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Robert Lebeck in Görlitz

Rede zur Ausstellungseröffnung
»Unverschämtes Glück« des Bildjournalisten Robert Lebeck

Wolfgang Hesse, Görlitzer Museum der Fotografie, 17. September 2004

Sehr verehrter Herr Lebeck, meine Damen und Herren,
die Ausstellung, die wir heute hier eröffnen, zeigt Bilder von einem, der dabeigewesen ist. Wobei „dabeigewesen“ ein zu schwacher, passiver Ausdruck ist. Denn zu den Mythen aus den Aufbaujahren der Bundesrepublik Deutschland gehören Zeitschriften wie Kristall, Revue, Bunte, Spiegel oder Stern und später Geo — Teil der durchaus existierenden Macht der vierten Gewalt. Die Illustrierten haben vor der Fernsehepoche und noch weit in sie hineinragend das Bild von der eigenen und der fremden Welt weit bis in die 80er Jahre hinein geprägt. Und Robert Lebeck hat für die meisten von ihnen fotografiert, insbesondere aber für den Stern.
Hier in Görlitz haben viele dieser Bilder nun fast auf den Tag genau 15 Jahre nach der Öffnung der Grenze in Ungarn zu Österreich hin sicher immer noch viel vom Bericht eines Ethnologen über eine Welt, die nicht zu den Erfahrungen der hier aufgewachsenen zählte. Aber auch für einen wie mich, der bis 1994 im Westen lebte, waren natürlich die meisten seiner Bilder Motive des Unbekannten, Fremden, eben von der Welt da draußen. Etwa: Von der DDR oder gar der Sowjetunion, die Robert Lebeck 17mal bereist hat, insbesondere, weil sich der Stern publizistisch des Themas der Aussöhnung mit dem Osten in der Willy-Brandt-Ära besonders intensiv annahm. Daß er ungeschminkte Bilder mitbrachte, entspricht seinem journalistischen Berufsethos.
So war Robert Lebeck mit seiner Kamera, möchte man sagen, eines der Augen dieser bundesrepublikanischen Gesellschaft, und er repräsentiert eine leider nicht allzu sehr verbreitete Haltung in ihr und zu ihr. Selbst aus dem desaströsen Ende des monströsen Deutschen Reichs knapp und mit Glück entwischt, hat er seine unersättliche Neugier mit einer kräftigen Portion lakonischen Realismus verbunden — und hingeschaut, wo es nur irgend ging. Seine gerade erschienene, neu bearbeitete Autobiografie heißt denn auch bewußt „Neugierig auf Welt“.
Seine Grunderfahrung liest sich — im Rückblick auf die später erinnerten Erfahrungen des 16jährigen in amerikanischer Gefangenschaft — so: „Ich glaube, diese kurzen Wochen zu Kriegsende waren nicht nur die intensivsten und aufregendsten meines Lebens, sondern auch die beste Ausbildung als Fotoreporter, die ich bekommen konnte. ‚Fotografieren heißt, die Regeln verletzen‘, hat der Fotograf Robert Doisneau gesagt, und nirgendwo werden mehr Regeln verletzt, Verläßlichkeiten über den Haufen geworfen, Schwüre gebrochen und Gesetze mißachtet als in einem Krieg. Daß nichts zählt außer dem eigenen Durchkommen, daß jeder korrupt oder zumindest korrumpierbar ist; daß man sich nie etwas vorschreiben lassen darf und daß man, wenn es doch Vorschriften gibt, sie in jedem Fall umgehen muß — all dies gilt für Krieger wie Fotografen gleichermaßen. Nirgendwo prägt sich diese Lektion so nachhaltig ein wie in der brutalen, unnachgiebigen Schule des Krieges. Und ich hatte sie bestanden. (...) Was auch immer kommen mochte in dem Leben, das nun vor mir lag: Ich sah es ziemlich gelassen.“
Robert Lebecks Bilder wurden Teil des Aufbaus in den 50er Jahren und vor allem der Öffnung der bundesrepublikanischen Gesellschaft seit den 60ern. Sie brachten die Schönheiten und Katastrophen der Welt in die oft biedere Enge des Wir-sind-wieder-wer-Staats in Form stimmiger Bilder, die von den das öffentliche Bildgedächtnis prägenden Zeitschriften gern gedruckt worden sind. Ich denke, er ist ganz Zeitgenosse auch in diesem Sinne: Einer, der sich nichts vormachen lassen will, der weiß wie seine Gesellschaft funktioniert. Vor allem aber ist er ein Fotograf, der die ihn umgebenden Widersprüche nicht harmonisiert unter einer gnädigen Ideologie, die den Ereignissen das Krasse und Zusammengestückelte, das Brutale wie das Schöne auszutreiben versuchte, und auch nicht das Zufällige ihres Zusammentreffens im Bild. Er findet die eitlen Momente der Selbstdarstellung wie die völlig uneitlen der ungewollten Entlarvung ebenso, wie starke Bilder für historische Verschiebungen oder die kleinen Freuden eines immer wieder durchaus auch gelingenden Alltags: Im Gegeneinander und Miteinander der Bilder von Menschen — und die fotografiert er fast immer — in dieser Ausstellung „Unverschämtes Glück“ in einem über die Jahrzehnte gewachsenen Archiv und hier zu einer quasi surrealistischen Montage zueinandergestellt. Das entspricht ganz den Medieneigenschaften der Fotografie.
Robert Lebeck sieht sich denn auch nicht als Künstler, sondern als Bildjournalist, der von sich in selbstbewußter Bescheidenheit sagt: „Ich wollte das einfangen, was ist“ oder „Ein gutes Foto ist wie das Leben — facettenreich, eindrucksvoll und manchmal schwer zu ertragen“. Oder: „Ein Fotograf ist Auge plus Gedächtnis. Mehr nicht. Man überfordert ihn, will man ihn auch noch als Schiedsrichter, Katastrophenhelfer, Moralprediger oder Propagandaberichterstatter einspannen (auch wenn es viele Fotografen gibt, die sich in dieser Personalunion wohlfühlen.“.
Und so denke ich, daß ein Passus aus einem Essay eines der Vorbilder seiner jungen Jahre — auch der jungen Jahre der Bundesrepublik — sein Verfahren gültig beschreibt und seine Leistung, in vielen Momenten dank Intuition und Erfahrung und mit einer Portion von im doppelten Wirtsinn „unverschämtem Glück“ angemessen beschreibt: der kürzlich im biblischen Alter verstorbene Henri Cartier-Bresson, auf den sich neben anderen Großen der Fotografie Lebeck gern bezieht, räsonnierte 1952 in „The Decisive Moment“: „Worin besteht eine Fotoreportage? Manchmal kann ein einziges Foto für sich eine ganze Reportage ausmachen, wenn es in seiner Form voll und stark genug ist und genug von seinem Inhalt mitschwingt. Aber der Fall ist selten gegeben. Die thematischen Einzelbestandteile, von denen der Funke überspringt, sind häufig weit auseinandergelegen, man darf sie nicht mit Gewalt im Bild zusammendrängen, es wäre Betrug, sie so gewissermaßen in Szene zu setzen. Dafür eben hat man die Reportage: Auf einer ganzen Bildseite kann man in mehreren Fotos die einander ergänzenden Elemente des Stoffes vereinigen.
So ist die Fotoreportage ein von Kopf, Auge und Hand zugleich schrittweise vorangetragenes Unternehmen, um ein Problem zum Ausdruck zu bringen, einen Vorfall festzuhalten, bestimmte Eindrücke zu fixieren. Ein Ereignis ist etwas so Vielfältiges, daß man es im Laufe seiner Entwicklung gewissermaßen umkreisen kann, während man nach einer passenden Lösung sucht. Manchmal findet man sie in ein paar Sekunden, manchmal braucht man Stunden und Tage dazu. Es gibt keine Patentlösung, kein immer brauchbares Rezept; man muß wie ein Tennisspieler immer bereit sein, wenn der Ball über das Netz kommt. (...) Von allen erdenklichen Ausdrucksmitteln fixiert allein die Fotografie einen bestimmten Augenblick. Wir beschäftigen uns mit Dingen, die wieder verschwinden und die man, wenn sie erst verschwunden sind, unmöglich wieder zum Leben erwecken kann. (...) Bei einer fotografischen Reportage hat man gewissermaßen die Rolle des Schiedsrichters, der rechts und links die Schläge zählt, d.h. man ist notwendigerweise ein Eindringling. Man muß sich also seinem Gegenstande, selbst wenn es sich um ein Stilleben handelt, höchst behutsam, auf Sammetpfötchen, aber mit Argusaugen nahen. (...) Sein Beruf hängt so sehr von dem Verhältnis ab, das er zwischen sich und den Leuten herstellt, daß ein einziges Wort alles verderben, alles zum Gefrieren bringen kann. Auch hierin gibt es keine Allerweltsregel, außer, sich selbst und die sowieso immer zu auffällige Kamera möglichst vergessen zu lassen.“
Es sind viele Bilder geworden, die die Anwesenheit des Bildreporters Lebeck in diesem Sinne vergessen lassen. Und es sind auch etliche Bilder dabei, die sich abzulösen beginnen von seiner Autorenschaft, so bekannt und oft abgedruckt sind sie geworden — etwa wie das des Mannes, der dem belgischen König bei seinem Besuch in der Kolonie Kongo den Säbel entreißt, und welches ein Symbolbild des Endes kolonialistischer Herrschaft der europäischen Mächte über Länder der Dritten Welt geworden ist, ein wahrlich epochales Bild. Auf solche Bilder, die ein Ereignis einprägsam fassen und über den Moment hinaus von dem erzählen, was Menschsein heißt, bezieht sich auch eine Anerkennung, die ihm selbst wichtig genug ist um sie zu erwähnen, und die ich deshalb auch als Vorstandsmitglied der Sektion Geschichte und Archive der Deutschen Gesellschaft für Photographie gern zitiere: „Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) verleiht ihren Dr.-Erich-Salomon-Preis 1991 an Robert Lebeck. Mit seinem fast 40jährigen bildjournalistischen Werk hat er einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, daß der deutsche Bildjournalismus wieder an den hohe n Standard anschließen konnte, den er in der Weimarer Zeit hatte, der dann aber durch die Nazidiktatur sowie den Krieg und seine Folgen verloren gegangen war.“
Robert Lebeck selbst reflektiert oft seine Rolle als Bildjournalist für die Medien, etwa ausführlich in seiner Autobiografie oder auch in dem schönen Bildband, der diese Ausstellung begleitet — und wenn auch viele der heute gezeigten Bilder in dem Sinne „privat“ sein mögen, daß sie nicht in den Illustrierten veröffentlicht worden sind, so stehen sie doch in dem professionellen Kontext ihrer Entstehung.
Er weiß daher, besser und erfahrener als andere, daß Fotografie bei aller Augenzeugenschaft, allem Können und Glück des Fotografen keine voraussetzungslose Einzelleistung allein und isoliert agierender Heroen ist. Die Apparate der Tätigkeit, die Industrien der Publikation und Verbreitung ihrer Bilder, sind mit handwerklichen und individuellen Kategorien allein nicht zu fassen. So komme ich nicht umhin, wenigstens einen knappen Blick ins Theoretische beizutragen. Der Philosoph und Fototheoretiker Vilém Flusser hat in einem kurzen Text über die Rolle der Fotokritik entwickelt, wie er sich den rekontextualisierenden Umgang mit Fotografien vorstellt. Ich will ihn auch deshalb zitieren, weil mir diese Überlegungen in einem Haus passend erscheinen, das sich der Präsentation des Erbes der einstmaligen Görlitzer Kameraproduktion verschrieben hat und dessen Anliegen ja bei Robert Lebeck wie beim Willy-Brandt-Haus Berlin durch die Überlassung dieser Ausstellung in großzügiger Weise Unterstützung gefunden hat.
Flusser würdigt die Arbeit des Fotografen als Kampf gegen die Logik der Apparate und in den Institutionen ihrer Distribution, sieht die „Kamera- und Medienapparate“ als die „Spitze eines Eisbergs von riesigen programmierenden Apparaten (...), welche daran sind, einen automatischen Totalitarismus aufzurichten“. Daher fordert er umfassende Kritik, um aufzuklären über die schwierige Emanzipation des Menschen im Zeitalter der Apparate — letzteres durchaus im doppelten Wortsinn zu verstehen:
„Die Aufgabe einer ‚richtigen‘ Fotokritik besteht — im Unterschied zu einer Kritik vorapparatischer Kulturphänomene — darin, die im Foto verborgenen, sich kreuzenden Absichten von Mensch und Apparat aufzuhellen. Es sei denn, das zu kritisierende Foto sei ‚vollautomatisch‘ hergestellt worden; (...) In allen anderen Fällen jedoch muß sich der Kritiker etwa folgende Fragen stellen, bevor er das Foto in Hinblick auf die Kriterien ‚Perfektion‘ und ‚Information‘ untersuchen kann:
(1) Welche Art von Kamera hat dieses Foto hergestellt?
(2) Wo, mit welcher Technik und vor welchem kulturellen, politischen und historischen Hintergrund ist diese Kamera erzeugt worden, und worin unterscheidet sie sich von anderen auf dem Markt erhältlichen Kameras?
(3) Was mag die Absicht des Fotografen gewesen sein, gerade diese Kamera zu wählen?
(4) Was mag seine Absicht beim Aufnehmen dieses Fotos gewesen sein?
(5) Wieweit ist es ihm gelungen, die Kamera dieser Absicht zu unterwerfen?
(6) Und wieweit ist es der Kamera gelungen, diese Absicht umzulenken?
(7) Welches Medium distribuiert dieses Foto?
(8) In welchem kulturellen, politischen und ideologischen Kontext funktioniert dieses Medium?
(9) Worin unterscheidet sich dieses Medium von anderen dem Fotografen zugänglichen Medien?
(10) Welches mag die Absicht des Fotografen gewesen sein, gerade dieses Medium zu wählen?
(11) Wieweit ist es ihm gelungen, das Medium dieser Absicht zu unterwerfen?
(12) Und wieweit ist es dem Medium gelungen, diese Absicht des Fotografen zur Bereicherung des eigenen Programms umzulenken?“
Robert Lebeck hat sich diesen Fragen auf seine Weise gestellt und sie in Bildern und schriftlichen Anmerkungen beantwortet. Er hat sie auch als Sammler zu beantworten gesucht, dessen bedeutende Kollektion von Fotografien des 19. Jahrhunderts in den Bestand des Agfa Foto-Historama in Köln übergegangen ist, und mit dem zusammen er auch in der Ausstellung „Kiosk“ seine Sammlung früher illustrierter Presseerzeugnisse bearbeitete und präsentierte. Auch so gesehen fügen sich seine Fotografien und dieser Ausstellungs-Ort glücklich zusammen.
Überzeugen Sie sich bitte selbst davon.
© Wolfgang Hesse

Autor

Wolfgang Hesse
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