Springe direkt zu: Hauptnavigation | Inhaltsbereich | Suchfunktion

www.dresden.de

Hauptnavigation

Themen

Herausgeber

Torsten Seidel: Portrait of this mortal Coil

Rede zur Ausstellungseröffnung des Berliner Künstlers und Fotografen Torsten Seidel

Wolfgang Hesse, Festspielhaus Hellerau, 8. November 2003

Nach dem Abzug der sowjetischen Soldaten 1992, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Festspielhausgelände Dresden-Hellerau unter anderem ein Lazarett eingerichtet hatten, fand man im westlichen Seitengebäude eine Kiste mit Röntgenaufnahmen. Sie stammen aus den späten 80er Jahren, aus der Zeit kurz vor dem Ende der DDR und des Kalten Krieges, dem sie ebenso zugehören wie zu seinem Nachleben. Der Berliner Fotograf und Künstler Torsten Seidel hat sich des Materials angenommen. Nun ist ein kleiner Teil dieser Bilder — verwandelt — zurückgekommen, auf Zeit, in der von Friederike Meyer kuratierten Ausstellung, über die zu sprechen ich das Vergnügen habe.

Fast jeder von uns verbindet mit Röntgenfotografien eigenes Erlebtes oder zumindest Assoziationen, und es sind wohl zumeist Krankheitserfahrungen und Todesbilder, die wir erinnern. Das liegt nicht nur an dem naturwissenschaftlich-medizinischen Nutzen dieser Aufzeichnungstechnik. Denn nächst der praktischen Seite funktionieren abgebildete Menschenschädel als Sinn-Bilder, als Emblemata ohne Text, als memento mori. Aber steht nicht vielleicht doch die Wirklichkeit der neuen technischen Bilder quer zu den alten Ikonografien?

Die Entdeckung der Röntgenstrahlen ist eine der Sternstunden moderner Physik, der denn auch 1901 der erste in dieser Wissenschaft verliehene Nobelpreis zuerkannt worden ist. Sie ist auf den 22. Dezember 1895 datiert, als es dem Physiker Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg gelang, einen festen Körper mit unsichtbarer Strahlung zu durchdringen und die projizierten Schattenbilder der unterschiedlich dichten Materie als „eine Art kameraloser Fotografie“ [1] auf einer Platte zu fixieren. Es ist die beringte Hand seiner Frau Anna, die als Ikone in die Bildgeschichte der Moderne einging.

Der Erfolg der neuen Bilder des Unsichtbaren war spektakulär, und er verband sich mit zeitgleichen Erfindungen: „Der Zufall will es, daß im selben Jahr weitere bedeutende Ereignisse zu verzeichnen sind, die die Epoche der beginnenden Moderne prägten: die erste Vorführung eines Films durch die Gebrüder Lumière, die Entdeckung der Wunscherfüllung im Traum durch Sigmund Freud, die Sichtbarmachung der Bahnen subatomarer Teilchen durch Wilson und die erste drahtlose Telegrafie durch Marconi. Im wesentlichen ist dies erstmals ein massiver Vorstoß ins Unsichtbare, in eine Welt der Abbildungen und Projektionen bis hin zur Fiktion, ein Aspekt der Wirklichkeit, der uns bis heute begleitet.“ [2] In Medizin, Astronomie, Materialkunde auf Molekularebene, in Archäologie und Kunsttechnologie hat die Röntgenfotografie die Erkenntnisse über die Materialität der Welt entscheidend erweitern helfen — und sie hat ihre Spuren auch in der Kunst hinterlassen. So hat August Strindberg als engagierter Amateurfotograf mit Röntgenstrahlen experimentiert, haben später Performance.Künstler der 1970er und 80er Jahre ihre eigenen Krankengeschichten in Installationen eingebaut wie Anna Oppermann oder Anthony Z. Romano, hat Jürgen Klauke sind selbst als durchleuchteten Fotografen abgebildet in durchaus ironischer Geste, finden sich Röntgenbilder bei Sigmar Polke und anderen [3].

Dabei ist immer das breite Spektrum zwischen der Einbettung des menschlichen Körpers in das naturwissenschaftliche Paradigma einerseits und dem Drang zum Geheimnisvollen, Unaufklärbaren, Undurchsichtig-Okkulten durchaus sich durchdringend gemeint. Die Freisetzung der Selbstaufzeichnung der Kräfte der Natur in der Fotografie findet ihre Parallelen in der Selbstaufzeichnung der Geistestätigkeit, die ihre Legitimation in der Entdeckung der natürlichen Strahlung unserer Welt fand. Verwandlungen überall, Leben im Unsichtbaren, unvorstellbar Kleinen aus dem sich unsere Welt zusammensetzt, alles ist Strahlung und Welle und Energie. Die durchleuchteten Körper werden in ähnlichen Kategorien begriffen wie die zum Sprechen über ihre Seele gebrachten Patienten des Analytikers Freud.

„Nun spricht Röntgen jedoch nicht von Durchsichts-, sondern von Schattenbildern. (...) Denn die Schatten zeigen, daß es um das Phänomen der Dichte geht: Die Dinge werden nicht, wie in der herkömmlichen Fotografie, als perspektivische Oberflächenerscheinungen fixiert. (...) Wollte man den Vorgang anthropomorphisieren, so wäre eher der Tastsinn als der Sehsinn aufzurufen.(...) Unter dem Gesichtspunkt der Strahlungsqualität transformiert die Röntgenfotografie Fühlbares in Visualität. (...) Das Traumbild (bei Freud, W.H.) ist für diesen Prozeß — Bewegung, Durchgang, Anhäufung, Besetzung — paradigmatisch: Auch wenn der Traum sich als reine Visualität zu geben scheint, seine verteilten Intensitäten zeigen, daß er über unterschiedliche Verdichtungen verfügt. (...) Auch der Traum ist also ein Dichte-Bild. (...) Es zeigen sich am Ende des 19. Jahrhunderts Ströme und Wellen, die die Nacht, die Dunkelheit, die Opazität durchdringen. Traumtheorie, Kino, Röntgentechnik — ihr Gemeinsames haben sie darin, daß Apparate den Raum mit Energie anfüllen, die Bildeffekte zu erzeugen vermögen. Man entdeckt, konstruiert, benutzt Energien, die die Dinglichkeit auflösen. Ab dem Jahre 1895 wird sichtbar, daß die Extensivität von der Intensität abgelöst wird.“ [4]

So verbinden sich auf verschiedenen Ebenen unsere mitgebrachten Bilder mit den vorgefundenen. Die von Torsten Seidel ausgewählten, von ihm moderat als Porträts bearbeiteten und dann ins Riesige vergrößerten Röntgenbilder von anonymisierten Soldaten der Roten Armee sind vor solchem Hintergrund betrachtet Allegorien der Moderne. Es sind einerseits fotorealistische Dokumentationen Lebender, die, wenn man sie mit dem kenntnisreichen Blick von Medizinern sieht, verstopfte Nebenhöhlen oder andere Krankheiten preisgeben.

Für die nur visuell und ikonografisch geleiteten Betrachter jedoch geschieht Verwirrendes, es überlagern sich die Ebenen, in denen unsere perspektivisches Verstehen gewohnten Augen nach eindeutiger räumlicher Trennung von vorn und hinten suchen — und doch nur ein Übereinander durchdringender, synchroner Dichtezonen finden. Sind doch die Gesichtszüge eingegangen in die Darstellung der Schädel- und Gesichtspartien, fallweise von vorn oder von hinten aufgenommen. Sie bilden sich aus wolkigen Flächen, verstärkt durch das Eigenleben der von Mikroben veränderten Gelatineschichten — so verliert sich im fotografischen Bild ganz gegen unsere Gewohnheiten die Physiognomie der Personen. Ihr Aussehen bleibt unserer Wahrnehmung entzogen und unserer Vorstellung überlassen, als wären sie im medizinischen Paradigma objektiviert worden zu Menschen an sich, wie Durchschnittsbilder, anthropologischen Konstanten.

Kulturhistorisch bedacht schließlich verbinden sich die Strahlungsschatten mit dem Wissen um die Strahlungen des Universums, um das Erkennen von Molekularstrukturen, in kosmologischen Dimensionen moderner Weltbilder, die sich in menschlichen Physiognomien spiegeln.

Schließlich aus den intendierten Nutzanwendungen und naturwissenschaftlicher Theorie emanzipiert, finden sich die Bilder in der Kunstgeschichte ein. Hier aktivieren sie unsere bewußten oder unbewußten Innen-Bilder, gemahnen etwa an Edvard Munchs „Der Schrei“ oder von ihrem Format und im Wissen einer fiktiven Detailgenauigkeit an den Fotorealismus der 70er Jahre — wenn sie auch sich der herkömmlichen Physiognomik der Oberflächen verweigern. Doch verbinden sich die aufnahmebedingten Haltungen und Abbildungsverhältnisse, die hellen und dunklen Flächen, die scharf gestellten Ebenen und verschwimmend abgebildeten Partien zu Chiffren, zu Mimiken und Gesten existentieller Not, schreiend und gequält, als goyasche Phantasmen oder solche von Francis Bacon evozierend — die dunkle Seite der Aufklärung und ihrer Lichtmetaphorik. In solcher Ambivalenz von ästhetischer Deformation des Körpers im Bild, objektiver Aufzeichnung für pragmatische Zwecke, von dokumentierendem Abbild und assoziativ aufgeladenem Bild kehren die abgezogenen sowjetischen Soldaten wieder nach Hellerau zurück — diesmal öffentlich, nicht mehr vom Leben der DDR-Bürger bewußt ferngehalten wie einst.

In der Installation des Raums erhöht, als Revenants in bildhaften Abstraktionen erfahren sie eine schattenhafte, doch gerade hierin umso intensivere Rückkehr ins Festspielhaus. Dessen Halle erscheint einmal mehr als Tempel untergegangener Riten, in dem allerlei Geister umgehen — erlöste wie unerlöste.
© Wolfgang Hesse

Anmerkungen

[1] Gottfried Jäger: Bildgebende Fotografie, Köln 1988, S. 203
[2] Technisches Museum Wien: 100 Jahre Röntgen. Grundlagen und Anwendungen, Wien 1996, S. 1
[3] vgl. insbesondere Andreas Fischer (Hg.): Im Reich der Phantome. Fotografie des Unsichtbaren, Mönchengladbach/Krems/Winterthur 1997. Dank für den Hinweis an Rolf Sachsse, Bonn/Krefeld.
[4] Gunnar Schmidt: 1895: Freud | Röntgen. Mit einem Nachtrag zu Hermann Krone, in: Wolfgang Hesse, Timm Starl (Hg.): Der Photopionier Hermann Krone. Photographie und Apparatur. Bildkultur und Phototechnik im 19. Jahrhundert, Marburg 1998, S. 167-176, hier S. 173

Autor

Wolfgang Hesse
Redaktion Rundbrief Fotografie

Postanschrift 
Postfach 210256
D-01263 Dresden
Telefonnummer 
+49-351-3160990
Faxnummer 
+49-351-3160992
Internetadresse 
www.foto.unibas.ch/~rundbrief