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Rezension

Jürgen Richter (Hg.): Dresden in den 50er Jahren. Dresdner öffnen ihre Fotoalben, Dresden (Sächsische Zeitung), 2003, ISBN 3-910175-04-X, EUR 12,90

Wolfgang Hesse

Gestalterisch wenig oder nicht ambitionierte Amateure, Knipser also, fotografieren immer nur sich selbst. Dies gilt auch dann, wenn die Bilder auf den ersten Blick anderes zeigen. Das Autobiografische bedarf der kontextualisierenden Erzählung, um vollständig zu werden. Nicht nur wegen der vergehenden Zeit finden sich daher bei den Bildern des vorliegenden Bands Kapiteleinleitungen und teils recht ausführliche Bildlegenden. Es soll, so der erklärte Anspruch, „vielen Menschen die damalige Zeit näher“ gebracht werden. In der öffentlichen Sicherung solcher privater Erinnerungen liegt das Verdienst des vorliegenden Buchs. Es ergänzt bereits publizierte Bände mit Pressefotografien wie von Kurt Schaarschuch — und etwa auch die bisher weitgehend ungehobenen Archive lokaler Bildreporter wie beispielsweise Erich Höhne/Erich Pohl oder Richard Peter sen.
Auf 256 Seiten im DIN A4-Querformat von 21 x 29,5 cm versammelt der Band eine Fülle von Fotografien — wohl zugunsten des Preises in eher mäßiger Qualität gedruckt. Eingeschlossen sind einige Reproduktionen von Zeichnungen. Die Bilder wurden aus über 750 Einsendungen ausgewählt, die auf einen entsprechenden Aufruf der Sächsischen Zeitung hin zur Verfügung gestellt worden waren. Nun finden sie sich in 16 Kapiteln angeordnet (dazu noch eine Chronologie der Ereignisse, mit eingestreuten Aufnahmen einiger Orte in heutiger Gestalt, ebenfalls in Schwarzweiß). So werden kleine Geschichten als Teil der großen eingefangen.
Rein quantitativ dominierend: Enttrümmerung und Wiederbeginn. Menschenleere Stadtansichten zeigen Zerstörungen, abgeräumte Flächen und Neubauten. Sie heben ebenso wie Bilder von Menschen bei der Arbeit oder in Pausenposen die Aufbauleistung hervor. Beide Bildformen erweisen sich als weitgehend vom zeitgenössisch Politischen entkleidet (Bilder von 1.-Mai-Aufzügen und Politprominenz, die Aufnahme eines Panzers der Sowjetarmee am 17. Juni 1953 sind Ausnahmen). Es wird deutlich, was auch die Erläuterungen nicht verschweigen: Das neue Dresdner Zentrum ist eine neue Ansiedlung nach neuer Logik auf neuem Grundriß mit eingestreuten historistischen Rekonstruktionen einiger Hauptbauwerke, eine moderne Stadt (daß sie eine sozialistische war, gerät fast aus dem Blick).
Solche Betrachtungsweise ist zwar wohltuend unsentimental, wie auch die Fotografien durch das oft Beiläufige mehr charakterisiert sind als durch bedeutungsgeladene, ambitionierte Gestaltungen. Doch ist solche Darstellung gleichwohl nicht ideologiefrei. Das Immer-so-weiter des Alltags bildet sich durch Blicke auf ein sich normalisierendes Leben ab, den zweiten großen Themenkomplex des Buchs. Wie aber dies verstanden sein soll, zeigt etwa die Bildlegende zu einer Aufnahme des Kunstgebäudes: „Und die griechische Siegesgöttin wird gar wie noch nie zum Symbol der Stadt: Dresden ist zwar zerstört, aber nicht besiegt“. Verstärkt durch solche Bemerkungen, gerät das Heraustreten aus der Zeitgeschichte zum Programm: Selbstfeier des vergleichslos Selbstbewußten.
Ähnlich zwiespältig ist auch der Umgang mit den eingelieferten Vorlagen geraten. So lobenswert der Anspruch des Vorworts auch ist: „Der Authentizität wegen sind die Fotos im Original abgebildet und nicht fototechnisch verfeinert worden.“ — die Maßstäblichkeit der Fotografien ging verloren, sie wurden ihrer Ränder und evt. Beschriftungen beraubt. Aber vielleicht muß das alles auch so sein. Denn in Büchern wie diesem wird im virtuellen gemeinsamen Fotoalbum in Bild und Text ein Gemeinsames konstruiert: eine kollektive Erinnerung an das Dresden der 50er Jahre. Und der stehen Widersprüche nicht gut an.
© Wolfgang Hesse

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Wolfgang Hesse
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