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Marsh/Paas: Ein Ortswechsel

Am 29. November 2003 wurde im Festspielhaus Hellerau die Doppelausstellung von Fredrik Marsh (Columbus OH, USA) und Inga Paas (D) unter dem Titel »Marsh/Paas. Ein Ortswechsel« eröffnet. Nach einführenden Worten von Ralph Lindner (Kunstfonds des Freistaats Sachsen, seit 1. Dezember Direktor der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen) sprach die Kunsthistorikerin Susanne Altmann (Dresden/Karlsruhe):

Rede zur Ausstellungseröffnung
»Marsh/Paas. Ein Ortswechsel«

Susanne Altmann, Festspielhaus Hellerau, 29. November 2003

 Die Begegnung zwischen Inga Paas und Fred Marsh hätte durchaus eine sympathische und flüchtige Begegnung bleiben können; eine Begegnung wie sie sich im Rahmen des deutsch-amerikanischen Austauschprogrammes Columbus-Dresden in den letzten Jahren vielfach abgespielt hat.
Und auch der Umstand, dass sich die beiden Stipendien von Inga Paas in Columbus und von Fred Marsh in Dresden relativ zeitnah zugetragen haben oder etwa, dass beide Künstler im selben Medium arbeiten, wäre noch längst kein Grund gewesen, gemeinsame Pläne zu verfolgen. Es muss also tatsächlich an einer gemeinsame Chemie; an einer ähnlichen Einstellung des geistigen Objektivs gelegen haben.
Dabei könnten ihre Fotografien — wie Sie hier überdeutlich sehen- unterschiedlicher nicht sein. So müssen wir zunächst mal ihre Gegensätzlichkeit und ihre Spezifik betrachten um schließlich heraus finden zu können, was diese beiden Ansätze eint. Inga Paas’ Farbaufnahmen sind nüchtern, fast schmerzhaft klar gegliedert, kühl. Die Motive weisen ganz selten Symptome von Zerfall oder Unkalkulierbarkeit auf; selbst Menschengestalten scheinen sich diesen Prinzipien unterzuordnen.

Dagegen porträtiert Fredrik Marsh Szenerien der Zerstörung stets in einem eher weichen, versöhnlichen Licht. Das ist zum Einen natürlich auf die Schwarzweiß-Technik zurückzuführen, die jedes Stück Gegenwart mit einem leicht nostalgischen und damit romantisierendem Schleier überzieht. Was Fred Marsh in Dresden aufgenommen hat, während nunmehr dreier Aufenthalte, hat in jedem Fall mit Auflösung und Beschädigung zu tun. Das sind zum einen verlassene Industriegebäude, die er bei seinen Streifzügen fand und dann leerstehende Wohnhäuser, beispielsweise in Cotta oder hier an der Königsbrücker Straße, die er gleichsam am Wegesrand „einsammelte“. Und dann gab es ja noch die Flut im August letzten Jahres, die pünktlich in seinen Aufenthalt fiel.

Im Nachhinein allerdings sind die Ursachen und vor allem die Zeiträume des abgebildeten Verfalls merkwürdig verwischt. Und die Dramatik dieser settings wurde durch malerische Bildeinstellungen und (wie gesagt) durch das Schwarzweiß wieder geglättet und gemildert. Fred Marsh selbst hat dazu geschrieben: „Sogar hier ist Schönheit, eine schreckliche Schönheit.“ In diesem Zustand haben die Resultate letztlich nur noch sehr wenig mit einer regionalen oder kulturellen Zuordnung zu tun — es sei denn , man möchte sich als volkskundlicher Spurensucher, als Bildarchäologe betätigen. Doch diese Qualität, diese etwas pathetisch gesagt: schreckliche Schönheit ist austauschbar und auch Fred Marsh weiß, dass er —gerade wenn es um Industrieruinen geht- ganz ähnliche Ansichten in Detroit, Cleveland oder Pittsburgh einfangen kann.

Seine Sichtweise ist also weniger lokalgeschichtlich oder kritisch-dokumentarisch angelegt, sondern viel mehr vom Atmosphärischen begeistert. Wer sich erinnert: im letzten Juli zeigte Marsh hier in Dresden Aufnahmen aus Nordamerika, Panoramen im gleichen Format wie die drei Flutmotive im Seitenraum. Übrigens sind diese Serien mit einer Panoramakamera der Marke Noblex aufgenommen - ein vielsagender Zufall, denn das Gerät wurde von dem Engländer Sir John Noble einst in Dresden konstruiert.
Zurück zu den amerikanischen Bildern, die unter dem Titel „Topographical Landscapes“ — „Topographische Landschaften“ im Kunsthaus Raskolnikow gezeigt wurden: Zum einen waren das majestätische Felsformationen, in gewohnter Weise menschenleer (auch weil der Mensch dort völlig überflüssig gewesen wäre) und zum Anderen waren das stillgelegte Kupferminen - ähnlich dramatische Landschaftsveränderungen von Menschenhand, wie sie etwa der Tscheche Josef Koudelka mit seinen „Breitwand“-Dokumentationen aus den zerklüfteten Braunkohleabbaugebieten Böhmens geliefert hat. Beide Motivgruppen — Naturräume und Zivilisation sprechen in Fred Marshs Interpretation die gleiche Sprache. In ihrer grandiosen Verlassenheit wirken sie mindestens ebenso poetisch und melancholisch wie zeitlos und elegant. Auch ohne fotografische Vermittlung denken wir heute vielfach selbst beim Anblick scheinbar unberührter Gebiete fast zwangsläufig deren unsichtbare oder potenzielle Zerstörung mit. Wie eine solche unterschwellige Zivilisationskritik in Marshs Naturaufnahmen mitschwingt, so nimmt er auch deren Poesie mit hinüber in die Motive aus so genannten Kulturlandschaften wie wir sie hier sehen: Die gefledderten Räume der Abbruchhäuser mit ihren Wucherungen, ihren tektonischen Volumen und den Lichtachsen werden zu Landschaften, einmal mehr wenn sie in Triptychen — im horizontalen Landschaftsformat angeordnet sind.

Die örtliche Gebundenheit, in diesem Falle Dresden, verschwindet bald völlig unter der gestalterischen Universalität, mit der Fred Marsh den Auslöser betätigt.
Aus seinen Notizen hat mir Fred Marsh ein Zitat von Robert Adams, dem Fotografen und Theoretiker, gegeben: „Bilder sollten so aussehen, als ob sie mit leichter Hand aufgenommen wären. Andernfalls würde die Schönheit in der Welt trügerisch und selten wirken, was sie nicht ist.“ An diese Worte erinnerte ich mich, als mich Inga Paas gestern darauf hinwies, dass sie diese Bilder sehr viel Mühe gekostet hätten und man ihnen diese Anstrengung im Grunde nicht ansähe. Unfreiwillig natürlich, hatte sie damit selbst schon eine Haupteigenschaft ihrer Aufnahmen benannt.
Sehr eindrucksvoll zeigt sich die Spannung von Dauer und Flüchtigkeit an diesem Motiv, wo gleichsam zwei Stimmungen von Architektur mit einander kontrastieren, aufgenommen wie fast alle der hier ausgestellten Werke im Zentrum unserer Partnerstadt Columbus: Den Hintergrund dominiert modernistische Rasterarchitektur, als folge sie einer strikten Gestaltungsverordnung — ein Verbund aus kristallinen Körpern. Der Bildvordergrund wird von Straßenfläche bestimmt und im Mittelgrund ducken sich flache Backsteinbauten, die durch Material und warme Farbgebung fast altertümlich wirken.

Kein Lebewesen weit und breit und dafür musste die Fotografin nicht in jedem Falle in den frühen Morgenstunden arbeiten. In diesen urbanen Gegebenheiten findet der Mensch außerhalb seines Fahrzeuges nicht statt. Für Inga Paas stellte dieses allgegenwärtige (oder all abwesende) Phänomen zunächst einmal eine ziemliche Herausforderung dar — hatte sie doch bislang besonders für ihre Zyklen „People and Places“ in Norwegen oder „Menschen und ihre Orte“ hier im Außenraum von Dresden mit Menschen gearbeitet. Bislang hatte sie in ihren Kompositionen stets eine Synthese aus architektonischem Umraum und Figur angelegt, wobei es ihr ganz besonders um Balance dieser beiden Bildelemente zu tun war. Die Figur —und das sehen Sie auch hier an ähnlichen Motiven aus Columbus noch einmal- die Figur erhöht die Temperatur des rationalen, gebauten Umfeldes und die Kühle der Architektur das neutralisiert gleichsam das erzählerische Moment des Subjektes. Diese Balance hat mich an Inga Paas’ Aufnahmen schon immer begeistert.
Es zeugt nun von ihrer künstlerischen Sensibilität, dass sie in Columbus einen für sie ganz neuen Weg einschlug; einen Weg der der dortigen Stimmung entsprach: wie anders hätte sie jene Leere abbilden können, die fast mit Händen greifbar ist. Der Verzicht auf Porträtfiguren raubte Inga Paas einen Großteil an Strukturen, äußerer und innerlicher, - raubte ihr gestalterische Vorgaben, an die sie gewöhnt war. Sie sagt, sie hätte es sich viel leichter vorgestellt, reine Architektur zu porträtieren — zumal sie dem Gebauten ohnehin immer sehr zugeneigt war und in bewundernden bis euphorischen Worten über die Becher-Schule oder über Werke von Hans-Christian Schink spricht: „Der weiche Übergang bei seinen Betonpfeilern geht mir direkt in den Bauch“ — hat sie mir einmal gestanden. Es scheint, Inga Paas hat auf Columbus gerade gewartet und auf die Möglichkeit, sich mit Architektur pur zu beschäftigen. Was nun wie Momentaufnahmen aussieht, entstand nach erheblicher Vorarbeit — zumal weil in Columbus bedeckte Himmel, unter derem diffusen Licht Inga Paas am liebsten arbeitet, - weil solche Himmel einfach rar waren und weil die dortige hohe Luftfeuchtigkeit ihren Ansprüchen an Klarheit einfach nicht genügte. Für jedes dieser Motive gab es so mehrere Lokaltermine, bis die Atmosphäre stimmen wollte. „Speziell in meinen menschenleeren Bildern““ schrieb mir Inga Paas „erkenne ich meine ersten emotionalen Eindrücke der Stadt wieder: Gegensätze, Blicke vor und hinter die Kulissen, Sauberkeit, Armut, Sicherheit, Leere.“ Und immer wieder Leere — wenn Sie sich besonders einmal im Nebenraum diese leblose Straßenschlucht mit einer Reihe von roten Parkuhren betrachten, so gewinnt diese Größe der Leere eine fast metaphysische Dimension und dieser Moment wiederum transportiert Inga Paas’ aktuelle Arbeiten weit über die Ortsbezogenheit Columbus/Ohio hinaus.

Diese Stadtlandschaften werden zu einem übertragbaren, schwer ertragbaren —nichtsdestoweniger universalen- Symptom von Urbanität
Und an der Stelle wissen wir nun ganz genau, dass es diese schlafwandlerische Sicherheit ist, die Inga Paas und Fred Marsh verbindet — die Fähigkeit, unseren Blick für das Allgemeine im Besonderen zu öffnen und umgekehrt, hiesse es nun in Dresden/Deutschland oder Columbus/USA oder gänzlich anderswo.
© Susanne Altmann

Autorin

Susanne Altmann, Kunsthistorikerin
Dresden/ Leipzig