht nur Ariga in Tokio mit dem Perscheid-Objektiv photographierte, sondern durch seinen Vermittlung zahlreiche japanische Fachphotographen. In der Publikation von Heinz Spielmann zur japanischen Photographie, die gleichzeitig die einzige deutschsprachige Veröffentlichung ist, in der Toragoro Ariga erwähnt wird, ist ein Brief abgedruckt, in dem Ariga sich 1981 im Alter von 92 Jahren an diese Zeit erinnert: „Herrn Schmidt hatte ich einen guten Rat gegeben: Sein Allein-Verkaufsrecht soll er den Photo-Händler Asanuma-Shoten übergeben. [...] Ein Jahr nach dieser Annoncierung durch die Firma Asanuma & Co. hatte sie großen Erfolg: fast alle Photographen hatten das Perscheid-Objektiv gekauft. Ich arbeite selbst seit über 50 Jahren immer nur mit dem Perscheid-Objektiv“ [29]. Demnach verwendeten nahezu alle Berufsphotographen im Tokyo der 20er Jahre dieses Objektiv und rezipierten damit zwangsläufig die Bildästhetik Nicola Perscheids.
Perscheid-Photographien befinden sich heute sowohl in privaten als auch in musealen Sammlungen. Die größten Bestände in Deutschland liegen in Berlin und Hamburg. In der Berlinischen Galerie gibt es 132 Photographien von Nicola Perscheid. Dabei sind zwei Konvolute besonders interessant. 1982 und 1985 erwarb die Berlinische Galerie zunächst 58 und dann nochmals 50 Photographien aus der Sammlung von Walter Rothe, der Perscheids Assistent war. Der umfangreichste Bestand befindet sich heute im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Dort werden von Nicola Perscheid und seinen beiden Schülern Arthur Benda und Dora Kallmus „insgesamt 1348 Aufnahmen aufbewahrt: von Perscheid 220, von Benda 443 und von Madame d’Ora 685 Arbeiten.“ [30] Fritz Kempe, der das Konvolut der Sammlung schenkte, bekam es durch den Bremer Photographen Rudolf Stickelmann, der Nicola Perscheid persönlich kannte und von dem Sammler Willem Grütter, der wiederum einen Großteil der Bilder von der Witwe Perscheids erwerben konnte. Im skandinavischen Raum verzeichnet das Inventar des »Moderna Museet« im schwedischen Stockholm mit 121 Inventar-Nummern die wahrscheinlich umfangreichste Sammlung von Perscheid-Photographien außerhalb Deutschlands. Ein Teil dieses Bestandes kam durch den Ankauf der Sammlung Bäckström in das Stockholmer Museum. Perscheid selbst schenkte der »Schwedischen Fotografischen Vereinigung« einige Aufnahmen, die später durch das Moderna Museet angekauft wurden.
Neben den musealen Sammlungen befinden sich auch einige Konvolute in Privatbesitz, wie ich an folgendem Beispiel belegen konnte. In einer Privatsammlung im sächsischen Riesa befinden sich über 200 Photographien von Nicola Perscheid. Die Sammler erwarben die Originale 1990 durch eine Erbschaft von einer älteren Dame aus Meißen, die zu der um 1900 in Oschatz tätigen Photographenfamilie Koczyk gehörte. Weder diese Dame, noch die neuen Besitzer schenkten dem Konvolut größere Aufmerksamkeit, da sie es nicht als wertvoll einstuften. Der Vater dieser älteren Dame, Hermann Stanislaus Koczyk, war Mitbegründer des Sächsischen Photographen-Bundes und seit 1902 Mitglied im Photographischen Verein zu Berlin. [31] Außerdem besuchte er die Kurse von Perscheid. Nachdem die Photographien mehrere Jahrzehnte zunächst in einem Schuppen und in Riesa auf dem Dachboden gelagert wurden, begannen sich die Sammler - angeregt durch eine zufällig besuchte Photographie-Auktion in Berlin - genauer mit dem Bestand zu beschäftigen. Auffällig ist, dass die Riesaer Sammlung keineswegs die Glanzstücke der Perscheid-Photographien beinhaltet, sondern hauptsächlich die im täglichen Arbeitsprozess entstandenen Originalaufnahmen. Hinzu kommen einige fehlerhafte Abzüge sowie einzelne, ausschnitthaft zerteilte Photographien. Offensichtlich waren diese Aufnahmen niemals für den Verkauf bestimmt. Sie tragen keinen Atelierstempel, sind nicht beschnitten, fast ausschließlich im Format 18 x 24 cm und zeigen oft Herstellungsfehler bei der Entwicklung. Interessant ist, dass sich in diesem Bestand Photographien aus dem gesamten Schaffensprozess Perscheids befinden, darunter eine der frühesten bekannten Photographien mit Fräulein Jungmann, aber auch Aufnahmen mit dem Maler Eugen Bracht oder die sehr späten Aufnahmen aus Venedig, die um 1925 entstanden sein dürften. Seitdem die Privatsammler die Bedeutung ihrer Photographien neu bewerteten, reichen sie einzelne Aufnahmen in unregelmäßigen Abständen bei Photographie-Auktionen ein.
Die erste eigenständige Photographie-Auktion in Deutschland fand 1989 im Kölner Kunsthaus Lempertz statt. Dort wurde 1990 auch die erste Perscheid-Photographie für 1600 DM versteigert, 1994 dann weitere 7 Photographien. Die Riesaer Privatsammler beschickten erstmals 1999 das Berliner Auktionshaus Galerie Gerda Bassenge mit 19 Photographien. Darunter befanden sich auch die Kohledrucke mit Venedig-Motiven, die mit 2200 DM die bislang höchsten Gewinne erzielten. Ebenfalls 2000 DM erreichte das Bildnis von Alfred Kubin bei Dietrich-Schneider Henn in München. Zwischen 1989 und 2001 wurden über 50 Photographien von Nicola Perscheid im deutschen Kunsthandel angeboten. Davon stammt mehr als die Hälfte aus dem Riesaer Privatbesitz. Bedenkt man die Anzahl der Photographien, die während der 50jährigen Berufszeit Perscheids entstanden sein müssen, befindet sich derzeit nur ein Bruchteil seiner Aufnahmen im Kunsthandel.
Nicola Perscheid gehörte zweifellos zu den berühmtesten Photographen um 1900. Während er sich als einer der wenigen Berufsphotographen bis 1910 bewusst mit den Motiven der kunstphotographischen Bewegung auseinander setzte, war er bis in die 20er Jahre vor allem als Porträtphotograph berühmt und anerkannt. Ich beurteile sein Schaffen allerdings auch durchaus kritisch, denn im Gegensatz zu vielen anderen Photographen aus dieser Zeit, kann man in seinen Aufnahmen keine Weiterentwicklung erkennen. Er blieb bis zu seinem Lebensende der Bildauffassung der Jahrhundertwende verpflichtet. Dennoch finde ich die Bedeutung, die er auf die Photographie in Skandinavien und Japan besessen haben könnte und die bislang noch nie näher untersucht wurde, so interessant, dass ich mich auch in meiner Dissertation weiterhin mit Nicola Perscheid beschäftigen werde. Ich denke, dass damit ein wichtiger Beitrag zur Photographiegeschichte geleistet werden kann.
Der Hermann-Krone-Preis, der mir heute [32] durch die Neue Photographische Gesellschaft in Sachsen verliehen wurde, motiviert mich ganz besonders für die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas.
© Katja Schumann

[1] Arthur Benda, o.T. Manuskript im Photomuseum des Landes Oberösterreich, Bad Ischl.
[2] Arthur Ranft: Nicola Perscheid. Zum fünfzigjährigen Berufsjubiläum des Meisters. In: Der Photograph, No. 70, 39. Jg., 1929, S. 278.
[3] Wohnungs — und Geschäfts-Handbuch der Königlichen Residenz= und Hauptstadt Dresden für das Jahr 1891, 1. Theil, S. 465 und S. 1006.
[4] Görlitzer Nachrichten und Anzeiger vom 6. Juni 1891, Nummer 129, Anzeige 12150.
[5] Hoffmann & Reiber (Hrsg.): Görlitzer Adreßbuch 1893 nebst wichtigen Bekanntmachungen, Tarifen u.s.w. für Handel Verkehr und Haus, Juli, 1893, S. 492, Stadtarchiv Görlitz.
[6] Erinnerungen an Nicola Perscheid von Arthur Benda Wien, S. 1, Oberösterreich, Bad Ischl.
[7] Akten des Kupferstich-Kabinetts Dresden, KK Nr. 4 Band 6, Blatt Nr. 373, zitiert nach der Bearbeitung dieser Akten von Franziska Schmidt, Manuskript im K-K Dresden.
[8] Akten des Kupferstich-Kabinetts Dresden, KK Nr. 6 Vol. 5, Blatt Nr. 374, zitiert nach der Bearbeitung dieser Akten von Franziska Schmidt, Manuskript im K-K Dresden.
[9] Abschrift Nicola Perscheid (d’Ora) [Erinnerungen von Dora Kallmus], Manuskript im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, S. 6.
[10] Deutsche Photographen-Zeitung, Nr. 44, 29 Jg., 1905, S. 687.
[11] Brief von Arthur Benda an Willem Grütter vom 7.6.1955 zitiert nach: Sabine Schnakenberg: Dora Kallmus und Arthur Benda. Einblicke in die Arbeitsweise eines fotografischen Ateliers zwischen 1907 und 1938, Kiel 2002, Anm. 131, S. 43.
[12] Erinnerungen an Nicola Perscheid von Arthur Benda Wien, Manuskript im Photomuseum des Landes Oberösterreich, Bad Ischl.
[13] Fritz Loescher: Zu unseren Bildern In: Photographische Mitteilungen, 44. Jg., 1907, S. 252.
[14] James E. Cornwall: In vornehmen Kreisen. Nicola Perscheid, Herrsching 1980, S. 77.
[15] Original Kaufvertrag zitiert nach: James E. Cornwall: In vornehmen Kreisen. Nicola Perscheid, Herrsching 1980, S. 12.
[16] Abschrift Nicola Perscheid (d’Ora) [Erinnerungen von Dora Kallmus], Manuskript im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, S. 3.
[17] Ord och Bild, 1923, S. 492 zit. n.: Jan-Gunnar Sjölin: Nicola Perscheid in Schweden — damals und heute In: Brigitte Hartel u. Bernfried Lichtnau (Hrsg.): Kunst im Ostseeraum. Greifswalder Kunsthistorische Studien, Bd. 1 Malerei, Graphik, Photographie von 1900 bis 1920, Frankfurt a. M. 1995, S. 14.
[18] Nicola Perscheid: Zur Psychologie der heutigen Photographen-Schüler In: Photographie für Alle. Illustr. Zeitschrift für alle Zweige der Photographie, Nr. 5, XX. Jahrgang, 1924, S. 83.
[19] Photographische Kunst, 12. Jg., 1913-1914, S. 110.
[20] Photographische Chronik, 1898, S. 453 zit. n.: Ludwig Hoerner: Das photographische Gewerbe in Deutschland 1893-1914, Düsseldorf 1989, S. 88.
[21] Brief vom 28.10.1928 von Nicola Perscheid an Rudolf Stickelmann [Original im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg].
[22] Sabine Schnakenberg: Dora Kallmus und Arthur Benda. Einblicke in die Arbeitsweise eines fotografischen Ateliers zwischen 1907 und 1938, Kiel 2002, S. 12.
[23] Fritz Kempe: Photographische Avantgarde In: Erika u. Fritz Kempe/Heinz Spielmann: Die Kunst der Camera im Jugendstil, Frankfurt 1986, S. 52.
[24] Arthur Ranft: Nicola Perscheid. Zum fünfzigjährigen Berufsjubiläum des Meisters IN: Der Photograph, No. 70. Jahrgang 1929, S. 278.
[25] Arthur Benda, o.T., Manuskript im Photomuseum des Landes Oberösterreich, Bad Ischl.
[26] Abschrift Nicola Perscheid (d’Ora) [Erinnerungen von Dora Kallmus], Manuskript im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, S. 1.
[27] Zeugnis Manuskript im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.
[28] Abschrift Nicola Perscheid (d’Ora) [Erinnerungen von Dora Kallmus], Manuskript im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, S. 6.
[29] Toragoro Ariga: Über seine Arbeit 1910-20 [Brief vom 23.7.1981 an H. Spielmann] In: Heinz Spielmann: Die japanische Photographie, Geschichte-Themen-Strukturen, Köln 1984, S. 244.
[30] Katalog Perscheid-Benda-d’Ora, Hamburg 1980, Vorwort von Axel von Saldern.
[31] Der Oschatzer Gemeinnützige, Ausgabe vom 1. Oktober, 1929.
[32] Preisverleihung am 27. September 2004

Autorin

Katja Schumann, M.A.
Kunsthistorikerin

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