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Zum Nachlass Christian Borchert in der Handschriftensammlung der SLUB

Christian Borchert (1942-2000) – ein Leben in Bildern und Dokumenten

Annett Schmerler

Im Sommer 2000 verunglückte der in Dresden geborene und in Berlin tätige Fotograf Christian Borchert tödlich. Noch im selben Jahr konnte die Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) mit Mitteln des Freistaates Sachsen sowie der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius seinen fotografischen und schriftlichen Nachlass erwerben, der in den Bestand der Abteilungen Deutsche Fotothek und Handschriftensammlung aufgenommen wurde. Die Deutsche Fotothek übernahm ca. 230000 Negative, 10000 Arbeitsabzüge sowie 3000 Dias und die Handschriftensammlung diejenigen schriftlichen Unterlagen, die im folgenden genauer charakterisiert werden sollen. Die Druckbelege wurden - soweit noch vorhanden — bibliothekarisch erfasst und anschließend in die Bestände der SLUB integriert. Die Ausstellungsabzüge als weitere Bestandteile des Nachlasses gingen an die Berlinische Galerie (ca. 1400 Motive) und an das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (ca. 500 Motive).

Christian Borchert gilt als einer der bedeutendsten deutschen Fotografen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Schwerpunkte seines Schaffens lagen besonders auf den Gebieten Porträt-, Sozial- und Stadtdokumentation. Seiner Heimatstadt Dresden blieb Borchert nicht nur als Fotograf, sondern auch als Herausgeber verbunden. Erinnert sei beispielsweise an „Semperoper Dresden — Bilder einer Baulandschaft“ (Verlag der Kunst 1985), „Dresden. Flug in die Vergangenheit“ (Verlag der Kunst 1993) oder „Zeitreise. Bilder einer Stadt“ (Verlag der Kunst 1996).

Familie

Den ersten großen Komplex des Nachlasses in der Handschriftensammlung der SLUB bilden Materialien zur Familiengeschichte einschließlich einer Sammlung zur Familienforschung, Fotoalben und Korrespondenz. Der Familie Borchert, die sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, scheint das Sammeln und Bewahren im Blut gelegen zu haben. Das Gesammelte wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Die Interessen der einzelnen Familienmitglieder erstreckten sich auf verschiedene Gebiete: Christian Borcherts Großvater Gustav beschäftigte sich beispielsweise mit Ahnenforschung und Wetterkunde, von ihm haben sich auch Rezepte und Gedanken über die deutsche Sprache erhalten. Borcherts Onkel Walter wurde Maler und beschäftigte sich mit Astrologie: in mehreren Briefen erläutert er seinem Neffen — auf dessen interessierte Nachfrage — die genaue Konstellation der Sterne zum Zeitpunkt von dessen Geburt. Borcherts Vater sammelte Autogramme von Schauspielern, zudem ergriff ihn Fernweh, das ausschlaggebend für den Bau eines Bootes wurde. Sein Traum von einem unsinkbaren Schiff und Aufzeichnungen von verschiedenen Bootsreisen bildeten offenbar die Grundlage für ein Theaterstück, während der tragische Fall der Ermordung der Großmutter von Christian Borchert den Stoff für eine Kriminalgeschichte lieferte, die in einem Publikationsorgan der Nationalen Volksarmee veröffentlicht wurde (Armee-Rundschau 8/1964).

Die Fotoalben, z.T. von Borchert selbst zusammengestellt, mit Notizen und Reproduktionen alter Fotografien versehen, präsentieren sich sorgfältig und liebevoll gestaltet. In Alltagsfotos, die Aufschlüsse über Kleidung, Wohnungseinrichtung etc. geben, und Aufnahmen von Faschingsfeiern, Hochzeitsgesellschaften etc. wird ein anschauliches Bild der Lebens- und Festkultur der Familie Borchert in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermittelt. Dieses wird von Glückwunschkarten, selbstverfassten Liedern und Festschriften zu familiären Anlässen ergänzt.

Auch in der Familienkorrespondenz und in verschiedenen anderen Schriftstücken spiegelt sich ein Stück Dresdner Zeitgeschichte wider, so z.B. in Notizen zum 13. Februar 1945 oder einer Liste der Tauschgegenstände aus der Hungerszeit nach dem Kriegsende.

Biografisches

Der zweite große Komplex befasst sich mit dem Leben und den Lebensumständen des vielversprechenden Sonntagskindes Christian Borchert. In chronologischer Folge dokumentieren Schriftstücke u.a. Materialien dessen Lebensweg, ergänzt von einer chronologischen Fotosammlung, aber auch amtlichen Unterlagen wie Steuererklärungen. Zu Borcherts persönliche Kindheitserinnerungen, die noch in die letzten Kriegsjahre fallen, zählen Ausmal-Heftchen, verschiedene Spiele, selbstgebastelte Handpuppen u.a. Seine auffallende Ordnungsliebe sticht in seiner Sammlung von „Stammbuchblümchen“ und Briefmarken ebenso ins Auge wie in den Schulheften und Schulbüchern. Die Materialien der Schulzeit geben wiederum bildungspolitische Aufschlüsse: sie informieren über gestellte Aufsatzthemen, Inhalte des Geschichtsunterrichtes, das Pensum der Hausaufgaben, das Niveau mancher Klassenarbeiten usw. Auf dem Stundenplan standen z.B. auch Kalligraphie/ Kunstschrift, sowohl in der Grund- als auch in der Oberschule. Borcherts Heimatkunde-Unterricht fiel in eine Zeit, in der Geographie und Kultur Gesamtdeutschlands behandelt wurde, obwohl der Staat bereits politisch geteilt war. Auf der anderen Seite lässt sich die Entwicklung des politisch-ideologischen Einflusses in schulische Belange verfolgen, sei es in den 10 sozialistischen Moralgesetzen oder in einer Entschuldigung wegen einer versäumten Schrottsammlung. Teilweise Amüsantes bietet die Bebilderung bzw. Werbung auf Schulheften.

Borcherts fotografische Anfänge lassen sich bis in seine Kindheit zurückverfolgen. Stolz vermerkte er jede neue Anschaffung in seinen Taschenkalendern, seine Weihnachts- und Geburtstagswunschlisten bestanden fast ausschließlich aus Büchern und Fotomaterialien. Dennoch verdiente er sich die meisten Anschaffungen selbst: als Komparse beim Dresdner Staatstheater, in der Weinkelterei Robert Weber und anderswo. Auch begann er frühzeitig, Drehbücher zu schreiben z.B. zu Don Quichote und dem Produktionsprozess in der Firma Robert Weber. Vielleicht liegt bereits hier der Keim seiner späteren Entwicklung: die Vorliebe und ein geschärfter Blick für das Alltägliche. Immer wieder stößt man auf Fotos der Familie, meist in Alltagssituationen. Besonders gelungen sind ihm Porträts alter Menschen in ihrem Umfeld. Vor allem mit seinem Vater scheint Christian Borchert eng verbunden gewesen zu sein, Aufnahmen aus der Werkstatt, beim Bootsbau etc. füllen mehrere Fotoalben. Borcherts ursprünglicher Wunsch, Kameramann zu werden, ließ sich nicht verwirklichen, und so führte ihn sein Weg über die Ingenieurschule für Filmtechnik in Potsdam-Babelsberg, und Arbeitsstellen als Güteingenieur und Verwaltungsangestellter in Wolfen, Babelsberg und Berlin zu einer Beschäftigung als Bildreporter bei der „Neuen Berliner Illustrierten“ (NBI), bis er 1975 freischaffend tätig werden konnte.

Korrespondenz

Der beträchtliche Briefwechsel von Christian Borchert umfasst Schriftverkehr mit annähernd 200 Persönlichkeiten. Zu den namhaftesten zählen vorrangig bildende Künstler (Horst Bartnig, Hermann Glöckner, Ernst Lewinger, Curt Querner, Herbert Tucholski, Max Uhlig), aber auch Schriftsteller (Günter de Bruyn, Franz Fühmann, Christa Wolf ), Musiker (Paul Dessau, Rainer Kunad, Siegfried Matthus, Ruth Zechlin) u.a. Kulturschaffende (Ernst Hermann Meyer, Fritz Löffler). Der Auftrag zur Anfertigung einer Porträtserie von zahlreichen Mitgliedern der Akademie der Künste, ließ eine von Borchert angelegte „Künstlerdatei“ entstehen, in der er seine ersten Eindrücke oder Aussprüche der von ihm Porträtierten vermerkte. Groß ist auch die Zahl der Freunde und Bekannten, von denen viele ebenfalls schriftstellerisch und künstlerisch tätig sind (Heinz Czechowski, Peter Gehrisch, Wulf Kirsten, Richard Pietraß, Helfried Strauß u.a.).

Werk

Der größte Teil des Nachlasses von Christian Borchert in der Handschriftensammlung der SLUB betrifft dessen Werk und Wirken. Rezensionen, Plakate und Schriftwechsel künden von einer regen Ausstellungstätigkeit. Diese wie auch Materialien zu verschiedenen anderen Aufträgen und Projekten werden chronologisch dokumentiert, während bestimmte Themenkreise, die Borchert über mehrere Jahre beschäftigten, und aus denen meist Publikationen hervorgingen, extra zusammengefasst werden. Dazu zählen die Aufträge zu „Familienporträts“, Ausstellungen und Publikationen zu „Berliner“, einem Projekt der Dokumentation sämtlicher Plastiken von Georg Kolbe oder zu dem leider abgebrochenen Vorhaben „Motive aus der DDR“. Wie gewissenhaft Borchert seiner Aufgabe als Herausgeber nachkam, belegen die Konvolute zu seinen Büchern, z.B. „Victor Klemperer. Ein Leben in Bildern“, zu denen sich umfangreiche Recherche- und Sammelmaterialien erhalten haben.

Sammlung

Ein besonderes Faible Borcherts bestand in dessen Sammlerleidenschaft, gepaart mit dem Blick für Skurriles, Kurioses, Paradoxes etc. Einblicke in diese Sammlung vermittelt der letzte Komplex des Nachlasses. Das hier von Borchert Zusammengetragene umfasst neben einer Fotosammlung (Alben und Einzelfotos aus Antiquariaten und Trödelmärkten), eine Postkartensammlung (unter verschiedenen thematischen Gesichtspunkten: altes Dresden bis zur modernen Kunst), eine Sammlung von Autogrammen zeitgenössischer, von Borchert porträtierter Künstler aus den Jahren 1975-1978 und eine große Anzahl von Ausstellungseinladungen. Vielfältig erscheint auch das Spektrum der Zeitungsartikel zu Künstlern und Ausstellungen, zum historischen Dresden, der Stadtentwicklung sowie Artikeln, die darauf hindeuten, dass Borchert zu den Menschen zählte, die am aktuellen Zeitgeschehen Anteil nahmen. Zu den vielleicht kuriosesten Sammelstücken Borcherts zählen Etiketten, Verpackungen und typische kleine Gebrauchsgegenstände aus der DDR-Zeit.

Der Nachlass von Christian Borchert vermittelt aufgrund der Materialfülle ein komplexes und anschauliches Bild von dessen Persönlichkeit, seinem Blick auf die Welt im Großen und das Alltägliche im Kleinen. Das „Werk“ im engeren Sinn nimmt im Gesamtkontext nur einen Teil des Nachlasses ein, auch wenn das Leben unweigerlich mit dem Wirken verwoben ist. So handeln seine Korrespondenz oder tagebuchartigen Notizen auch von künstlerischen Fragen. Darüber hinaus dürfte dieser Nachlass in soziologisch-sozialgeschichtlicher Hinsicht von Interesse sein, da sich aus der Zeit eines ganzen Jahrhunderts (ca. 1900-2000) Nachweise zu Verdiensten, Renten, Lebenskosten, Rücklagen etc. erhalten haben. Für die SLUB ist Borcherts Vermächtnis noch in anderer Weise bedeutsam: es ist dies der erste umfassende Nachlass, der mit der Software allegro-HANS erfasst wird. Diese Datenbank ermöglicht den Nutzern, nach Stichpunkten zu recherchieren, die man nicht unmittelbar mit dem Namen Borchert und seinem Nachlass in Verbindung bringen würde, wie z.B. Materialien zur Dampfschifffahrt aus den Unterlagen des Großvaters oder alte Aufnahmen der 1946 abgebrannten Weinbergkirche Dresden-Trachenberge, die in den Dokumenten zu Borcherts Großmutter enthalten sind.

Borcherts Nachlass in der Handschriftensammlung, der derzeit noch in Bearbeitung ist, umfasst etwa 80 Kapseln und 15 Ordner. Sobald der Nachlass vollständig erschlossen ist, wird er recherchierbar und damit auch zugänglich sein. Doch da aufgrund der Haushaltsperre auch die Weiterbeschäftigung der Bearbeiterin nicht gewährleistet werden kann, ist die Fertigstellung nach dem derzeitigen Stand der Dinge nicht abzusehen.
© Annett Schmerler

Autorin

Annett Schmerler
SLUB, Handschriftensammlung

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