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Blicke / Fragmente

Bilder jüdischen Lebens aus Beständen der Deutschen Fotothek

Wolfgang Hesse

Im Vorfeld der Einweihung der neuen Dresdner Synagoge eingeladen, einen spezifischen Beitrag zu diesem Ereignis beizusteuern, gab es zunächst Fragen. Was gibt die seit mehr als 75 Jahren bestehende Sammlung der Deutschen Fotothek zum Thema her? Was überhaupt ist das Thema? Sollte sich die Auswahl nur auf Dresden beziehen oder sollte sie ortsunabhängig erfolgen? Wie würde die Rolle der Sammlung selbst als geschichtsbildende Institution einbezogen? Wo würde die Ausstellung zu sehen sein? Welche Gestaltung ergäbe sich aus dem inhaltlichen Konzept, den Bedingungen des Orts - und auch aus den finanziellen Möglichkeiten? Kurz: Welche Geschichte wäre zu erzählen und aus welcher Perspektive?

Systematisches

Es ist eine Frage nach historischen Ereignissen, nach kulturellen Mustern des Erkennens und Ausgrenzens, nach Umständen des Lebens und des Photographierens, der Begleitüberlieferung, der Menschengeschichte und der Bildgeschichte. Die in den 1980er Jahren von einem Fachwissenschaftler erstellte (und um diese Passagen mittlerweile gekürzte) Systematik der Deutschen Fotothek für das Gebiet Volkskunde führt mitten ins Problem: Juden erschienen dort (zusammen mit Zigeunern) nicht nur unter "6.5.2.6 Diffamierte ethnische Gruppen", sondern auch als "6.7.9 Nationale Minderheiten in Deutschland (Dänen, Juden, Zigeuner u.a.) sowie "6.9.9 Juden, Armenier, Zigeuner u.a. Kosmopoliten". Sind Juden eine "nationale Minderheit", keine Religionsgemeinschaft? Doch eine Ethnie? Sind Juden keine Deutschen - d.h. gilt die Logik der Nürnberger Gesetze von 1935 noch, nach Auschwitz? Oder auch: Sind "die Juden" als "Kosmopoliten" dem amerikanischen Kosmopolitismus verwandt, dem aus der Perspektive des stalinistischen Nationalismus kulturlos-ubiquitären Prinzip? Geistert da die zionistische Weltverschwörung? Schwingt doch noch der Begriff des Weltbürgers als Hoffnung der Aufklärung mit? Die offenkundige Bedenkenlosigkeit solcher rassistischen Ideologeme mit ihrer naturwissenschaftlich-politischen Ausgrenzungslogik ist frappant. Kurz und grob: Galt der Antifaschismus der DDR nicht für Juden? Wie also hiermit hantieren, zumal auch die Naturwissenschaftssystematik der Deutschen Fotothek ihre an K.F. Günther und anderen Autoren der 1920er und 30er Jahre geschulten Entsprechungen rassistischer Logik bereithielt: "2.4.7 Europäciden" (incl. "2.4.7.7 Ostische, Dinarische, Alpine", "2.4.7.8 Nordische, Fälische, Ostbaltische"), hierarchisch gefolgt von "2.4.8 Mongoliden" und "2.4.9 Negroiden" ...

Bestandssichtung

Die Sichtung des Bestands ergab unter unterschiedlichen Suchstrategien nach Orten und Schlagworten, nach Namen von Dargestellten wie von Photographen (auch unter Benutzung der Systematik), eine Fülle von Bildmaterial: Aufnahmen von Berühmten, von Namenlosen, von Synagogen, von alten und neuen Friedhöfen, Luftbilder von Dresden mit der Synagoge und ohne sie nach dem Novemberpogrom 1938, ein dicker Aktenordner voller Kontaktabzüge mit der Aufschrift "Juden in Berlin. Unbearbeitet" aus der Nachkriegszeit, Bilder von der Beerdigung des Malers Max Liebermann 1935, Bilder jüdischer Überlebender und ihrer (amerikanischen) Hilfsorganisationen 1946/47 aus Berlin - und zugleich von erneut geschändeten Gräbern. Bilder der hauseigenen Photographen sind dabei, Aufnahmen in den Nachlässen der in Deutschland überlebenden jüdischen Bildreporter Abraham Pisarek und Fritz Eschen, eine Reportage von Klaus Eschen von seiner Israel-Reise 1966, Duplikat-Negative des sowjetischen Militärphotographen Viktor Tjomin aus Vernichtungslagern, Feierstunden der VVN aus dem Archiv der Dresdner Bildreporter Höhne und Pohl, Diapositive von Gedenkstätten in der DDR und anderen sozialistischen Ländern für den Schulunterricht, Reproduktionen aus Büchern mit Bildern aus Konzentrationslagern, Knipseraufnahmen eines Deutschen im zerstörten Lublin 1941. Es mögen an die 3.000 Motive sein, darunter vielbildrige Reportagen.

Gruppierung

Die Fotothek als zwar landeskundlich angelegtes, in praxi aber universalistisches Bildarchiv hat unter Sammlungsstrategien der Ortsbilddokumentation und von Architekturen zahlreiche Dokumente gesammelt, die auch für den vorliegenden Zweck nutzbar sind. Dieser Rahmen wurde erweitert, seitdem seit Anfang der 70er Jahre sozialdokumentarische Photographien in z.T. großen Konvoluten folgten. Eine Auswahl kann also sowohl einige wesentliche Aspekte jüdischer Existenz in Deutschland verdeutlichen, als auch einen Querschnitt durch Bestände der Deutschen Fotothek zeigen. Wiewohl Forschungsarbeit zum Quellencharakter der Photographien unter den gegebenen Umständen nicht möglich war, erschien es dennoch wichtig, zugleich Funktionen von Photographie in ihren unterschiedlichen Gebrauchsweisen zu zeigen: als öffentliches Dokument, private Erinnerung, authentisches Zeugnis, überhöhende Gestaltung, als Original und als über Generationen immer wieder neu erzeugte Reproduktion. Die etwa 150 Aufnahmen der schließlich getroffenen Auswahl gruppieren sich in: Menschenbilder, Synagoge - Ort der Versammlung , Friedhöfe, Beerdigung von Max Liebermann 1935, Vernichtung: Lublin 1941, Nach der Befreiung, Israel 1966, Gedenkstätten.

Gestaltung

Für die Kommentierung der Bildauswahl, teilweise auch für diese selbst, konnte die Deutsche Fotothek auf kollegiale Unterstützung bauen. So erklärte sich Helmuth Braun (Jüdisches Museum Berlin) zur Mitarbeit ebenso bereit wie Miriam Yegane Arani (ebenfalls Berlin) und Fritz Eschen (Teltow). In Dresden kam es zu einer produktiven Kooperation mit dem Verein Hatikva, von dem Nora Goldenbogen, Heike Liebsch und Gunda Ulbricht Texte beisteuerten, ein Beitrag schließlich stammt von Anne Spitzer aus der Abteilung selbst. Die schriftlichen Beiträge erläuterten die dargestellten Sachverhalte. Die ausgewählten Photographien mitsamt den Texten sind in 8 Alben auf Tische im Lesesaal der Zentralbibliothek der SLUB am Zelleschen Weg aufgelegt - in der konzentrierten Atmosphäre des Orts, dem Entlangflanieren entzogen, nur sitzend zu betrachten, eine Entscheidung zum Anschauen erzwingend und auch hierin Teil des Anspruchs einer Bibliothek nach Durchdringung der vorgelegten Informationen. Stelltafeln rahmen einen angedeuteten Teilraum; sie tragen gut lesbar die Einleitungstexte - als Hinführung zum Sehen.

Ausblick

Positioniert durch Texte werden Bilder in einer Fülle gezeigt, die vielfach allein schon eine Identifizierung der Motive uferlos erscheinen lässt. Und der weitaus größere Teil der Photographien blieb im Depot. Um so wichtiger, eine gründliche Recherche nach ihren Entstehungs- und Nutzungszusammenhängen und damit eine Klärung ihres Quellenwerts für die Zeit des Dritten Reichs und der Folgezeiten anzustreben. Eine solche Forschungsarbeit wäre auch in anderen Dresdner Sammlungen zu leisten, um den vorkritischen und vielfach nur symbolischen Gebrauch der Bilder auf eine neue Stufe präzisierter Kenntnis stellen zu können.
© Wolfgang Hesse

Autor

Wolfgang Hesse
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